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Karneval Herbert Geiss - der Billig-Dealer des Frohsinns

Herbert Geiss
König der Masken: Der Unternehmer Herbert Geiss betreibt in Köln das größte "Karnevalskaufhaus der Welt"
© Thomas Rabsch
Jedes Jahr beginnt mit dem 11.11. für Herbert Geiss das ganz große Geschäft. Der Spross des "Geissen"-Clans versorgt die Deutschen mit billigen Kostümen aus Asien. Und das längst nicht mehr nur in Köln.
Von Rolf-Herbert Peters

Die Biester müssen weg. Die Horrorclowns. Die Babyfratzen. Die Skelette. Halloween ist vorbei, am 11.11. hat der Karneval begonnen. Die Untoten aus Fernost werden in Kisten abtransportiert. Dafür rücken die Indianer und Feen an. Und mittendrin: Herbert Geiss, 34, karierter Maßanzug, lila Seidenkrawatte, die Haare schnittig nach hinten gegelt. Der Inhaber des Karnevalskonzerns Deiters steuert den Rückbau des Gruselsortiments. Vor einer künstlichen Blondine in Netzstrümpfen, die aussieht, als wäre sie brutal misshandelt worden, sagt er: "Da wischen wir dat Blut ab, dann kann die so stehen bleiben."

Es ist kurz nach zehn Uhr. Die Kunden schlendern, noch vereinzelt, bald in Scharen, durch das "größte Karnevalskaufhaus der Welt". Ja, der Welt! Mit diesem klingenden Titel bewirbt Geiss seinen Hauptladen in Frechen bei Köln. Eine junge Frau taumelt gerade als Gorilla durch die Gänge, sie keucht unter der Latexmaske. Geiss sagt: "Wir verkaufen der Gesellschaft Spaß. Das tut ihr sehr gut."

Cowboys, Nonnen oder Hippies

Auf einer Fläche, die fast so weitläufig ist wie der Rasen des 1. FC Köln, lagern 22.000 Arten Nippes. Hunderte Regalmeter Konfektionsware für Cowboys, Nonnen oder Hippies, grelle Kontaktlinsen, künstliche Wunden, Brüste als Brillen und Schnellfeuerwaffen aus Plastik. Der Laden hat das ganze Jahr geöffnet. Geiss hat fast 15 Prozent des Jahresumsatzes in den vergangenen Wochen gemacht. Erst die Oktoberfeste, dann das immer beliebtere Halloween und jetzt: Karneval.

Man könnte sagen: So ist Köln. Bei den Full-Metal-Jecken mag einer wie Geiss Erfolg haben. In einer Stadt, wo Sankt Martin, das Tanzmariechen und der Nikolaus gemeinsam Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken und man selbst bei Trauerfeiern nicht vor den Karnevalsbarden der Bläck Fööss sicher ist, kann einer wie Geiss gern von dem Boulevardblatt "Express" zu den elf mächtigsten jecken Entscheidern gezählt werden.

Doch so putzig und lokal ist das Verkleidungsphänomen längst nicht mehr. Das Geiss'sche Geschäftsmodell funktioniert auch in Berlin, Frankfurt und Stuttgart – das Unternehmen Deiters betreibt 20 Filialen, zwei kommen noch in diesem Jahr hinzu, drei weitere 2017. Dieser gegelte Mann aus Köln ist zum König der Pappnasen aufgestiegen. 

Filzhüte für Cowboys und Prinzen: Die Margen bei den Kostümen gefallen ihm. "Der Chef will Kohle verdienen", sagt Geiss über Geiss.
Filzhüte für Cowboys und Prinzen: Die Margen bei den Kostümen gefallen ihm. "Der Chef will Kohle verdienen", sagt Geiss über Geiss.
© Malwine Schomburg

Mehr als 20 Millionen Euro Umsatz

Gute Laune bringt sehr gutes Geld. Über 20 Millionen Euro setzt Herbert Geiss mit dem Kostüm-Tinnef um. Für ihn ist der Spaß also erst einmal – Arbeit. Geiss muss jetzt ins Obergeschoss. In der Cafeteria warten 30 Filialmanager, denen er Umsatztricks einbimsen will. Er stellt sich hin, gerader Rücken, flankiert von zwei eher schweigsamen Geschäftsführern, und geht direkt in die Vollen. Der Laden laufe nur auf 95 Prozent, ruft er. Zu wenig Kommunikation, zu wenig Verkaufsdruck. "Wir brauchen keine Mitarbeiter, die sich am Regal festhalten." Satz für Satz sinken die Angereisten tiefer in die Kunstlederbänke. Geiss ruft: "Der Chef will Kohle verdienen. Und das wollt ihr auch, jeden Morgen, wenn ihr aufsteht!"

Ende der Ansprache, jetzt: Praxisübung. Die Karawane zieht vor ein Trachtenregal und sammelt sich zum Rollenspiel. Einer ist Verkäufer, der andere Kunde.

"Guten Tag!"

"Hallo!"

"Kann ich Ihnen helfen?"

"Also ...", unterbricht Geiss, das dauert ihm alles zu lange, "... wenn man die Kunden fragt: ‚Kann ich Ihnen helfen?', sagen 98 Prozent: ‚Nä, ich schau mich nur um.' Und wenn man das immer wieder macht, geht man denen auf den Sack." Stattdessen: den Blick der Kunden auf die neuen Kollektionen lenken, ein bisschen erzählen, alles selbst entworfen und hohe Qualität, und dann den Kundinnen den Flyer für Gruppenangebote andienen, mit 15 Prozent Rabatt beim Kauf von zehn Dirndln – "ideal für Kegelklubs!" Und bloß keine Angst vor googelnden Schnäppchenjägern: "Unsere Waren gibt es nur bei uns. Wir sind unvergleichbar. Verstanden?", ruft Geiss.

Krachlederne aus Pakistan

Krachlederne und Dirndl sind in seinem Sortiment immer der Renner. In einer der 110 Umkleidekabinen zwängt sich Katharina Scheer wechselweise in Glatt- und Wildlederhosen. Die Hosen kosten zwischen 70 und 140 Euro, sie sind aus der Haut pakistanischer Kühe gefertigt und wirken verblüffend hochwertig. 75 Prozent der Ware lässt Geiss von 30 Betrieben in Asien produzieren. Ein Agent vor Ort überwacht alles, viermal im Jahr reist der Chef persönlich an. "Kinderarbeit", sagt er, "ist für mich so'n Aspekt."

Er hat aber auch deutsche Artikel im Angebot wie den Musketierhut aus Wollfilz. "Neunundzwanzigfünfundneuzisch, EK Zehnfuffzisch, produziert in Bocholt." Gute Laune – geniale Gewinnmarge.

In der Kabine wird Frau Scheer nervös: "Walter, dat sitz nit!" Sollte es aber, denn Deiters ist vor allem ein Laden für Frauen, sie bringen den meisten Umsatz. Nach einer halben Stunde steht Frau Scheer dann doch im Dirndl vor dem Gatten. "Heiiidi, Heiiidi ..." , dröhnt es aus den Deckenlautsprechern. "89,90 Euro, do kanns do nit meckern." Am Ende wird sie für Schuhe, Haarschmuck und zwei Blusen über 200 Euro im Laden lassen.

Für jede Motto-Party das richtige Outfit

Fasnacht, Wies'n und Halloween, Abifete, Junggesellenabschied und Mallorca-Party, Motto-Kindergeburtstag, Siebziger-Disco oder Weihnachten – viele Events verlangen heute nach Mummenschanz. Etwa 280 Millionen Euro geben die Deutschen jährlich für Kostüme aus. Geiss erklärt sich das so: "Mein Vater hat immer gesagt, je schlechter es den Leuten geht, desto mehr feiern sie" – und es laufe ja auch jetzt nicht alles rund, die Flüchtlingskrise und so. Man kann es auch tiefenpsychologischer deuten wie der Psychologe Stephan Grünewald, Chef des Kölner Rheingold Instituts. Die Deutschen wollten Veränderung auf Knopfdruck mit Rückkehrgarantie, sagt Grünwald, "aber echte Verwandlungen sind unendlich mühsam. Deswegen sind Kostüme so verlockend. Arzt zu werden dauert im richtigen Leben acht bis zehn Jahre, bei Deiters zehn Minuten."

Woraus sich die Lust am perfekten Kostüm auch speist – Herbert Geiss bedient den Trend mit Freude. Das Verkaufstalent liegt ihm gewissermaßen im Blut. Geiss ist Spross der "Geissens" , einer seit 1921 erfolgreichen Unternehmerfamilie. Die Urväter hießen Deiters und produzierten vor allem Kirmesware: Kunstblumen, Deko, Schausteller- und Verlosungsartikel. Herberts Cousin Robert Geiss wurde mit seiner Bodybuilder-Textilmarke "Uncle Sam" Multimillionär und jetsettet inzwischen zusammen mit seiner Frau Carmen ("Rooobäärt!") fürs Reality-TV durch die Welt. Einst betrieben die Väter von Herbert und Rooobäärt das Karnevalsgeschäft gemeinsam. "Wir waren eine Familie" , sagt Herbert Geiss. Dann verkrachte man sich, und das Einzige, was er über seine Fernsehverwandtschaft noch sagen mag, ist folgender Satz: "Die werden selbst wissen, ob das nice ist, was sie tun."

Ehrgeiz bis unter den Scheitel

Dabei hat er dem Zweig fast alles zu verdanken. 2003 stieg sein Onkel, Rooobäärts Vater, bei Deiters aus und übergab ihm seine 50 Prozent Geschäftsanteil. Da war Herbert gerade 20, hatte das Wirtschaftsgymnasium in der zwölften Klasse geschmissen und eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann begonnen. Plötzlich war er der Boss, geschäftlich ein Grünschnabel, aber mit Ehrgeiz bis unter den Scheitel. Geiss entschied: Schluss mit Kirmeskrempel – wir setzen auf Karneval.

Und er entwarf einen Schlachtplan: erst kommt Köln, dann das Rheinland und schließlich – die ganze Welt. Mit beharrlichem Netzwerken arbeitete er sich hoch zu einem Exklusivpartner des Festkomitees Kölner Karneval, nahm die Stars des Schunkelns unter Vertrag, darunter die Mundart-Combos Bläck Fööss, Brings und die Räuber. Mit jeder verkauften Pappnase wuchs sein Ego. Als sein Vater 2015 starb, ließ er in die Traueranzeige schreiben: "Jetzt gehst Du von mir als stolzester Vater der Welt." 

Ein Paar für den Boulevard: Herbert Geiss, 34, mit Ehefrau Rocsana, 30. Auch zur Hochzeit war die Presse herzlich eingeladen
Ein Paar für den Boulevard: Herbert Geiss, 34, mit Ehefrau Rocsana, 30. Auch zur Hochzeit war die Presse herzlich eingeladen
© Malwine Schomburg

Hochzeit mit 400 Gästen im Gürzenich

Und wie seine ungeliebte Verwandtschaft, so nutzte auch Herbert Geiss das Kameralicht für seine Zwecke. Als er die schöne Heidelberger Modedesignerin Rocsana heiratete, orderte er die Boulevardmedien vor die Kirche. Brings sülzte für das Brautpaar: "Kumm lommer heimjon, bring mich noh Huus", und anschließend feierte das Paar mit rund 400 Gästen im Gürzenich, den heiligen Hallen des Kölner Karnevals – perfekt ausgeleuchtet und tausendfach abgelichtet. "Alles fürs Geschäft", sagt Geiss. Sein jeckes Reich ernährt in der karnevalistischen Hochsaison an die 1000 Mitarbeiter. Er steuert es von der Zentrale in Frechen aus. Dabei hat er gern alles im Blick. An der Bürowand, gleich über den Schreibtischen von ihm und seiner Frau, hängen riesige Monitore. Sie übertragen die Videobilder der fast 400 Überwachungskameras aus den Filialen. "Dient vor allem der Sicherheit", beteuert Geiss, "so können wir bei Diebstählen besser zur Aufklärung beitragen. Und wir haben eine bessere Übersicht über den Kundenandrang." Dann schaltet er die Monitore doch lieber schnell aus. Der Spaß erinnert plötzlich so merkwürdig an Big Brother.

Herbert Geiss möchte locker wirken, doch sein Unternehmen führt er mit Kontrolle und großem Ehrgeiz. Ständig tüftelt er an neuen Aktionen. Am 31. Oktober lief "Deutschlands größte Halloweenparty" in der Kölner Lanxess Arena. An die 8000 Zombies ließen sich von Profi-DJs in eine Parallelwelt hämmern. Der Grusel brachte ihm zwar 300.000 Euro Verlust, doch Geiss sieht das Geld als Werbeinvestition, schließlich will er den Event bald exportieren. In Berlin hat er mit einer Finanzspritze den schon vor Jahren gestorbenen Karnevalsumzug wiederbelebt. 111 angereiste Rheinländer machten sich in der vergangenen Session vor geschätzt 100.000 Preußen zum Jeck. Der König der Pappnase glaubt an die Kraft des Spaßes. "Auch die Hamburger" , sagt Geiss, "stecken karnevalistisch in den Babyschuhen, das werden wir ändern." Und dann will er ins Ausland, vor allem in die Niederlande und nach Österreich. Ständig fährt er die karnevalistische Diaspora ab und sucht nach Gelegenheiten zur Missionierung. Besser: Er rast. Geiss hat eine Rennfahrerlizenz, sein Porsche 911 GT3 RS schafft über 300 Stundenkilometer.

Tief in ihm wohnt das Gespür, zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen am richtigen Ort zu sein. An einem Donnerstag im Oktober stellt er im Kölner Karnevalsmuseum eines seiner erfolgreichsten Produkte vor: den Mottoschal. Dieses Jahr ein 1,80 Meter langes Halstuch in Strumpfform, in das der Slogan der Session eingewebt ist: "Wenn mer uns Pänz sinn, sin mer vun de Söck" . Wenn wir unsere Kinder sehen, sind wir von den Socken. Simpel, aber lukrativ.

Das Stück Billigstoff aus China kostet in seinen Läden 15,01 Euro. An die 25.000 Stück wird Geiss auch in diesem Jahr wieder loswerden. Er streckt den Schal in die Luft, der Champ des feuchten Frohsinns, neben ihm steht der Präsident des Festkomitees, der von jedem verkauften Schal vier Euro für einen guten Zweck bekommt. Man kennt sich, man hilft sich. Die Kameras klicken, Geiss gewährt Interviews. So macht man mit Tand Geschäfte: bunt, gefühlsduselig und laut.

Könnte der König der Pappnasen seinem Volk etwas befehlen, müsste es sich 365 Tage im Jahr verkleiden. "Ich finde, die Leute sollten morgens aufstehen und alles positiv sehen", sagt Geiss. "Wir leben schließlich noch immer in einem sehr, sehr guten Land." Dann schaut er sich um, als warte er auf einen Tusch.

 


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