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Leere Containerschiffe: Zum Warten verdammt

Seit dem Einbruch der Weltwirtschaft dümpeln im Hamburger Hafen viele Frachter ohne Auftrag in Warteposition - mitsamt Besatzung. Ein Ortstermin.

Von Johan Kornder

In dem orangen Overall, ein schwarzes Tuch um den Kopf geschlungen, wirkt er wie eine Mischung aus Müllmann und Ninjakämpfer. Reynaldo Rabaca Jr.,22, putzt und kämpft. Gegen Spinnweben und Langeweile. Für seine Familie. Montag bis Samstag, von acht bis siebzehn Uhr. Eigentlich ist er Seemann. Und eigentlich gibt es auf See keinen Feierabend, nur Überstunden. Auf See gibt es keinen Stillstand, nur stete Bewegung. Ein immer weiter.

Seit einiger Zeit ist Schluss mit immer weiter. Seitdem Rabaca Jr. im März auf der MS Confianza angeheuert hat, liegt das Containerschiff im Hamburger Hafen auf. Und Rabaca Jr. langweilt sich als Putzmann bei geregelten Arbeitszeiten. Das Deck glänzt, auf den Gängen riecht es nach Scheuermittel, jede Seilwinde ist frisch geölt.

Ausdruck der Krise

Zu Landratten mit Putzlappen degradierte Seemänner sind derzeit keine Seltenheit im Hamburger Hafen. Neben der MS Confianza dümpeln mindestens zwölf weitere Containerschiffe, so genannte Auflieger, an den Kaimauern, manche schon seit zehn Monaten. Die wartenden Schiffe sind Ausdruck der Wirtschaftskrise: Der Export der Deutschen ist eingebrochen. Es müssen nicht mehr so viele Güter in die Ferne gebracht werden. Die Containerschifffahrt leidet besonders. Im ersten Halbjahr 2009 wurden im Hamburger Hafen fast 30 Prozent weniger Container umgeschlagen, Arbeiter sind von ihren Chefs in Kurzarbeit geschickt worden. An den Kaimauern warten leere Schiffe.

Die Krise folgt auf einen einmaligen Aufschwung der Branche. In den vergangenen Jahren hatte das Geschäft der Reedereien gebrummt, die Reeder verfielen einem regelrechten Kaufrausch, sie bestellten ein Schiff nach dem anderen. Die Folge: Jetzt gibt es viel zu viele. Allein 2009 wird sich die Flotte der Containerschiffe weltweit um 15 Prozent vergrößern. Das verschärft bei der schlechten Auftragslage die Konkurrenz ungemein. Die Preise purzeln. Die Schiffe stehen. Die Probleme sind beispiellos in der Geschichte des zuvor boomenden Hamburger Hafens.

Kapitän in Badelatschen

"Die Krise hat uns wie ein Tsunami getroffen", sagt Bijan Foroohari, der Eigner der MS Confianza. Zeitweise lagen sechs seiner fünfzehn Frachter bewegungslos in verschiedenen Häfen der Welt. Jetzt sind es noch zwei, aber ein Ende der Flaute ist nicht in Sicht. Dennoch sitzt der Reeder recht entspannt in seinem Büro in einem Neubaugebiet in Stade bei Hamburg. Als ob ein Naturereignis Schuld wäre an der Situation.

Auch die Situation seiner Seeleute sieht er gelassen. Für Foroohari haben sie in diesen Zeiten den angenehmsten Job der Welt. "Ich bin selbst zur See gefahren! Das ist doch leicht verdientes Geld", sagt er. "Besser in Hamburg liegen, als auf der See zu schaukeln!"

Seine Crew auf der MS Confianza verhält sich nur zum Teil dementsprechend. Kapitän Andrey Shelomentsev aus St. Petersburg sitzt mit dem Kapitän des Nachbarschiffes Wladimir Durandin, 36, im Esszimmer. Beide in Badelatschen. Sie trinken schwarzen Tee. Die Sonne scheint durch das Fenster in den Raum, der normalerweise im Schatten einer haushohen Wand aus 868 bunten Containern liegt. Der stämmige Durandin blickt sehnsüchtig bis verzweifelt aus dem Fenster, als wolle er laut rufen: "Ich bin eine Seemann! Holt mich auf 's Meer!" Aber er sagt nur leise: "Die Zeit vergeht einfach nicht."

"Ich bin ja kein Hausmeister"

Durandin verharrt seit drei Monaten auf der MS Buxtehude, die schon seit November im Hafen festsitzt. Er raucht, hört Radio, erledigt „Papierkram“. Drei Wochen hat er noch vor sich. Die Besatzung wechselt regelmäßig. Die Kapitäne bleiben vier, die Matrosen zehn Monate auf dem Schiff. Durandin wird wieder nach Russland fliegen, ohne einen einzigen Tag auf offenem Meer gefahren zu sein.

Shelomentsev ist erst seit zwei Wochen auf der Confianza. "Hier Rumsitzen ist schlecht. Ist ja trotzdem kein Urlaub", sagt er und verschwindet über die Treppe zur Kommandobrücke, um sich seinen Unterlagen zu widmen. Shelomentsev hofft darauf, dass es bald wieder losgeht. "Ich bin ja kein Hausmeister", sagt er fast beleidigt. "Ich bin Kapitän!"

Auf der Confianza verläuft die Hierarchie klar nach Nationalität: Kapitän und Ingenieure stammen aus Russland, die einfachen Matrosen allesamt von den Philippinen. Weltweit kommt fast die Hälfte aller Seefahrer aus dem Inselstaat im Pazifik. Sie haben den Ruf, fleißige und billige Arbeiter zu sein. Müllmann-Ninja Rabaca Jr. macht diesem Ruf alle Ehre. Obwohl es eigentlich nichts zu tun gibt, steht er kaum eine Sekunde still. Mal putzt er ein Messingschild, mal ölt er eine Seilwinde.

Alle warten auf bessere Zeiten

Die Arbeit ist weniger hart als auf See, aber auch der junge Matrose leidet unter der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgen. Für Rabaca Jr. bedeutet sie, deutlich weniger zu verdienen. 793 Dollar bekommt er in normalen Zeiten. Jetzt, da das Schiff im Hamburger Hafen aufliegt, sind es 100 Dollar weniger - und Überstunden, das ist das Dilemma, fallen auch keine an. 350 Dollar gehen direkt an Rabacas Familie, einen Teil spart er für sich. Ausflüge ins nahe Hamburger Nachtleben kann er sich nicht leisten, aber zuhause ist Rabaca Jr. mit diesem Verdienst ein reicher Mann.

Und so liegt das Schiff im Hamburger Hafen. Und alle warten auf bessere Zeiten: Der Reeder, der Kapitän, die Matrosen. Die Krise, sie hat die Seeleute zum Stillstand gebracht. Immer weiter ist nicht mehr.

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