HOME

Lohnpolitik: Gesucht: Gerechtigkeit

In der Metall- und Elektroindustrie krempeln 4000 Firmen ihre Lohnstruktur um. Erstmals seit Jahrzehnten wird der Wert der Arbeit neu bemessen. Das sorgt für Ärger in den Betrieben.

Arnold Grünbacher ist keiner, der sich so leicht umwerfen lässt, groß, kräftig, ein gestandener Mann. Aber wenn der Daimler-Mechaniker sich daran erinnert, wie sein Arbeitsplatz neu bewertet wurde, ringt er immer noch um Fassung. "Ich bin damals in Urlaub gefahren, aber das hätte ich mir sparen können", sagt er. "Selbst wenn ich nachts aus dem Tiefschlaf kam, habe ich daran gedacht." Ein Jahr hat er gebraucht, um damit klarzukommen. Einigermaßen klarzukommen. "Das Herzblut, das ist weg."

Mit Geld hat das nichts zu tun. Grünbacher verdient genauso viel wie vor der Neubewertung. Dafür hat die IG Metall gesorgt, als sie das "Entgeltrahmenabkommen" (ERA) abschloss. Aber Grünbacher ist ein "Überschreiter": Hört er einmal auf, wird sein Nachfolger weniger verdienen - und das wurmt den Mechaniker: Seine Arbeit soll das Gehalt nicht wert sein?

Lohn und Gerechtigkeit - kaum eine Frage bewegt die Deutschen derzeit mehr. Mindestlöhne, Streik der Lokführer, Tarifabschluss im öffentlichen Dienst - überall haben Politik, Wirtschaft und Stammtische lauthals mitdebattiert. Die wahre Lohnrevolution im Land aber ging in dem Geschrei unter. Die Metall- und Elektroindustrie gibt sich eine neue Lohnstruktur.

Was als Verwaltungsakt begonnen hat, stiftet Unfrieden und Demotivation. Groß ist die Wut auf die Arbeitgeber und die IG Metall. Aber die Gescholtenen haben keine Wahl. Ihre Reform ist der verzweifelte Versuch, den Flächentarifvertrag zu retten.

Die Bezahlung richtete sich nach Vorkriegskriterien

Seit 2003 also werden nun 1,8 Millionen Jobs in ihre Einzelheiten zerlegt, 144 Mrd. Euro Gehalt in 4000 Unternehmen werden neu verteilt. Mitte 2009 soll die Reform fertig sein, doch die meisten Bezirke sind weit davon entfernt. Es wird gestritten, bewertet, reklamiert, Anwälte werden bemüht und Schiedsstellen eingeschaltet. "Es gab deutlich mehr Konflikte, als wir dachten", sagt Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg. "Es gibt Betriebe, da wurde die Sozialpartnerschaft aufgekündigt."

Notwendig war die Reform schon lange. "Es gab Gehaltsgruppenbeschreibungen, die waren wortgleich mit denen aus 1938", sagt Hofmann. In vielen Büros ziehen die Betriebsräte dafür grinsend Belege aus den Ordnern, vergilbte Blätter mit Beschreibungen der Arbeitsaufgaben. Doch dort, wo früher der Akkordarbeiter am Band stand, schrauben heute Roboter. Einzelarbeitsplätze am Band gingen in Gruppenarbeit auf, Rechner und hoch qualifizierte Programmierer sind Alltag in den Werkshallen.

Die Welt hat sich gewandelt, die Bezahlung nicht. Sie richtete sich nach Vorkriegskriterien: Lehre oder Studium, Blaumann oder weißes Hemd. Und da dies allzu simpel war, wurde das System im Laufe der Jahre erweitert: Eine Prämie hier, eine Zulage dort - das schaffte ein Chaos, das kaum einer mehr durchschaute: Bei Daimler gab es einen Prämienlohn, eine Vorprämie, einen Standardlohn, einen Zeitlohn. Und es gab technische Angestellte, kaufmännische Angestellte und Meister. Und jeder bekam ein anderes Gehalt.

Was die Reform zum Wanken bringt

Für den Betriebsfrieden wurde die Intransparenz zur Gefahr. Tarifverhandlungen in der Fläche verloren an Wert, Neid und Missgunst kamen auf. "Wenn vor ERA in Betrieben öffentlich geworden wäre, wer wie viel verdient, wäre die Demotivation komplett gewesen, weil es keine Ordnung mehr gab", sagt Reinhard Bahnmüller, Forscher an der Universität Tübingen. Es musste eine neue Ordnung her - allein um den Flächentarifvertrag zu retten. Jahrelang haben die Arbeitgeber und Gewerkschaften an der Entgeltordnung gearbeitet. Das Ergebnis: Jeder Arbeitsplatz wird neu beschrieben und bewertet.

Doch eines haben IG Metall und Gesamtmetall dabei vergessen: Lohn ist nicht nur Geld, er ist auch Anerkennung. So verbittert es manchen Arbeiter, wenn ihn das neue Gefüge in der Entgeltgruppe sechs einstuft und nicht mehr in acht - selbst wenn sein Verdienst nun höher ist. "Manche sagen: Es war ein Fehler, die Entgeltgruppen zu nummerieren, man hätte Buchstaben nehmen sollen", heißt es an der Uni Tübingen, die den Prozess wissenschaftlich begleitet. Solche vermeintlichen Kleinigkeiten wurden zum Prüfstein der Reform. "Gerechtigkeit, das war der Konfliktpunkt Nummer eins - auch wenn es durch die Absicherung keinen finanziellen Verlust gegeben hat", sagt IG-Metall-Bezirksleiter Hofmann.

Die Beschäftigten wehren sich dagegen mit allen Mitteln

Denn was ist gerecht? Was ist Arbeit wert, wenn einer nicht nur die Maschine bedient, sondern auch den Mitarbeiter führt? Wer bestimmt das? "Entgeltsysteme sind dazu da, soziale Ungleichheiten zu produzieren und zu legitimieren. Das ist ihr Sinn, und das ist politisch gewollt", sagt Uni-Forscher Bahnmüller. Die Veränderung der betrieblichen Sozialstruktur sei somit ein zentrales Ziel, kein unbeabsichtigter Nebeneffekt beim ERA.

Die Beschäftigten spüren das und wehren sich dagegen mit allen Mitteln. Manche, erzählt Michael Brecht, der beauftragte ERA-Betriebsrat bei Daimler, haben sich sogar zu Hause ausgerechnet, was ihre Arbeit wert sei. Doch so einfach lief es nicht. Daimler schuf eigens eine "Modellfabrik". Als sie die Ergebnisse der Neubewertung den Mitarbeitern vorlegt, ist es mit dem Betriebsfrieden vorbei. Von 125.000 Modellbeschäftigten reichen 58.000 Reklamationen ein - auch wenn ein niedrigeres Gehalt erst für den Nachfolger im Job gilt. So wie bei Grünbacher, so wie bei dem Messfachmann Herbert M., der klagt: "Mein Arbeitsplatz ist jetzt 650 Euro weniger wert."

Aber nicht nur die Überschreiter protestierten. Auch die Mitarbeiter, deren Tätigkeit künftig besser bezahlt wird, die "Unterschreiter" fühlen sich ungerecht behandelt. "Die haben damit argumentiert, dass sie also die gesamte Zeit zu schlecht bezahlt wurden", sagt Jan Stefan Roell, Chef des Arbeitgeberverbands Südwestmetall.

Ob Daimler, Siemens, John Deere, Karmann, Evobus, Gillette oder EADS - überall gab es Ärger. "Die Arbeitnehmer sind teilweise Sturm gelaufen", sagt Bahnmüller von der Uni Tübingen.

Wie der Widerstand erstickt

Im ganzen Land flammen Proteste auf: Bei Alstom gehen Arbeiter der Turbinenproduktion in den Ausstand, bei Siemens versammeln sich Sekretärinnen zur wohl ersten Demo ihrer Branche, bei Daimler in Berlin stehen eine Stunde lang Maschinen still, beim Maschinenbauer Voith gehen 500 Beschäftigte auf die Straße, weil das Unternehmen das ERA für Lohnsenkungen missbrauche. Die IG Metall versucht alles, die Lage zu beruhigen, verschickt an Aufsässige auch mal Briefe und bittet sie, die "destruktive Polemik" abzustellen.

Die Gewerkschaft will ebenso wie Gesamtmetall das Projekt durchboxen - koste es, was es wolle. Beide müssen den Flächentarifvertrag stärken - auch um die Abspaltung kleiner machtvoller Gruppen zu verhindern. Warnendes Beispiel sind die Lokführer, die aus dem Bahntarif ausscherten. "Mit dem System sind solche Effekte ausgeschaltet", heißt es bei Gesamtmetall.

Der Trick: Qualifizierte Facharbeiter, potenzielle Kandidaten für eine Abspaltung und beliebte Klientel der IG Metall, werden kräftig höher bewertet. "Beim Maschinenbau gibt es ein deutliches Plus. Anders sieht es bei den Ungelernten aus und bei Routinetätigkeiten im kaufmännischen Bereich", sagt IG-Metall-Bezirksleiter Hofmann.

Nach Schätzungen von Uni-Forscher Bahnmüller verdienen Facharbeiter bis zu 500 Euro mehr. Montage, kaufmännische Bereiche und Sekretärinnen wurden dagegen "arg gerupft".

Schlechte Bilanz für die IG Metall

Für die Unternehmen kann sich das, je nach Beschäftigtenstruktur, langfristig auszahlen: Zwar sehen die ERA-Verträge vor, dass die Löhne insgesamt nicht sinken oder steigen dürfen. "Mittelfristig werden aber nicht wenige Unternehmen Geld sparen", sagt Bahnmüller. Wer viele Ungelernte und kaufmännische Angestellte beschäftigt, spart künftig Lohnkosten.

Bei der IG Metall sieht die Bilanz weniger gut aus. Sie wollte mit dem ERA nicht nur den Flächentarif retten sondern auch Eigenwerbung betreiben, wollte die Mitglieder erst für die IG-Metall-Themen Lohn und Leistung sensibilisieren und ihnen dann beweisen, dass man es schafft, gerechte Löhne durchzusetzen. Die Propaganda aber ist schiefgegangen. Nicht nur die Kaufleute, die nicht zur Stammklientel gehören, sind sauer auf die IG Metall. Auch viele Arbeiter sind frustriert. Die Gewerkschaft, sagt Uni-Experte Bahnmüller, habe "gerade bei ihren traditionellen Kampftruppen Prügel bezogen. Sie hat einen hohen Preis bezahlt".

Tatsächlich hat die IG Metall 2004, als die ERA-Debatte an Schärfe und Relevanz gewann, über fünf Prozent Mitglieder verloren. Allerdings weiß niemand, ob nun wegen des damaligen Streits im Gewerkschaftsvorstand - oder wegen des aufkommenden Bewertungsärgers.

Bei diesem Schrecken sind die Gewerkschafter froh, dass dieser Lohnrevolution so bald keine weitere folgen wird. "Das System hat einen hohen Haltbarkeitswert", sagt Bezirksleiter Hofmann. Die Arbeit will sich "keiner noch mal antun".

FTD
Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(