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LUFTFAHRT: Auf Schlingerkurs

Über den Wolken... muss die Krise wohl grenzenlos sein. Nach den Anschlägen vom 11. September ist klar: Bei keiner anderen Branche kann man so schnell auf die Nase fallen wie in der Fliegerei.

Frankreichs berühmter Piloten-Poet Antoine de Saint-Exupery hat es bereits gewusst. In keiner anderen Branche kann man so schnell auf die Nase fallen wie in der Fliegerei - im wörtlichen wie im finanziellen Sinne. Eine Erkenntnis, die im Laufe der rund 100-jährigen Geschichte der Luftfahrt immer wieder bestätigt wurde - auch wenn sie vielen Airlines über Jahre hinweg satte Gewinne beschert hat. Denn kaum eine andere Branche kennt so viele zyklische Auf und Abs, Höhenflüge, Beinahe-Abstürze und wirtschaftliche Strudel, aber auch Erfolgsstories um wahre »Stehaufmännchen«.

Am Rand des Abgrunds

Dutzende renommierter Fluggesellschaften wurden dabei bis an den Rand des Abgrunds und in einigen Fällen bis in die Pleite getrieben. Die Swissair ist da keine Ausnahme - zu Beginn der 90er Jahre stürzte etwa mit Pan American World Airways (PanAm) eine der ganz großen Traditions-Fluggesellschaften wirtschaftlich ab. Auch Flugzeugbauer wie Boeing oder Airbus wissen um diese zyklischen Schwankungen ihrer Kunden: nicht zuletzt deshalb haben die Europäer so lange mit dem Beschluss für den Bau des neuen Super-Airbus A380 gezaudert.

Ähnlich wie die Weinindustrie kennt auch die Weltluftfahrt gute und schlechte Jahrgänge. Die Daten 1980, 1981 und 1982 etwa sorgen in der kommerziellen Fliegerei für die gleichen sauren Minen wie der verhagelte 56er Jahrgang bei den Bordeaux-Winzern. Turbulenzen, Konflikte und Wirtschaftskrisen zerrten an Gewinnen und Profitmargen.

Selbst Unternehmen wie British Airways verbuchten damals tiefrote Zahlen und reduzierten die Belegschaft in drastischen Radikalschnitten. Auf rund 1,8 Milliarden Dollar bezifferte die Internationale Lufttransport-Vereinigung IATA 1982 die Verluste aller ihr angeschlossenen Linien-Fluggesellschaften.

Mit dem Golfkrieg kam die Krise

Rund zehn Jahre später folgten das nächste Tief. Der Golfkrieg konfrontierte die weltweiten Fluggesellschaften mit ihrer schwierigsten Finanzlage seit 1945. Der Verlust auf den internationalen planmäßigen Liniendiensten galt 1990 mit 2,7 Milliarden Dollar als der größte der Nachkriegsgeschichte. Erhöhte Treibstoffkosten und Löhne sowie Kriegsrisiko-Prämien der Versicherungsgesellschaften verschlechterten die Lage, die durch die Flugangst vieler Passagiere bei den Airlines bereits düster aussah. Hinzu kamen wachsende Schuldenberge und Fehlentscheidungen. Der 1927 entstandenen PanAm - einst die führende Fluggesellschaft der Welt - sowie der zwei Jahre später gegründeten Eastern Airlines bescherte die Situation den Gang zum Konkursrichter.

Ähnlich wie nun nach den Terrorschlägen von Washington und New York schürten damals die Feindseligkeiten am Golf die Ängste der Passagiere, die durch Deregulierung, Konzentration, Allianzen und Preisdruck zu immer günstigeren Preisen immer weiter flogen. Vom Überlebenskampf waren nicht nur die vielen Kleinen im Geschäft, sondern auch die einstigen »flag carrier« betroffen - die nationalen Aushängeschilde, die früher oft durch Subventionen künstlich am Leben gehalten wurden. Ob Sabena oder Swissair, ob Lufthansa oder Air France: es handelt sich bei ihnen um Traditionsgesellschaften, deren Name längst zum Synonym für das jeweilige Land geworden ist.

Zwar müssen auch sie sich heute mit flexibleren und kosteneffizienteren Strukturen dem Diktat des Marktes beugen, doch präsentieren sie sich im Vergleich zu den pfiffigen Neuen im Geschäft noch immer vielen Marktbeobachtern als zu starr. Billig-Unternehmen wie Ryan-Air oder Easy-Jet haben dagegen längst eine Kapitalisierung erreicht, die sich durchaus mit der ihrer Konkurrenz messen kann.