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Krise der Wirtschaftswissenschaften: "Wir sind alle sprachlos"

In der weltweiten Finanzkrise sind auch die Nationalökonomen in die Kritik geraten. Nach vier Jahren an der Spitze der größten deutschen Ökonomenvereinigung rechnet der Linzer Volkswirt Friedrich Schneider mit der Zunft ab.

Herr Schneider, Ihre sonst so selbstbewussten Kollegen sind in der Krise ruhig geworden. Was ist los mit den Nationalökonomen?

Ich sehe unsere Zunft in einer beträchtlichen Krise. Manche Kollegen verneinen das noch immer. Ich finde das zynisch. Dabei zeigt sich gerade jetzt, dass Wirtschaftswissenschaftler auf viele Fragen unzureichende Antworten haben. Oft können wir gar nichts Konkretes sagen. Zum Beispiel fällt es Ökonomen schwer, die tatsächlichen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie deren Interaktion zu analysieren. Ganz zu schweigen von Vorschlägen, wie wir sie lösen können.

Was sind die Gründe für diese offenkundigen Schwächen?

Wir haben keine Modelle, mit denen eine derartig globale Krise wie die aktuelle mit ihren gigantischen Folgen modelliert werden kann. Natürlich ist so etwas schwer zu erfassen, aber wir brauchen sie unbedingt. Notwendig sind neue Modelle für den Finanzsektor, die Ausfälle von Krediten und Bürgschaften von bis zu 40 Prozent verarbeiten können. Oder was es für Konsequenzen hätte, wenn eine Großbank Konkurs anmelden würde ...

... harte Vorwürfe ...

... die Liste lässt sich fortsetzen. Uns fehlen Strategien, wie wir Banken am besten stützen, die in Schieflage geraten sind. Und sind Verstaatlichungen von Kreditinstituten richtig oder nicht? Das alles wissen wir einfach nicht.

Was würde denn weiterhelfen?

Die Krise der Ökonomie ist entstanden, weil wir viele Verhaltensweisen der Menschen nicht in unsere Modellwelten integriert haben. Den Herdentrieb an den Finanzmärkten zum Beispiel oder Gier und mangelnde Fairness im Wirtschaftsleben. Wir haben mathematisch teilweise sehr ausgeklügelte Modelle, die uns wichtige Erkenntnisse liefern. Aber sie beschreiben nur einen Teil der Realität, viele blenden wichtige Aspekte aus. Ich will nicht die ökonomische Theorie verdammen, sie ist ein elementarer Teil unserer Wissenschaft, sie kann uns zu messerscharfen Schlüssen verhelfen. Momentan fehlen aber die Grundlagen für die notwendige Erweiterung der theoretischen Modelle.

Stand es mit dem Realitätssinn der Forscher schon einmal besser?

Die Volkswirtschaftslehre war selten gut im Modellieren großer ökonomischer Umwälzungen. Als zum Beispiel die Planwirtschaft Anfang der 90er-Jahre zusammenbrach, hatten wir auch keine Modelle, wie diese Länder am besten in Marktwirtschaften umgestaltet werden können. Und nun erleben wir, dass die Finanzkrise sehr tiefgreifend ist. Mit ihr ist das westlich orientierte Wirtschaftssystem in eine Legitimationskrise geraten.

Sind Ihre Kollegen in anderen Ländern weiter?

Grundsätzlich leider nicht. Ausnahmen sind da nur einige US-Ökonomen. Die Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz gehören unbedingt dazu, auch Nouriel Roubini von der New York University, der wegen seiner Warnungen vor der heraufziehenden Krise von vielen als Kassandra verunglimpft wurde. Die drei haben die aktuellen Probleme wenigstens teilweise vorausgesehen. Aber die Krise hat uns alle überrascht, wir sind alle sprachlos. Nun müssen wir uns hinsetzen und unsere Lehren daraus ziehen.

Gibt es denn keine Fortschritte?

Es gibt zaghafte Ansätze. Aber die meisten Kollegen igeln sich weiter in ihrem Elfenbeinturm ein. Wer der heilen Theoriewelt entfliehen will, muss gewaltig umlernen. Nur dann wird er in der Lage sein, diese Finanzkrise zu analysieren und daraus Lösungsvorschläge zu entwickeln.

Das heißt, die Chancen für mehr Realismus stehen nicht gut?

Klar ist, dass es ein langer Weg wird. Immerhin haben wir junge, dynamische Ökonomen, die sich dieser Probleme annehmen. Es gibt auch einige gestandene deutschsprachige Volkswirte, die in dieser Richtung arbeiten.

Wen zählen Sie dazu?

Vor allem experimentell orientierte, unorthodoxe Ökonomen. Ernst Fehr und Bruno Frey von der Uni Zürich gehören dazu. Sie beziehen in ihren Forschungen neben den ökonomischen auch Erkenntnisse aus der Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft ein. Das ist ziemlich spannend, weil es den Blick auf das Handeln der Menschen in der Wirtschaft verändert. In Deutschland fällt mir vor allem Hans-Werner Sinn ein, der Chef des Münchner Ifo-Instituts.

Interview: Ulrike Heike Müller/FTD

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