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Hamburg: Der Hafen und die Krise

Er war der große Gewinner der Globalisierung, entwickelte sich zum zweitgrößten Handelszentrum Europas: der Hamburger Hafen. Doch nun trifft ihn die Krise so schwer wie keinen zweiten Ort in Deutschland.

Von Sönke Wiese

Wie es einem Hafen geht, lässt sich genau messen - in TEU. Das Kürzel steht für "Twenty-foot Equivalent Unit" und beschreibt nichts anderes als einen Standardcontainer. Und über 40 Jahre ging es dem Hamburger Hafen gut, bestens sogar. Denn die Containerschiffe brachten immer mehr TEUs. "Selbst in früheren Krisenzeiten hatten wir stets ein moderates Wachstum", sagt Klaus-Dieter Peters, Chef der Hamburger Hafen Logistik AG (HHLA). So verzeichnete der Hafen jahrzehntelang Rekord um Rekord. 1980: knapp eine Million TEU. 1990: über zwei Millionen TEU. 2000: knapp fünf Millionen TEU. 2008 wollte Hamburg erstmals die Zehn-Millionen-Marke knacken, bald darauf den Konkurrenten Rotterdam überholen und so endgültig zum wichtigsten Containerhafen Europas werden.

Doch daraus wird vorerst nichts. Statt eines erneuten Rekords gibt es nun zum ersten Mal einen heftigen Einbruch beim Containerumschlag. Und was für einen: Im ersten Halbjahr 2009 wurden in Hamburg nur noch 3,6 Millionen TEU umgeschlagen, 30 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Krise trifft Europas zweitgrößtes Handelszentrum mit voller Wucht.

Alle zwei Stunden ein Schiff

Das hat zur Folge, dass der Einbruch der Weltwirtschaft nur an wenigen Orten in Deutschland so sichtbar wird wie in Hamburg. Krise ist hier erlebbar, Tag für Tag: Denn der einstmals stete Warenstrom auf der Elbe ist verebbt. "Letztes Jahr kam noch jede Viertelstunde ein voll beladenes Containerschiff vorbei", sagt Reeder Peter Krämer. "Heute muss man oft zwei Stunden auf das nächste, halb beladene Schiff warten."

Insolvenzen, Kurzarbeit, Entlassungen - der Hafen ist im Alarmzustand, und Rettung ist keine in Sicht. Die Gesamthafenbetriebsgesellschaft (GHB), die Zeitarbeitsfirma für die Hafenarbeiter, musste deshalb einen Krisenplan für die nächsten vier Jahre auflegen. "Wir machen uns keine Illusionen darüber, dass die Probleme in absehbarer Zeit gelöst sind", sagt GHB-Betriebsratschef Bernt Kamin-Seggewies.

Vor allem die Reedereien stehen aus Sicht vieler führender Reeder erst am Beginn der Krise, Experten rechnen für 2011 mit dem Tiefpunkt. Das Problem: Obwohl heute schon hunderte Schiffe ohne Aufträge vor irgendwelchen Küsten dümpeln, bauen die Werften in den nächsten Jahren eifrig weitere Stahlkolosse - für insgesamt 540 Milliarden Dollar. Die meisten Bestellungen, in den Boomjahren leichtfertig aufgegeben, kommen aus Deutschland und können nicht storniert werden. Dabei haben hiesige Reeder mit über 1500 Containerschiffen ohnehin schon die weltweit größte Flotte.

"Wir verlieren an Rotterdam"

Verdient wird mit der Containerschifffahrt immer weniger, die Preise fallen. Die Frachtraten sind mittlerweile so stark gesunken, dass die Schiffsbetreiber mit jeder Fahrt Verluste machen - wenn sie überhaupt noch Aufträge bekommen. Hapag Lloyd, Deutschlands wichtigste Linienreederei, kämpft bereits ums Überleben; eine Staatsbürgschaft über 1,2 Milliarden Euro ist beantragt. Zu viele Schiffe, zu wenig Ladung: Das deutsche Reederei-Imperium steht vor dem Kollaps.

Wenn aber die Reeder Pleite gehen, werden die Warenströme neu verteilt - und Hamburg könnte weiter zurückfallen. Der Hafen ist teurer als sein großer Konkurrent Rotterdam. Denn auch Terminalbetreiber wie die HHLA haben auf einen fortwährenden Boom gewettet, sie müssen nun den ambitionierten Ausbau ihrer Anlagen refinanzieren. Bisher waren die Reedereien bereit, einen höheren Preis für den schnelleren, effizienteren Umschlag in Hamburg zu bezahlen. In der Krise allerdings muss jeder sparen. Ein Trend sei erkennbar, sagt GHB-Betriebsratschef Kamin-Seggewies: "Wir verlieren an Rotterdam."

In der Abwärtsspirale sind viele Hafenbetriebe und ihre Mitarbeiter gefangen: Seefrachtspediteure, Logistikfirmen, Terminalbetreiber, Werften, Raffinerien, Emissionshäuser, Schiffsbanken und -versicherungen. Knapp 150.000 Arbeitsplätze hängen am Hamburger Hafen.

Ein Team von stern.de hat recherchiert, wie die Menschen am Hamburger Hafen die Krise empfinden, wie sie um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen. Wir haben mit einem Reeder, mit Seeleuten, mit Hafenarbeitern und mit dem Chef des Terminalbetreibers HHLA gesprochen. Alle berichten von den Fehlern der Vergangenheit, ihren Sorgen und Existenzängsten - und von der Hoffnung, dass Hamburg irgendwann einmal wieder zu den Gewinnern der Globalisierung gehören könnte. In der großen Hafengrafik können Sie die Stimmung nachempfinden, sich wie auf einer Rundfahrt durch Interviews, Analysen, Text- und Videoreportagen sowie Fotostrecken klicken - und so noch besser verstehen, was Krise bedeutet.