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Jürgen Heraeus: Von der Apotheke zum Global Player

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der Apotheker Wilhelm Heraeus ein Verfahren, mit dem man Platin schmelzen konnte. Diese technische Pionierleistung legte den Grundstock für den Aufstieg zu einem weltweit agierenden Edelmetall- und Technologiekonzern.

Die Wurzeln des Familienunternehmens Heraeus reichen über eineinhalb Jahrhunderte zurück. 1851 übernahm der Apotheker und Chemiker Wilhelm Carl Heraeus die elterliche Einhorn-Apotheke in Hanau. Fünf Jahre später hatte er ein Verfahren entwickelt, das es erlaubte, Platin zu schmelzen. Diese technische Pionierleistung legte den Grundstock für den Aufstieg von einer Apotheke zu einem weltweit tätigen Edelmetall- und Technologiekonzern, der heute mit rund 9.000 Mitarbeitern in über 100 Tochter- und Beteiligungsfirmen einen Umsatz von 6,4 Milliarden Euro (2002) erzielt.

Ständige Auseinandersetzung mit neuen Werkstoffen

Ein Blick in die Firmenchronik belegt, dass neue Werkstoffe und neue Technologien, Erfindergeist und Investitionen in Forschung und Entwicklung den Weg des Unternehmens seit seinen bescheidenen Anfängen bestimmt haben. Heutzutage liegt der Schwerpunkt des breit angelegten Produktportfolios von Heraeus in der Halbleiter- und Elektronikindustrie, den Branchen Stahl, Auto, Chemie und Pharma sowie in den Bereichen Zahnmedizin und Zahntechnik.

Vierte Generation im Betrieb

Es ist in Person von Jürgen Heraeus mittlerweile die vierte Generation, welche die Geschicke des hessischen Traditionsunternehmens bestimmt. Der Urenkel des Unternehmensgründers übernahm 1983 die Unternehmensleitung. In seine Ära fielen die weitere Internationalisierung des Konzerns und dessen Reorganisation. Nach der Gründung der Heraeus Holding GmbH im Jahre 1985 folgte 1990 eine umfassende Dezentralisierung, bei der die Kernarbeitsgebiete Edelmetalle, Dentalwerkstoffe, Quarzglas, Sensoren und Medizintechnik unterhalb der Management-Holding in fünf eigenständig am Markt operierende Führungsgesellschaften strukturiert wurden. Im Januar 2000 wechselte Jürgen Heraeus als Vorsitzender in den Aufsichtsrat der Heraeus Holding.

Erfolgreich in China

Der heute 67-Jährige gehört zu den profiliertesten Unternehmenspersönlichkeiten im Land. Er versteht es, sich mit pointierter Kritik an Missständen in der Wirtschaftswelt, beispielsweise an der Selbstbedienungsmentalität vieler Manager, Gehör zu verschaffen. Er gehört dem Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie an und ist Vorsitzender in dessen China-Arbeitskreis. Der Konzern hat in dem boomenden Land acht Werke mit inzwischen 1.100 Beschäftigten. Heraeus gerät fast ins Schwärmen, wenn er von der Aufbruchstimmung in China berichtet. "In sieben Monaten haben wir für unser Werk in Schanghai die Baugenehmigung erhalten - durchaus auch mit Auflagen-, es gebaut und sind eingezogen", berichtet er. "In dieser Zeit schafft man es in Deutschland höchstens, dass die Untere Wasserbehörde einen Bauantrag prüft."

Sorge um Entwicklung in der Heimat

Nicht zuletzt auf Grund dieser Erfahrungen verfolgt der Unternehmer die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland mit Sorge. "Wir bewegen uns wie eine Schnecke", sagt Heraeus und kritisiert Verkrustungen, mangelnde Flexibilität und ein "unendliches Schutzbedürfnis, das durch den Staat genährt wird". Es sei ein "Irrglaube anzunehmen, dass die deutsche Wirtschaft sich in Zukunft allein auf Entwicklung und Blaupausen" beschränken könne. Die Arbeitsplätze hierzulande müssten bezahlbar bleiben - eine Erkenntnis, die sich bei vielen Mitarbeitern, nicht aber bei Gewerkschaftsfunktionären durchgesetzt habe.

Michael Bauer / DPA