HOME

Luxussanierung im Arbeiterviertel: Wie Herr Lange gegen den Mietwahnsinn in Leipzig kämpft

Mit steigenden Mietpreisen kämpfen inzwischen auch ostdeutsche Städte - so wie Leipzig. Dort soll ein Arbeiterviertel zum Luxuskiez werden. Zu Besuch bei einem Rebellen, der sich einfach nicht aus seiner Wohnung drängen lassen will.

Von Constantin Weeg

Stefan Lange legt sich mit seinen Vermietern an: "Die wollten uns in Mietverzug bringen"

Stefan Lange legt sich mit seinen Vermietern an: "Die wollten uns in Mietverzug bringen"

Stefan Lange schnauft, als er sich Stufe für Stufe in den dritten Stock wuchtet. Abendsonne taucht seinen Hausflur in warmes Licht. Lange ist diesen Weg schon tausendfach gegangen, kennt jede Scharte im Handlauf, jeden Namen am Klingelschild. Er hat sein halbes Leben hier verbracht. Jetzt soll er raus.

Das Haus in der Reclamstraße in Leipzig wurde verkauft, soll modernisiert und teurer vermietet werden. Lange lebt seit 1993 hier, seine Partnerin seit achtzehn Jahren. Sie lieben dieses Haus, es ist ihre Heimat. Deshalb kämpfen sie - verbissen und verzweifelt. Familie Lange lebt gern hier, die vier Söhne sind verwurzelt, die Nachbarn grüßen freundlich. 

Ihr Haus ist Heimat für 30 Menschen

So hätte es bleiben können - hätte. Langes Albtraum beginnt im Januar 2016. Damals steht plötzlich unerwarteter Besuch vor der Wohnungstür und klingelt. "Guten Tag, wann ziehen Sie aus? Wir sind die neuen Eigentümer", sagen die Fremden. Ein Scherz? Nein. Zwei Investoren haben das Haus, Baujahr 1887, 1100 Quadratmeter Wohnfläche, still und leise gekauft. 

In der Reclamstraße leben Künstler, Musiker, Grafiker. Es ist ein kreatives Haus, nur leider kein solventes. Viele leben seit Jahrzehnten hier, so auch Stefan Lange. Seine Familie bewohnt zwei zusammengelegte Wohnungen im dritten Obergeschoss, zahlt für rund 120 Quadratmeter 370 Euro Kaltmiete. Die Ausstattung ist simpel, aber es lässt sich leben. "Gut sogar, ich liebe unsere Wohnung", sagt Lange. Und das, obwohl die Dielen knatschen und nur ein Kohleofen vor Winterkälte schützt. Selbst die Toiletten im Treppenhaus sind noch in Benutzung. "Klingt schlimmer als es ist". An den Wänden hängen gerahmte Gedichte, Zeichnungen, Fotos der Familie. Chaotisch, aber irgendwie charmant. Eine Wohnung wie ein Fingerabdruck.

120 Quadratmeter für 370 Euro Kaltmiete

Stefan Lange ist ein Mensch, der Wolkenformen aufzählen kann, aber keine Fernsehsender. Ein Idealist, der Adorno zitiert und die Uhrzeit auf einer Taschenuhr abliest. Er sagt seine Meinung frei heraus - auch denen, die sie nicht hören wollen.

"Hier ist noch nicht alles glattpoliert". Lange hat sich eingerichtet im Leipziger Osten, jenem Problembezirk, der von der berüchtigten Eisenbahnstraße geprägt ist. Hier ist  Soya-Latte ein Fremdwort. Von seinem Fenster aus kann Lange spielende Kinder im Stadtteilpark "Rabet" beobachten, allerdings auch Drogenhandel und Schlägereien. Hartes Pflaster. Richtig hartes Pflaster. 

 Lange sieht das anders, für ihn bedeutet die Reclamstraße Heimat. "Wir haben alles aufgebaut, jetzt ist unser Viertel schön. Da kommen die Leute und sagen: Geil, hier kann man investieren". Er bringt es auf den Punkt. Profitorientierte Projektentwickler verwandeln das Arbeiterviertel in einen Luxuskiez. Schon heute werden in direkter Nachbarschaft Berliner Preise verlangt. 100 Quadratmeter kosten 900 Euro. Lange zahlt nur ein Drittel davon.

Ein Arbeiterviertel in Leipzig wird zum Luxuskiez

Das ist den neuen Hausherren nicht genug. Sie wollen das Haus sanieren: Balkone, Stuck, Kamine, einen Fahrstuhl und Fußbodenheizung einbauen. Doch zuerst müssen die Mieter raus. Dabei gehen die Eigentümer laut Lange mit zweifelhaften Methoden vor: Nach dem Eigentümerwechsel wollte er seine Miete überweisen. Nur wie? Die Besitzer gaben auch auf Nachfrage keine Bankverbindung bekannt. "Die wollten uns in Mietverzug bringen", vermutet Lange. Er hinterlegte seine Miete kurzerhand auf dem Amtsgericht. Eine gute Idee, die ihm vor Gericht helfen könnte. Tatsächlich erhielt Lange eine Mahnung, konnte seinen Zahlungswillen allerdings belegen.

Die Kommunikation beschränke sich seitdem auf Aushänge im Treppenhaus und seitenlange Anwaltspost. "Reine Schikane". Er ist bereit mit den neuen Eigentümern zu verhandeln, sagt er. Aber alle Versuche würden scheitern. "Ich habe nichts gegen Sanierung, aber bitte nicht mit der Brechstange". Lange bezeichnet sich als unangepassten Mieter: "Ich sage nicht zu allem Ja und Amen".

Offenbar gefällt die Auflehnung den Eigentümern nicht. Im April 2017 flattert die Kündigung ins Haus. Ein Anwaltsschreiben, 30 Seiten voll juristischer Erklärungen, Klauseln, Forderungen und Paragrafen. Grund: die Verhinderung "angemessener wirtschaftlicher Verwertung" der Wohnung, Paragraph 573 BGB. Das bedeutet den Rausschmiss zum Jahresende. Bis dahin viele schlaflose Nächte.

Kommunikation nur per Aushang und Anwaltspost

Jetzt kämpfen beide Seiten mit härteren Bandagen – im Haus formiert sich Widerstand. Allen voran Gallionsfigur Lange. Der arbeitslose Meteorologe engagiert sich bei der Initiative "Leipzig für Alle", die vergangene Woche hunderte Demonstranten auf die Straßen brachte. In Leipzig immerhin die erste größere Demo gegen Mietwucher seit der Wende. Auffallend viele junge Erwachsene folgten dem Aufruf.

"Die Studenten können sich kein Zimmerchen mehr leisten", bringt es Lange auf dem Punkt. In Leipzig fehlen schätzungsweise 40.000 Wohnungen. Geringverdiener und Studenten sind besonders von der Wohnungsnot bedroht. Auch seine Partnerin ist immatrikuliert, ihr droht dasselbe Schicksal. Sie studiert auf Lehramt und wird im Sommer ihr Staatsexamen ablegen. "Der drohende Umzug gefährdet ihren Abschluss, außerdem lernt mein Sohn für das Abitur", erklärt Lange.

Eigentlich hätte seine Familie schon lange ausziehen müssen. Sie ist geblieben. Deshalb flatterte die Räumungsklage ins Haus - für alle Mieter. Angst zog ein, Familien aus. Drei der 18 Mietparteien sind bereits umgezogen. Darunter eine junge Familie, die Mutter war gerade schwanger. Lange will nicht aufgeben. Er könne es sich schlichtweg nicht leisten, woanders hinzuziehen. Seine Familie lebt von Kindergeld und dem Gehalt seiner Partnerin, einer promovierten Biochemikerin. Sie arbeitet halbtags in der Grundlagenforschung, studiert nebenbei. "Wir können uns über Wasser halten, aber keine großen Sprünge wagen". 2200 Euro monatlich habe die Familie zur Verfügung.

Aufgeben ist keine Option

Genug Geld für das Nötigste, aber zu wenig für ein aufwändiges Gerichtsverfahren. Gegen Lange liegen gleich zwei Klagen vor, da er zwei Mietverträge besitzt. Zwar hat das Leipziger Amtsgericht noch keinen Verhandlungstermin festgesetzt, aber Stefan Lange rechnet noch in diesem Jahr mit dem Verfahren. "Ich gehe bis zum Letzten", sagt er und gibt er sich kämpferisch. Er sieht gute Erfolgschancen: "Die müssen uns erst einmal beweisen, dass ihnen ein finanzieller Nachteil entstanden ist".

Lange macht Welle, er wird nicht aufgeben. Für seinen persönlichen Klassenkampf braucht er Öffentlichkeit. Deshalb bepinselt er Plakate, hält Reden und betreut eine Internetseite, die als Kampfansage zu verstehen ist. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!", steht dort schwarz auf beige. Sollen Sie es doch versuchen, all die Investoren, Politiker und Airbnbs dieser Welt.

Ihnen sagt er ins Gesicht: "Wir bleiben. Uns bekommt ihr hier nicht raus".

Mehr zum Thema Mieten finden Sie im aktuellen stern