Kommentar Wir haben gewonnen


Nun soll es der Staat richten - das vermeintlich tumbe Monster, das nur noch dazu da war, im freien Spiel der Wirtschaft nicht im Weg zu stehen. Ausgerechnet in den USA, dem Fixstern der Turbokapitalisten, rettet der Staat, also wir alle, jetzt die Marktwirtschaft. Der Jubel der Börsianer ist fehl am Platz. Ein Abgesang.
Von Dirk Benninghoff

Der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek war einer der klügsten Köpfe des vergangenen Jahrhunderts. Der Ökonom ist einer der Initiatoren unserer sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard ließ sich von Hayek und seinen Gefolgsleuten inspirieren. Der Österreicher wandte sich allerdings schon in den 60er Jahren von unserem System ab. Der Staat wurde ihm zu interventionistisch.

Was derzeit passiert, würde Hayek wohl schon nicht einmal mehr als marktwirtschaftlich bezeichnen. Der Staat rettet den Kapitalismus - in den USA, wo Wirtschaft doch weit ungezügelter ist als bei uns. Und der Staat rettet die Banken - die Hohepriester des globalen ökonomischen Hyper-Liberalismus. Gestern noch hat der gemeine Investmentbanker staatliche Interventionen für ökonomische Pest gehalten, heute retten sie ihm den Job.

Was ist passiert? Am Donnerstagmittag kündigen die Zentralbanken an, fast 200 Milliarden Dollar in das kollabierende globale Finanzsystem zu pumpen. Der Markt reagiert nicht einmal mehr. Man kennt das inzwischen, man erwartete es sogar. Wenns eng wird, schießen die Notenbanken nach. Die öffentliche Hand legt den Verband über die klaffende private Wunde. Am Abend dann legt die US-Regierung nach: Man erwäge eine Auffanggesellschaft, die den Banken ihre maroden Wertpapiere und Kredite abkauft, verkündet Finanzminster Hank Paulson, einst selbst Spitzen-Banker. "Bad Bank" nennt sich das im Fachjargon. Die Börsen drehen durch: Die Kurse schießen nach oben. Einige Bank-Aktien legen 30 Prozent und mehr zu. "Die Kavallerie kommt", schreibt ein Analyst.

Denn die Infanterie hat ihr Pulver verschossen. Davon hat sie reichlich gehabt, ein Arsenal, das in der Geschichte seinesgleichen suchte. Milliarden, und Abermilliarden. Fast schon Fantastilliarden, wie man sie nur aus dem Geldspeicher von Dagobert Duck kannte. Der größte Geldhaufen, den die Menschheit je gesehen hat. Jahrelang gab es sie am Kapitalmarkt: die Klagen, dass man gar nicht wisse, wohin mit dem ganzen Geld. Und jetzt? Fast alles weg. Der Staat muss es richten.

Der Jubel der Börsianer sollte heute Abend verhallen. Denn wenn sie dann die Ruhe haben, über die Woche nachzudenken, sollte zumindest den Intelligenten unter ihnen bewusst werden, dass ihr System, dass der Kapitalismus als solches eine seiner größten Niederlagen kassiert hat. Denn für eine Ordnung, die sich über Zahlen definiert, ist die wohl teuerste Rettungsaktion der Geschichte zugleich auch ihre schlimmste Blamage. Für den Staat und damit für das Gemeinwesen und letztendlich für jeden einzelnen Bürger dagegen ist es der am teuersten erkaufte, aber auch größte Sieg.

Denn er hat die angeblich entfesselten Kräfte seiner Wirtschaft bezwungen. Der Staat, die Politik hat sich das Primat zurückerobert, das sie ohnehin haben sollte, denn nicht Bankenvorstände werden vom Volk gewählt, sondern Regierungen. Die Wirtschaft ist zu schwach, sie braucht den Staat. Das ist die Hauptbotschaft der Finanzkrise. Mit aberwitzigen Wertpapier-Konstruktionen, die nur noch ihre Schöpfer, abgedrehte Mathematiker und Produktentwickler in Banktürmen, selbst verstanden, hat sich das System selbst zum Bettler degradiert. Die Politik holt den Penner jetzt von der Straße. Verluste werden sozialisiert, heißt das dann. Das mag manchem ungerecht erscheinen, weil jeder selbst für seine Fehler gerade zu stehen hat – auch finanziell. Aber der Sieg, den sich das Gemeinwohl erkämpft hat, ist viel wert.

Denn der Wirtschaft wird es jetzt schwerer fallen, lapidar zu sagen: "Das ist halt Globalisierung" – wenn Jobs ins Ausland sollen, wenn Löhne auf Bettelniveau gezahlt werden und wenn Manager zehn Millionen Euro im Jahr verdienen. Denn es ist halt auch Globalisierung, wenn Banken ihre Risiken auf der ganzen Welt verteilen und den Planeten in Sippenhaft nehmen, der am Ende von Regierungen befreit wird. Dafür wird der Kapitalismus seinen Preis bezahlen müssen. Wirklich frei, nach hayekschem Sinne, ist er schon jetzt nicht mehr.


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