Motiv Der ewiggleiche Antrieb: Geldgier


Wirtschaftskriminalität hat in Deutschland Hochkonjunktur. Immer mehr Manager, Angestellte oder Abteilungsleiter wirtschaften still und heimlich in die eigene Kasse.

Wirtschaftskriminalität hat in Deutschland Hochkonjunktur. Während die Konjunkturflaute die Gewinne vieler Unternehmen einbrechen lässt, wirtschaften immer mehr Manager, Angestellte oder Abteilungsleiter still und heimlich in die eigene Kasse. Schlagzeilenträchtige Skandale wie bei FlowTex und Schneider oder Bilanzfälschungen wie bei den Neue Markt-Unternehmen ComROAD und Phenomedia sind nur die Spitze des Eisbergs. Allein im vergangenen Jahr nahmen die Fälle von Wirtschaftskriminalität in Deutschland um 23 Prozent auf mehr als 111.000 Fälle zu. Jedes Jahr entstehen durch Betrug, Steuerhinterziehung, Unterschlagung und Untreue Schätzungen zufolge Schäden in Milliardenhöhe.

Nur Verbrecher an der Börse?

Nicht nur für die Ermittler wird die Wirtschaftskriminalität zunehmend zum Problem. Auch das Ansehen der Unternehmer in Deutschland hat durch Enthüllungen aus Chef-Etagen massiv Schaden genommen. Bei vielen Aktionären sitzt das Misstrauen gegenüber den Managern tief. »Viele haben den Eindruck, dass sich an der Börse nur Verbrecher und Betrüger tummeln«, sagt der Vorstandsvorsitzende der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, Klaus Schneider.

Vorständen mit Mißtrauen begegnet

Nirgendwo wird dies deutlicher als auf Hauptversammlungen. Während die Aktionärstreffen früher meist nach wenigen Stunden vorüber waren und die Kritik sich höchstens an der Höhe der Dividende entzündete, gleichen sie heute oft einem stundenlangen Kreuzverhör. Auch Vorstände großer Konzerne müssen sich oft gegen massive Vorwürfe der Aktionäre wehren. »Jedem wird unterstellt, dass er lügt und betrügt«, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Dabei wird kaum noch zwischen Schwarzen Schafen und seriösen Unternehmen unterschieden.

Wirtschaft schon zu komplex

Die rasante Zunahme der Wirtschaftskriminalität hängt aus ihrer Sicht auch mit der wachsenden Komplexität der Wirtschaft zusammen. Während früher jeder Angestellte seinen Chef gekannt hat, sind vielen Beschäftigten die Strukturen im eigenen Unternehmen inzwischen oft nicht mehr klar. »Die wissen gar nicht mehr, wen sie überhaupt schädigen.« Für die Volkswirtschaft ist die Wirtschaftkriminalität ein immenses Problem. Sie könnte um vier Prozent mehr wachsen, wenn allein die Bestechung ausgemerzt werden könnte, sagte der Bamberger Generalstaatsanwalt Roland Helgerth unter Berufung auf wissenschaftliche Studien auf einer bundesweiten Tagung zur Wirtschaftskriminalität im Mai.

Detektive die einzige Chance

Die Wirtschaftsverbrecher machen sich nicht schmutzig und hinterlassen keine Spuren. Ihre Waffe ist ihr Verstand, ihr Motiv oft die blanke Gier. Die klassischen Fahndungsmethoden der Polizei greifen oft zu kurz. Immer häufiger werden private Detektive engagiert, um Betrügern in weißen Westen auf die Schliche zu kommen. »Detektive sind oft die einzige Chance, solche Delikte aufzuklären«, sagte Andreas Eisenkolb vom Bundesverband Deutscher Detektive auf der Jahresversammlung vor wenigen Wochen. Bereits heute erhielten die 1.300 Detektive, die in dem Verband zusammengeschlossen sind, rund 80 Prozent ihrer Aufträge aus der Wirtschaft.

Auch Biedermänner betrügen

Nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers werden mehr als die Hälfte der Firmen von ihren eigenen Mitarbeitern betrogen. In einem Viertel der Fälle missbrauchen Mitarbeiter ihre Führungskompetenzen zu ihren eigenen Gunsten. Kaum einer hat es dabei nach Ansicht der Aktionärsschützer so weit getrieben wie der Gründer und Vorstandschef des Telematik-Anbieters ComROAD, Bodo Schnabel. Er hatte vermutlich seit Gründung seines Unternehmens fast den kompletten Umsatz frei erfunden und Aktionäre und Analysten damit über Jahre hinweg betrogen. Anders als der gefallene EM.TV-Börsenstar und Sunnyboy Thomas Haffa glänzte Schnabel in der Öffentlichkeit nicht durch einen luxuriösen Lebensstil, sondern gab sich eher bieder. »Das war seine Masche«, meint Bergdolt.

Treibende Kraft: Geldgier

Treibende Kraft war nach Ansicht von Bergdolt in beiden Fällen das eigene Portemonnaie. »Es ging um persönliche monetäre Gründe.« Sowohl Haffa als auch Schnabel müssen sich voraussichtlich in den kommenden Monaten vor Gericht verantworten. »Ich habe nicht den Eindruck, dass wir da das Ende der Fahnenstange erreicht haben«, befürchtet Aktionärsschützer Schneider.


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