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LUFTVERKEHR: Wer überlebt die Doppelkrise?

Die Folgen der Terrorfurcht sowie die weltweite Wirtschaftsschwäche lassen die Branche mit den Zähnen klappern: Es droht ein mörderischer Verdrängungskampf.

Die internationale Luftfahrt steht nach dem schwarzen Jahr 2001 vor einer Phase der Wahrheit. Die Doppelkrise aus weltweiter Wirtschaftsschwäche und Terrorfurcht nach den Anschlägen in den USA schüttelt selbst die Stärksten der Branche. Mit massiven Einschnitten und Entlassungen steuern etliche Fluggesellschaften nun einen gründlichen Kostensenkungskurs - und bringen sich in Stellung für die womöglich härteste Runde im Verdrängungskampf am Himmel. Experten erwarten, dass nach dem Zusammenbruch der Swissair und der belgischen Sabena weitere mittelgroße Airlines am Boden bleiben könnten oder zu Zubringern der mächtigen Luftfahrtallianzen absinken. Ob die Buchungen schnell wieder steigen, ist ungewiss.

10 Mrd. Dollar verloren

Das zu Ende gehende Jahr hat bleibende Spuren in der Luftverkehrs- Industrie hinterlassen. Mehr als 100.000 Beschäftigte kostete der Einbruch weltweit den Job. Die Branche verlor nach Schätzung des internationalen Luftverkehrsverbands bis zu 10 Milliarden US-Dollar (26,4 Mrd DM/13,5 Mrd Euro). Airlines, Flughäfen, Flugzeughersteller: Die Wucht des Rückschlags traf sie alle und härter als die Folgen des Golfkriegs vor zehn Jahren. »Der 11. September hat den Weltluftverkehr extremer verändert als jede Krise zuvor«, urteilt Lufthansa-Chef Jürgen Weber.

Probleme noch verstärkt

Schlagartig sind die schon zuvor spürbaren Probleme wegen teurer Treibstoffpreise und der Wirtschaftsflaute in den USA, Europa und Japan verstärkt worden. »Die Anschläge haben die Negativentwicklung spürbar beschleunigt, nicht aber hervorgerufen«, heißt es in einer Studie der Dresdner Bank. Sie lösten aber einen harten Schub für Veränderungen aus. Angesichts massiver Buchungsrückgänge strichen etliche Gesellschaften ihren Flugplan zusammen und verringerten unprofitable Überkapazitäten vor allem auf den Nordatlantikstrecken.

Drei bleiben übrig

Die Krise dürfte den überfälligen Umbau der europäischen Luftfahrt forcieren. »Die starken Airlines werden weiter gestärkt, schwächere werden vom Markt verschwinden«, sagt Ralph Lau, Leiter des Aktienportfoliomanagements bei Helaba Invest in Frankfurt. Lufthansa-Kapitän Weber sagt unverhohlen voraus, dass eine neue europäische Luftfahrtordnung mit letztlich drei interkontinental tätigen Allianz-Netzwerken um die Lufthansa, British Airways und Air France unausweichlich ist.

Regierungen als Retter?

Selbst renommierte Gesellschaften wie Alitalia, die spanische Iberia oder die niederländische KLM können nur noch unter dem Dach eines größeren Partners überleben, lauten die Szenarien. Ob ihnen die Stunde der Wahrheit tatsächlich schlägt, ist aber auch von den Regierungen abhängig. »Fluggesellschaften sind nationale Status-Symbole, die nicht leicht aufgegeben werden«, gibt Helaba-Experte Lau zu bedenken. Die Lufthansa macht denn auch hartnäckig Front gegen Subventionen für angeschlagene Wettbewerber.

Versicherungsprämien ungeklärt

Mit Vorhersagen über ein Ende der Krise halten sich Experten und Gesellschaften zurück. Zwar blitzt ein leichter Lichtstreif am Horizont, wenn etwa die Lufthansa nach der Einigung mit den Beschäftigten auf ein Sparpaket ohne Kündigungen 15 Großraumflugzeuge vom Typ Airbus A380 ordert. Die Unsicherheit der Branche wird aber bis mindestens Ende 2002 dauern, so die Experten der HypoVereinsbank. Noch immer ist unklar, zu welchem Preis Flugzeuge künftig gegen Schäden am Boden durch Krieg und Terror versichert sein werden. Flughäfen und Flugsicherungen verlangen höhere Gebühren. Passagiere werden vorerst weiter mit Sicherheitszuschlägen auf den Ticketpreis zur Kasse gebeten.

Krise im Kopf

Billigangebote sind kein Heilmittel, das Vertrauen verunsicherter Kunden zurückzugewinnen, sagt der Frankfurter Unternehmensberater für Krisenmanagement, Peter Höbel. »Luftverkehr ist ein hochwertiges, sicheres Produkt, das seinen Preis hat.« Auch schwer bewaffnete Patrouillen an den Schaltern sind psychologisch nicht beruhigend, sondern eher angstfördernd. Die eigentliche Krise entstand in den Köpfen der Menschen und muss auch dort gelöst werden - mit vertrauensbildenden Werbebotschaften von Geborgenheit, Sicherheit und Sympathie.

Sascha Meyer

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