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HOCHWASSERFOLGEN: »Es gibt Städte, da kann man nicht mehr einkaufen«

Von Karstadt bis zum Tante-Emma-Laden - allein in Sachsen sind rund 10.000 Einzelhändler von der Flut betroffen. Daran hängen fast 30.000 Arbeitsplätze.

Die langsam weichenden Wassermassen geben den Blick auf die Zerstörung frei - auch bei zahllosen kleinen und großen Firmen. Die Fluten haben ganze Unternehmer-Existenzen geschädigt oder gar vernichtet. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen, Eberhard Lucas, spricht von schätzungsweise 10.000 Geschäften, die vom Hochwasser getroffen wurden. »Es gibt Städte, da kann man nicht mehr einkaufen. Da gibt es überhaupt keinen Einzelhandel mehr.«

Kurzarbeit anmelden

Von »Karstadt bis zum Tante-Emma-Laden« reicht die Bandbreite betroffener Betriebe, so Lucas. Rund 30.000 Arbeitsplätze hängen daran. Doch es gibt auch Trost in der Katastrophe. Der Verbandsfunktionär lobt die Behörden: »Das läuft alles sehr unbürokratisch und unkonventionell.« So können betroffene Geschäftsinhaber bei den sächsischen Arbeitsämtern telefonisch Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter anmelden, statt Formulare auszufüllen. Das Ladenschlussgesetz wurde von der sächsischen Landesregierung bis auf weiteres außer Kraft gesetzt, damit sich Bürger und Helfer versorgen können.

Bayern geht es besser

In Bayern sieht die Lage ganz anders auch: »Es scheint so, dass der Einzelhandel in Bayern im Großen und Ganzen mit einem blauen Auge davon gekommen ist«, sagt Isa Gartiser, Geschäftsführerin im Landesverband des bayerischen Einzelhandels. Nichtsdestotrotz gibt es einzelne Betriebe - wie etwa ein Elektrofachgeschäft in Rodingen - wo das Lager unter Wasser stand und damit ein Großteil der Ware zerstört wurde. Und der Einzelhandel in Passau leidet jetzt im Nachhinein. »Dort ist ein Umsatzeinbruch zu verzeichnen, weil viele denken, da fahre ich gar nicht erst hin.«

»Handwerker helfen Handwerkern«

Die Handwerkskammer in Leipzig hat noch keinen Überblick, wieviele Betriebe in Mitleidenschaft gezogen wurden oder gar von den Wassermassen vernichtet wurden. »Wir werden das erst sehen, wenn das Wasser überall weg ist«, sagt Sprecherin Andrea Wolter. Die Handwerkskammer hat eine Hotline für die Unternehmen eingerichtet. Nach dem ersten Schock häuften sich nun die Anrufe. »Es werden täglich mehr, bisher haben sich rund 130 Betriebe gemeldet.«

Große Resonanz

Die Aktion »Handwerker helfen Handwerkern« der Kammer stößt Wolter zufolge auf große Resonanz. »Die Leute haben eine ganz große Bereitschaft zu helfen.« Viele Betriebe aus den betroffenen Gebieten benötigen Werkzeuge und Gerät, um die Aufräumarbeiten schnell voranzubringen. Sie brauchen aber auch materielle Unterstützung, um den Produktions- und Geschäftsbetrieb wieder aufzunehmen.

Aufträge werden übernommen

Geräte oder auch Fahrzeugtechnik wird zur Verfügung gestellt und es werden auch Aufträge übernommen, damit das betroffene Unternehmen die Auftraggeber halten kann, berichtet Wolter. Denn wer etwa als Zulieferer für die Industrie einmal aus der Kette ausfällt, ist sonst schnell ganz weg.

Hilfe unter Kollegen

Auch Teilbereiche im Handwerk haben Aktionen gestartet, so sollen unter dem Motto »Tischler helfen Tischlern« und »Bäcker helfen Bäckern« Kollegen mit finanzieller und tatkräftiger Hilfe den geschädigten Unternehmen zur Seite stehen. Der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, Eberhard Groebel, berichtet, dass allein in Sachsen rund 50 Bäckereien betroffen sind, »zum Teil existenziell«.

Betriebe wieder abreitsfähig machen

Der Bäcker-Verband schätzt, dass insgesamt wahrscheinlich 100 Bäckereien nennenswerte Schäden erlitten haben, genauere Zahlen werden im Laufe der Woche erwartet. Sie sind vor allem erst einmal auf finanzielle Hilfe angewiesen. »Es ist ein hoher technischer und finanzieller Aufwand, die Betriebe wieder arbeitsfähig zu machen - wenn es überhaupt geht«, sagt Groebel. Mit einer Spendenaktion will das Bäckerhandwerk helfen, 100.000 Euro hat der Zentralverband selbst eingezahlt. Ein Zulieferunternehmen hat laut Groebel das Spendenkonto um weitere 100.000 Euro aufgestockt.