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MEDIA: Gelbe Karte für Liberty Media

Das Bundeskartellamt hat erhebliche Bedenken gegen die Übernahme der Telekom-Fernsehkabelnetze durch das US-Unternehmen. Die Telekom wird langsam nervös.

Über die Hälfte der 18 Millionen deutschen Kabelhaushalte müssen möglicherweise deutlich länger auf neue digitale Fernsehprogramme warten, als bisher erwartet. Schuld ist das Bundeskartellamt. Deutschlands oberste Wettbewerbshüter drohten am Donnerstag, dem US-Medienkonzern Liberty Media die geplante Übernahme von sechs regionalen Kabelfernsehgesellschaften der Deutschen Telekom zu verbieten. Kommt es wirklich zu dem Verbot, müsste die Telekom nach einem neuen Käufer suchen. Investitionen in das veraltete Kabelnetz würden wohl auf die lange Bank geschoben. Aber deutlich störender würde Telekom-Chef Ron Sommer das finanzielle Problem bewerten: Der Verkauf des größten Teils des TV-Kabelnetzes würde ihm 5,5 Milliarden Euro (10,7 Mrd DM) in die Kasse spülen. Und diese Summe wird dringend benötigt, um die hohen Schulden von mehr als 60 Milliarden Euro zu drücken.

Verkauf nicht 'um jeden Preis'

Was passiert also, wenn das Kartellamt den Verkauf stoppt? Möglicherweise muss die Telekom in dem Fall anderen Kaufinteressenten Zugeständnisse machen. Solche Gedankenspiele sind für Vorstandschef Sommer aber tabu: Das TV-Kabelgeschäft gehört zwar nicht zu den Kernaktivitäten der Telekom, aber »es wird nicht um jeden Preis verkauft«, sagte er bereits Ende 2001, nachdem Kartellamtspräsident Böge erstmals in der Öffentlichkeit Bedenken gegen den Verkauf der sechs regionalen Kabelgesellschaften an Liberty Media angemeldet hatte.

Auch andere Käufer interessiert

Als mögliche Alternativen für den Käufer Malone soll angeblich ein Konsortium unter Führung der Deutschen Bank mit dem Kabelunternehmen Telecolumbus in den Startlöchern hocken. Auch die Düsseldorfer WestLB und der britische Finanzmakler Compere Associates wurden schon als potenzielle Käufer des Kabelnetzes der Telekom genannt.

Geld ist fest verplant

Für den Schuldenabbau hat Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick die Erlöse aus dem Kabelnetzverkauf jedenfalls fest eingeplant. Bis zum Jahresende soll der Schuldenberg von mehr als 60 Milliarden Euro auf 50 Milliarden Euro reduziert werden. Neben dem Kabelverkauf will Eick auch die Erlöse aus dem geplanten Börsengang der Tochterfirma T- Mobile International AG für den Schuldenabbau einsetzen.

Liberty wird immer mächtiger

Die Wettbewerbshüter befürchten, dass durch die Übernahme am Ende ein Unternehmen entstehen könnte, das noch marktbeherrschender wäre, als es die Telekom in der Vegangenheit ohnehin war. Liberty Media ist schon heute die Nummer eins unter Europas Kabelnetzbetreibern. Durch die Übernahme der sechs Telekomgesellschaften würde es auf einen Schlag auch der mit Abstand größte Kabelanbieter Deutschlands und direkt und indirekt Zugang zu zehn von insgesamt 18 Millionen Kabelhaushalten in der Bundesrepublik erhalten.

Telekom dominierte nicht wirklich

Doch das ist nicht alles. Zwar dominierte bisher die Telekom den Markt. Doch endete ihr Einfluss meist an der Grundstücksgrenze. Die letzten Meter zum Fernseher wurden meist von kleineren Unternehmen oder großen Hausverwaltungen überbrückt - und zumindest theoretisch konnten die sich für die eingespeisten Programme auch einen anderen Anbieter als die Telekom suchen.

Liberty will mehr

Bei Liberty würde dies anders. Der US-Anbieter will den direkten, von ihm kontrollierten Draht zum Kunden. Belieferte die Telekom direkt gerade einmal 3,6 Millionen Kunden in den sechs Regionen, so wären es bei Liberty dank anderer Zukäufe schon vom Start weg fast doppelt so viel, nämlich 6,8 Millionen Haushalte. Um die Kunden enger an das eigenen Unternehmen zu binden, will Liberty-Chef John Malone außerdem kostenlos Decoder an seine Kunden verteilen.

Geschenk mit Hintersinn

Doch hat die Sache nach Einschätzung der Wettbewerbshüter einen Haken. Die Decoder sollen Böge zufolge ausschließlich Signale von Liberty entschlüsseln können. Der Markteintritt von Konkurrenten würde schwerer.

Keine Trennung von Inhalt und Anbieter

Doch gibt es in den Augen des Kartellamts noch weitere Bedenken. Bisher gibt es in Deutschland eine strikte Trennung zwischen Programmanbietern und Kabelnetzbetreibern. Gerade die aber würde durch den Markteintritt von Liberty aufgehoben. Denn das Unternehmen betreibt nicht nur Kabelnetze. Es ist auch am Medienriesen AOL Time Warner sowie an zahlreichen Fernsehsendern und Produktionsfirmen beteiligt. Schon warnten ARD, ZDF, Bertelsmann und Kirch einhellig vor der Gefahr einer Benachteiligung ihrer Sender im Liberty-Kabelnetz gegenüber den Eigenproduktionen des US-Multis.

Konkurrenz wird erschwert

Der Albtraum der Wettbewerbshüter ist ein Kabelriese, der dank seiner Verflechtungen mit TV-Sendern, dank seiner schieren Größe und Nachfragemacht den Konkurrenten beim Kauf von TV-Rechten meilenweit voraus ist. »Liberty geht selbst davon aus, weltweit Vorteile beim Bezug neuer TV-Inhalte zu haben«, sagte Böge in Bonn.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl

Ist also die rote Karte für Liberty unvermeidlich? »Nein«, betont Böge. Der US-Konzern könnte die Wettbewerbsnachteile auf dem Kabelfernsehmarkt dadurch ausgleichen, dass er auf anderen Märkten für mehr Wettbewerb sorgt. Konkret heißt das: Liberty müsste die erworbenen Kabelnetze so weit aufrüsten, dass das Unternehmen der Deutschen Telekom im Telefon-Ortsnetz und bei Breitband-Internetanschlüssen Konkurrenz machen könnte. Das Kartellamt würde also die Übernahme dulden, wenn das Unternehmen auf einem anderen Feld für mehr Wettbewerb sorgt: das heißt, ähnlich wie die Konkurrenten Callahan (ish) in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sowie Klesch (E-Kabel) in Hessen das Kabelnetz zu einem Multimedia-Netz mit schnellem Internetzugang und Sprachtelefonie ausbaut. Damit könnte das Quasi-Monopol der Telekom im Ortsnetz zur Freude der Wettbewerber endlich geknackt werden.

Doch Liberty mag gar nicht

Doch diese Milliardeninvestitionen scheut Liberty bisher. »Das Bundeskartellamt hat Zweifel, ob Liberty tatsächlich das wettbewerbliche Potenzial des Kabelnetzes auf den von der Deutschen Telekom beherrschten Märkten für Internetzugang und Telefon nutzen wird«, sagt Böge. Es war wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl. Bis zum 15. März hat Liberty noch Zeit, die Bedenken der Wettbewerbshüter auszuräumen. Bis zum 28. März muss das Kartellamt dann entscheiden.