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Börsenabsturz Lieferando, Delivery Hero, Hello Fresh – der Crash der Corona-Gewinner

Lieferando dominiert den deutschen Markt - und muss trotzdem kämpfen
Lieferando dominiert den deutschen Markt - und muss trotzdem kämpfen
© Sebastian Kahnert / DPA
Essens-Lieferdienste waren in der Corona-Pandemie gefragt wie nie. Doch in den vergangenen Monaten sind Lieferando, Delivery Hero und Hello Fresh an der Börse dramatisch abgestürzt. Was ist da los?

Wer durch die Straßen mancher Großstadtviertel läuft, der könnte meinen, es gebe seit der Corona-Pandemie kein lukrativeres Business als den Leuten ihr Essen und Trinken ins Haus zu liefern. Ständig begegnen einem Kuriere von Gorillas, Flink oder Getir, parken Flaschenpost-Lieferwagen die Einfahrten zu, bevor abends ein Heer an Pizzaboten ausschwärmt.

Tatsächlich sind die meisten dieser Anbieter aber alles andere als profitabel, sondern verbrennen jede Menge Geld. Investoren schießen Million um Million in die Dienste in der Hoffnung, dass ihr eigener Kandidat am Ende eines ruinösen Wettbewerbs als strahlender Sieger übrig bleibt – um schließlich umso fettere Gewinne einzustreichen.

Aber geht diese Rechnung eigentlich für irgendwen auf? Ist Größe wirklich ein Garant für große Gewinne? Wer sich die Aktienkurse der Branchenriesen Lieferando, Delivery Hero und Hello Fresh anschaut, der könnte so seine Zweifel kriegen. Alle drei haben sich in ihren Bereichen in den letzten Jahren als führende Kräfte etabliert, sind zu börsennotierten Konzernen aufgestiegen – und doch seit dem Höhepunkt der Corona-Krise dramatisch abgestürzt. 

Dax-Konzern Delivery Hero hat in den vergangenen sechs Monaten mehr als 70 Prozent seines Börsenwertes verloren. Die Aktie des Lieferando-Konzerns Just Eat Takeaway ist im gleichen Zeitraum um 65 Prozent abgestürzt (auf Jahressicht sogar 75 Prozent). Und der eben noch als großer Corona-Gewinner gefeierte Kochboxenversender Hello Fresh ist auf Halbjahressicht fast 60 Prozent im Minus. Haben die Investoren den Glauben an das Geschäftsmodell verloren?

Delivery Hero – schon wieder in Deutschland gescheitert

Der vielleicht bemerkenswerteste Fall ist der von Delivery Hero. Das Berliner Unternehmen mischt weltweit ganz groß mit bei den Online-Bestelldiensten, ist seit 2017 an der Börse und hat seit 2020 einen Platz im Dax, in dem die wertvollsten deutschen Aktienkonzerne gelistet sind. Ausgerechnet im Heimatmarkt Deutschland aber ist Delivery Hero während der Corona-Pandemie schon ein zweites Mal gescheitert.

Der erste Rückzug aus Deutschland datiert aus 2019, als die Berliner nach ebenso epischem wie verlustreichem Kampf ihre Beteiligungen Foodora und pizza.de an Lieferando abgaben und das Feld der Konkurrenz überließen. 2021 war das Unternehmen mit der Marke Foodpanda plötzlich wieder da, schmiedete große Pläne – und stampfte das Deutschland-Geschäft nur wenige Monate später doch wieder ein. Als Grund nennt Konzernchef Niklas Östberg den Respekt vor der Finanzkraft der US-Riesen Doordash (Flink, Wolt) und Uber Eats, die nun ebenfalls mit Macht und Millionen auf den deutschen Markt drängen. Um zumindest noch einen dicken Zeh in Deutschland zu behalten, hat sich Delivery Hero mit 200 Millionen Euro an Gorillas beteiligt. 

Dass das Unternehmen an der Börse so abgestraft wird, liegt aber wohl vor allem daran, dass es über zehn Jahre nach der Gründung und einem weltweit ausgerollten Geschäft immer noch rote Zahlen schreibt. Das änderte sich auch im Corona-Boom nicht. Konzernchef Niklas Östberg macht für den aktuellen Börsenabsturz zwar auch das schlechte Umfeld in Form von Inflation und Ukraine-Krieg verantwortlich. Im Spiegel-Interview sagte er aber auch. "Es ist eine offene Frage, wie profitabel Lieferdienste sein können." Eine bemerkenswerte Aussage. Immerhin, man sei auf einem guten Weg, bald Gewinne zu verzeichnen. Hoffentlich. Aber: "Zum jetzigen Zeitpunkt machen alle Lieferunternehmen Verluste – da sind wir nicht schlechter als andere."

Lieferando-Konzern Just Eat Takeaway: rote Zahlen trotz Corona-Boom

Zu diesen "anderen" zählt auch der niederländische Konzern Just Eat Takeaway, der unter der Marke Lieferando den deutschen Markt für die Vermittlung von Essensbestellungen dominiert. Der internationale Gegenspieler von Delivery Hero hat das Jahr 2021 mit einem stattlichen Verlust von einer Milliarde Euro abgeschlossen. Das lag zwar teilweise an der teuren Übernahme des US-Lieferdienstes Grubhub (den der Lieferando-Konzern jetzt schon wieder loswerden will), aber auch der operative Verlust lag noch bei 350 Millionen Euro.

Dass die Umsätze im Corona-Jahr gesteigert wurden, fanden die Aktionäre angesichts der ausufernden Verluste nur wenig tröstlich. Auch in der Führungsspitze rumort es: In dieser Woche wurde bekannt, dass der Aufsichtsratsvorsitzende sowie der Chef des operativen Geschäfts von ihren Posten enthoben werden, letzterer wegen mutmaßlicher persönlicher Verfehlungen auf einer Firmenveranstaltung. 

In Deutschland ist Lieferando zwar klarer Marktführer. Doch diese Stellung zu behaupten ist durch immer neue finanzkräftige Spieler wie Doordash ein zermürbender Kampf. Und die permanent kritisch beäugten Arbeitsbedingungen der Fahrer bleiben sowieso eine dauerhafte Gefahr für die öffentliche Reputation. 

Hello Fresh – droht das Ende der Kochboxen-Party?

Und das Kochboxen-Phänomen Hello Fresh? Dank explodierender Nachfrage konnte das Unternehmen in der Corona-Pandemie seine Umsätze vervielfachen, stieg in den Dax auf und schrieb trotz enormer Investitionen 2021 schwarze Zahlen. Doch viele Beobachter erwarten, dass es so kometenhaft nicht weitergehen wird. Obwohl der Umsatz auch im ersten Quartal 2022 gestiegen ist, befindet sich die Aktie seit Ende vergangenen Jahres im Sinkflug. Die Anleger sind offenbar unsicher, ob die Menschen auch nach dem Abklingen der Pandemie weiter so viele Kochboxen bestellen.

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