Leitzins-Senkung EZB enttäuscht die Märkte


Die Europäische Zentralbank schaltet im Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise überraschend einen Gang zurück. Die EZB senkte ihren Leitzins nur leicht auf 1,25 Prozent. Experten kritisierten den Schritt als zu zurückhaltend. Und auch die wolkigen Rechtfertigungen von Notenbankchef Jean-Claude Trichet konnten die Bedenken nicht zerstreuen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hält trotz der scharfen Rezession ihr Pulver trocken und wird deshalb zur Zielscheibe massiver Kritik. Die Hüter des Euro senkten am Donnerstag überraschend ihren Leitzins lediglich um einen viertel Prozentpunkt auf 1,25 Prozent. Zwar liegt der Leitzins damit so niedrig wie noch nie in der Geschichte der Währungsunion. Finanzmärkte und Öffentlichkeit hatten jedoch mit einem deutlicheren Abwärtsschritt gerechnet, nachdem sich die Konjunktur in der Euro-Zone zuletzt weiter eingetrübt hatte.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet signalisierte bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Entscheidung des EZB-Rats, dass die Währungshüter beim Leitzins nochmals nachlegen könnten. "Sind wir schon an der unteren Grenze angelangt? Was das Hauptrefinanzierungsgeschäft anbelangt, sage ich ganz offen, dass es nicht die Untergrenze ist. Ich schließe nicht aus, dass wir in sehr maßvoller Weise vom aktuellen Niveau nach unten gehen könnten."

EZB-Vize Lucas Papademos sagte, er habe mit Äußerungen in der vergangenen Woche die Märkte nicht auf einen Kurswechsel vorbereiten wollen. Aussagen von Papademos in Brüssel hatten zu Spekulationen geführt, die EZB könne dem Vorbild der US-Notenbank Fed und anderer Notenbanken folgen und über den Ankauf von Unternehmensanleihen und anderen Wertpapieren Milliarden in den Wirtschaftskreislauf pumpen. Viele Zentralbanken, darunter die US-Notenbank Fed, versuchen seit einiger Zeit, ihre Volkswirtschaften auf diese Weise mit Geld zu fluten, um einen Kollaps zu verhindern.

Kritik an der im Vergleich dazu vorsichtigen Politik der EZB kam von Gewerkschaften und aus der Finanzwirtschaft. "Es ist unverantwortlich, in der jetzigen Situation die Zinsen nicht radikal zu senken", sagte DGB-Chefvolkswirt Dierk Hirschel. Die EZB nehme in Kauf, dass sich die Krise dadurch weiter verschärfe. "Sie gefährdet damit Arbeitsplätze und riskiert weitere Unternehmenspleiten." Der Bundesverband Öffentlicher Banken kritisierte die EZB als "zu defensiv". "Ein wichtiger Beitrag zur Krisenbewältigung wäre neben einer deutlichen Zinssenkung auch eine intensivere Abstimmung unter den führenden Zentralbanken."

Spekulationen über unorthodoxe Maßnahmen

Vor der Zinssitzung hatte es zum teil heftige Spekulationen über weitere Aktionen der Europäischen Zentralbank jenseits des Leitzinses gegeben. So wurde vermutet, dass die EZB die Fristen für ihre Refinanzierungsgeschäfte mit den Banken deutlich ausweiten könnte. Die EZB hatte die Laufzeiten ihrer Geldmarktgeschäfte bereits vor einigen Monaten verlängert. Ursprünglich hatte sie den Banken entweder für eine Woche oder drei Monate Zentralbankgeld zur Verfügung gestellt.

EZB-Präsident Trichet verwies angesichts der Gerüchte auf den Zinsentscheid im nächsten Monat: "Man wird sehen, wie wir entscheiden werden."

DPA/Reuters DPA Reuters

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