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MEDIEN: Bertelsmann will RTL jetzt ganz

Der bereits mehrheitlich an RTL beteiligte deutsche Medienkonzern will die Fernsehgruppe nun komplett übernehmen. Für Aktien im Streubesitz bietet er 44 Euro.

Der Medienkonzern Bertelsmann will für 1,5 Milliarden Euro seinen Mehrheitsanteil an RTL auf zunächst 89 Prozent ausbauen und strebt eine vollständige Übernahme an. Der Konzern wird vom britischen Verlagshaus Pearson dessen 22-Prozent-Anteil an RTL für 1,5 Milliarden Euro kaufen. Zudem ist ein Angebot für die restlichen knapp elf Prozent der RTL-Anteile geplant, die sich noch im freien Handel befinden. Sollte dies positiv verlaufen, ist auch ein RTL-Rückzug von der Börse denkbar. Das internet- und fernsehgetriebene Geschäft von RTL soll eine noch stärkere Bedeutung bei Bertelsmann bekommen, hieß es zur Begründung. Ein RTL-Sprecher sagte, dass der Sender die Ausweitung des Bertelsmann-Engagements begrüßt. RTL ist nach eigenen Angaben mit 23 TV- und 17 Radiosendern Branchenführer in Europa.

RTL-Rückzug von Börse?

»RTL ist inzwischen der umsatz- und ergebnisstärkste Bereich bei Bertelsmann«, sagte Bertelsmann-Sprecher Oliver Herrgesell zu der Aufstockung. Den Kaufpreis könne Bertelsmann ohne zusätzliche Kapitalmaßnahmen finanzieren. Zudem ist man zuversichtlich, auch die noch ausstehenden Anteile erwerben zu können. Bertelsmann wird darüber mit der RTL-Führung sprechen. Dabei sollen je Aktie 44 Euro geboten werden, was dem an Pearson gezahlten Preis entspricht. »Machen genug Aktionäre mit, wäre ein Delisting (der RTL-Aktien) möglich. Wir könnten aber auch wunderbar damit leben, wenn ein Freefloat an der Börse verbleibt«, sagte Herrgesell. Der Gütersloher Konzern selbst plant seinen Börsengang in einigen Jahren.

Geld zum Schuldenabbau

Nach Pearson-Angaben zahlt Bertelsmann für den RTL-Anteil einen achtprozentigen Aufschlag zum Schlusskurs von Freitag. Betrachtet über den Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate liegt der Zuschlag bei 22 Prozent. Pearson wird durch den Verkauf einen außerordentlichen Gewinn von umgerechnet rund 412 Millionen Mark ausweisen. Das Geld solle zur Schuldentilgung verwendet werden.

Über den Preis wird nach Angaben von Pearson nach oben hin neu verhandelt, falls Bertelsmann in den nächsten 18 Monate mit einem anderen RTL-Anteilseigner einen Preis von über 44 Euro je Aktie vereinbart. Der Verkauf, der auch die 1,8-prozentige Beteiligung der spanischen Pearson-Tochter Recoletos umfasst, soll Anfang 2002 abgeschlossen sein.

Günstiger Zeitpunkt für Kauf

In Branchenkreisen hieß es, dass Bertelsmann den RTL-Anteil von Pearson zu einem günstigen Zeitpunkt übernommen hat. Unter anderem wurde dabei auf den RTL-Aktienkurs verwiesen. Die Titel wurden am Freitag zu Handelsschluss mit 40,60 Euro notiert. Das Jahreshoch hatte im Februar bei 103,50 Euro gelegen, das Tief im September bei 23 Euro. In den Kreisen hieß es zudem, dass Pearson derzeit Geld braucht. Der Konzern hatte in der vergangenen Woche eine Gewinnwarnung ausgegeben. Aktien aus der Medienbranche waren zuletzt allgemein im Zusammenhang mit deutlich fallenden Werbeeinnahmen unter Druck geraten. Auch RTL hatte zuletzt seine Ergebnisprognose für 2001 erneut gesenkt.