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Josef Ackermann: Vom Totalausfall zur Leitfigur

Hartherzig, hochmütig und selbstverliebt - Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann galt lange als Buhmann der Nation. Jetzt versucht es der Banker mit einem Imagewandel. Ganz unfallfrei ist seine öffentliche Performance aber noch immer nicht. Heute bittet er zur Hauptversammlung.

Von André Schmidt-Carré und Olaf Wittrock

Nachdem Josef Ackermann auf der Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank Anfang Februar 6,5 Milliarden Euro Überschuss für 2007 verkündet hatte - und damit trotz der weltweiten Finanzkrise mal wieder einen historischen Rekord, ließ manch ein Journalist im Saal die kritische Distanz fallen. Er wolle dem "lieben Herrn Doktor Ackermann", ließ einer der professionellen Zuhörer per Saalmikrofon wissen, erst einmal im Namen aller Anwesenden herzlich zum 60. Geburtstag gratulieren. Tatsächlich klatschen die versammelten Kollegen hörbar Applaus. Ackermann setzte zur Antwort sein mildes Lächeln auf.

Die Szene erzählt viel über das neue Verhältnis zwischen dem Vorstandssprecher der größten und erfolgreichsten privaten Bank in Deutschland und den Medien: Die Berichterstatter erkennen die Erfolge ihres Gegenüber an. Ackermann steht so immer häufiger als Strahlemann. Und er genießt die Respektbekundungen offensichtlich.

Die mediale 180-Grad-Wende

Das war nicht immer so. Jahrelang galt der Schweizer in der öffentlichen Wahrnehmung als Totalausfall. Zwar schien er gute Geschäfte zu garantieren, führte das Geldhaus nach dem Amtsantritt vor sechs Jahren von Rekord zu Rekord, verfünffachte den Jahresüberschuss, verdreifachte die Eigenkapitalrendite, steigerte die Bilanzsumme um das Anderthalbfache. Die öffentliche Wirkung von Josef Ackermann beschränkte sich aber auf Vorfälle wie sein berühmtes Victory-Zeichen bei Gericht oder den öffentlichen Unmut, den ausgelöst wurde, als er vor zwei Jahren Milliardengewinne in einem Atemzug mit Stellenstreichungen ankündigte. "Die alles andere als perfekten Auftritte von Josef Ackermann haben lange Zeit seine unbestreitbaren Leistungen als Manager verdeckt", beschreibt der Journalist und Buchautor Alexander Ross

Nun konstatieren Beobachter die mediale 180-Grad-Wende: "Ackermann entwickelt sich in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr vom Chef der Deutschen Bank zum inoffiziellen Sprecher des Finanzplatzes Deutschland", sagt Branchen-Beobachter Ross. Der Banker ist nicht nur ein weltweit gefragter Redner zur Lage der Finanzmärkte. Er tritt auch regelmäßig in der "Bild"-Zeitung und in allerlei mehr oder weniger politischen Talkshows auf. Hier wie dort kommentiert er denn auch nicht nur Bankenthemen, sondern spricht anlässlich der "Affäre Zumwinkel" auch mal über die Moral der Macht oder widerspricht vehement der "Monster"-Kritik von Bundespräsident Horst Köhler. Dass Beobachter Ackermann mittlerweile auch höchst selbst ein reichlich präsidiales Gehabe attestieren, geht in der allgemeinen Bewunderung für den Imagewandel vom Paria zur Leitfigur meist unter.

Mit Baron kam der Wandel

Als Schlüssel für das Verständnis dieser medialen Kehrtwende gilt ein radikaler Wechsel im Kommunikationsteam des Deutsch-Bankers. Im Frühjahr 2007 hatte Ackermann seinen langjährigen Kommunikationschef, den Briten Simon Pincombe, vor die Tür gesetzt. Der hatte die Kommunikation bislang von London aus geleitet und ganz auf das expandierende Geschäftsfeld Investment-Banking zugeschnitten. "Entsprechend säuerlich im Ton waren die Kommentare der deutschen Presse über die Deutsche Bank", sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer der auf Finanz-PR spezialisierten Agentur NewMark, der selbst viele Jahre bei der Deutschen Bank in der Kommunikation beschäftigt war. Auf Pincombe folgte Stefan Baron - und die Zentralisierung der Abteilung in Frankfurt.

Der langjährige Chefredakteur der Wirtschaftswoche gilt als einer der am besten vernetzten Kenner der deutschen Wirtschaftsmedienlandschaft. Und er räumt der hiesigen Presse auch offensichtlich stärkeres Gewicht ein als in den Jahren zuvor. "Die Imagewandel von Ackermann ist deutlich spürbar, spätestens seit Baron an Bord ist", sagt Berater Väth. "Er hat einfach eine größere Sensibilität für die hiesige Öffentlichkeit."

Mehr als nur ein Banker

Die Personalie Baron erklärt den Wandel freilich nur zum Teil. Ackermann selbst habe die Veränderung seiner öffentlichen Wahrnehmung angestoßen, ist aus seinem Umfeld zu hören. "Er hat mit seinem angelsächsisch geprägten Stil der rein faktenorientierten Kommunikation die gesellschaftlichen Rolle seines Amtes lange unterschätzt", sagt ein enger Vertrauter. "Der Chef der Deutschen Bank ist eben mehr als nur ein Banker."

Und das hatte der Schweizer, dem Freunde und Vertraute neben großem Ehrgeiz auch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein bescheinigen, in seinen Anfangsjahren gleich mehrfach zu spüren bekommen. Bis heute legendär ist etwa sein Auftritt anlässlich des Mannesmann-Prozesses vor vier Jahren: Mit breitem Grinsen und Victory-Zeichen hatte der Banker im Januar 2004 im Beisein von Fotografen posiert, während er sich gerade vor dem Düsseldorfer Landgericht für hohe Abfindungszahlungen für Ex-Manager des Mobilfunkkonzerns verantworten musste. Die Geste der Siegesgewissheit brachte ihm das Image des kaltschnäuzigen Kapitalisten ein - auch wenn das Verfahren mittlerweile gegen Geldzahlung eingestellt wurde.

Zur Bilanzpressekonferenz 2005 erntete Ackermann erneut Prügel. Damals hatte er für die Bank einen Rekordgewinn eingefahren. Ausgerechnet auf derselben Veranstaltung verkündete Ackermann dann aber, man müsse dringend 5200 Stellen streichen. Die folgende Diskussion um Unternehmenserfolg und Moral blieb fest verknüpft mit seinem Namen.

Im Jahr 2006 wiederholte sich das schlechte Timing abermals: Wieder konnte Ackermann beste Daten für das Vorjahr verkünden, mehr Gewinn, mehr Rendite, mehr Dividende. Und wieder verhagelte ein anderer Vorfall dem Vorstandschef die Ernte: Wenige Wochen vor der Bilanz-Pressekonferenz hatte er selbst dem Vernehmen nach angeordnet, den Immobilienfonds "Grundbesitz invest" zu sperren, in dem rund 300000 Anleger insgesamt sechs Milliarden Euro angelegt hatten. Die Investoren hatten danach wochenlang keinen Zugriff auf ihr Geld - und Ackermann erneut eine Diskussion am Hals.

Noch nicht ganz perfekt

Wer Josef Ackermann heute in der Öffentlichkeit beobachtet, kann kaum mehr glauben, dass er sich immer wieder derart in Schwierigkeiten brachte. Wobei: Ganz unfallfrei gelingen seine Darbietungen immer noch nicht. Nach einem Fernsehauftritt bei Maybrit Illner etwa sackte der Börsenkurs der Deutschen Bank vorübergehend ab, weil Ackermann nebenbei von nötigen Wertberichtigungen im eigenen Haus geplaudert hatte.

Und als er Mitte März bei einer Podiumsdiskussion im Schweizer Generalkonsulat den Eingriff der US-amerikanischen Notenbank wegen der Krise am dortigen Immobilienmarkt lobte und sagte, dass man sich dort nicht auf die "Selbstheilungskräfte des Marktes allein" verlasse, interpretierte man die Äußerung tags drauf als einen "Ruf nach dem Staat". Kommunikationschef Baron weilte während der Veranstaltung im Urlaub - und ließ den Chef anschließend mehrfach sein Vertrauen in funktionierende Märkte bekräftigen.

Ob sich auf der heutigen Hauptversammlung, wenn Ackermann seinen Aktionären gegenübersitzt, Szenen wie noch zur Bilanzpressekonferenz wiederholen werden, ist freilich ungewiss. Zwischenzeitlich sind nämlich die Ergebnisse für Januar bis März 2008 eingetroffen. Und die endeten mit einem Verlust: Erstmals seit fünf Jahren musste Ackermann rote Zahlen eingestehen. Die Finanzkrise ist offenbar nicht ganz so glimpflich an der Bank vorbei gegangen wie von manchen Optimisten gehofft. Vorsorglich vermied es Ackermann, die sonst übliche Jahresprognose abzugeben, und kommentierte die Quartalszahlen lieber mit dem Hinweis, die Aussichten blieben erst einmal unsicher.

Ausgerechnet während seine Bank finanzielle Verluste zu verkraften hat, hat Ackermann an öffentlicher Gunst gewonnen. Gut möglich allerdings, dass zur heutigen Hauptversammlung neben schlechter Bilanzzahlen auch verbale Scharten des Vorstandssprechers auszuwetzen sind. Und dabei steht für Ackermann weitaus mehr auf dem Spiel als in den Jahren zuvor: sein guter Ruf als Manager.