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Mythos Wall Street: Böse, laut und hemmungslos

Die Welt beschwört mit Wonne den Tod der Wall Street. Dabei verkörpert sie unsere Gesellschaft: Sie ist unmoralisch, hemmungslos und aggressiv. Kein Wunder, dass die Straße des Kapitalismus und ihre Protagonisten die Kultur anziehen und unsere Welt stärker geprägt haben, als uns bewusst ist.

Von Dirk Benninghoff

Die Spezies der "Heuschrecken" ist die Teufelsbrut der Globalisierung und somit eine Geburt des 21. Jahrhunderts – soweit die Logik der neuzeitlichen Kapitalismusskeptiker. Dabei hat der SPD-Politiker Franz Müntefering nur einem Phänomen einen neuen Namen gegeben, das die Kulturschaffenden Amerikas seit vielen Jahrzehnten fasziniert: William Faulkner, Hermann Melville, Tom Wolfe oder Bret Easton Ellis schrieben Geschichten und Romane über die grausame Anziehungskraft des herzlosen Investors, lange bevor von Globalisierung die Rede war. Oliver Stone drehte einen oscargekrönten Film darüber: "Wall Street".

Die kleine, nicht einmal eine halbe Meile lange Straße in New York war seit jeher voll von Monster-Kapitalisten, denen Tom Wolfe im "Fegefeuer der Eitelkeiten" den Titel "Master of the Universe" verlieh. Zerstörerische Subjekte, die Kunstschaffende zu höchster Kreativität getrieben haben - ganz im Sinne marxscher Dialektik: Die Materie bestimmt den Geist, Kohle befeuert Künste. Ausgerechnet die Wall Street gibt dem Urkommunisten Recht.

Amerika erklären

Amerikanischer Traum und Albtraum ließen sich am besten mit den Königen der Wall Street erklären. Sie waren teilweise abartig und jenseitig wie Patrick Bateman, die Bestie aus Easton Ellis' "American Psycho", oder nur abgezockt und diesseitig wie Stones Super-Spekulant Gordon Gekko aus "Wall Street". Eines waren sie immer: böse – mal mehr, mal weniger. Die Kultur überzeichnete dabei gekonnt, wie es ihre Aufgabe ist, die Realität. Wenn die Börsenstraße schon nicht im Mittelpunkt stand, dann waren ihre Akteure zumindest Beiwerk. Kaum ein Film oder eine Serie aus New York kommt ganz ohne die Wall Street und ihre Alpha-Männchen aus wie "Mister Big" aus "Sex and the City". Die Inspirationskraft des Mythos Wall Street auf Literatur und Film, die kreative Konfrontation von Geist und Geld, ist seit Jahrzehnten ungebrochen.

Der Punk New Yorker Prägung beispielsweise wäre nicht möglich gewesen ohne die wirtschaftlichen Begleitumstände. Die siebziger Jahre waren ökonomisch gesehen das schlimmste Jahrzehnt der Nachkriegsgeschichte. Die Ölkrise machte dem Westen zu schaffen. Der Dow-Jones-Index stagnierte nach langem Wachstum quasi ein ganzes Jahrzehnt lang. Es gab zwar keine riesigen Börsenverwerfungen, aber Wall Street und Stadt agierten wie gelähmt. New York, kriminell und gewalttätig wie kaum zuvor, war 1975 quasi pleite und bettelte um Bundeshilfen, was US-Präsident Gerald Ford harsch ablehnte - was wiederum das Boulevardblatt "Daily News" zu einer der berühmtesten Schlagzeilen der Mediengeschichte bewog: "Ford to City: Drop dead". Nur vor diesem abgewrackten, fast schon hoffnungslosen Hintergrund konnte eine Bewegung gedeihen, die musikalische Ikonen wie die "Ramones" oder "Blondie" hervorgebracht hat.

In den 80er Jahren schließlich, als es wieder besser lief mit Wirtschaft und Börse, gaben Banker und Börsianer der ganzen Gesellschaft den Lifestyle-Takt an. Der "Yuppie", der "Young urban professionell", wurde geschaffen – und Vorbilder waren die New Yorker Investmentbanker vom Schlage Patrick Batemans, die Konsum- und andere Triebe hemmungslos auslebten. Ihre Werte - Individualismus und Nihilismus – wurden zum Gemeingut einer entsolidarisierten Gesellschaft. Mit dem ersten Satz von "American Psycho" schuf Easton Ellis das Credo einer ganzen Generation, die sich ohne Glauben und Ideale bereitwillig dem Kapitalismus überlässt: "Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren."

Und das neue linke deutsche Lebensgefühl, über das heuer so viel geschrieben wird, wäre ohne die Auseinandersetzung mit Wall Street nicht möglich gewesen. Denn am Anfang von Solidarität, Jammern über soziale Ungerechtigkeit und Oskar Lafontaines unheimlicher Rückkehr stand die Klage über die "Heuschrecken", denen Einhalt geboten werden müsse.

Dieser Einfluss war kaum abzusehen, als 1792 der Grundstein für den Mythos gelegt wurde. 24 Broker unterzeichneten unter einem lauschigen Buttonwood-Baum in der Wall Street ein Abkommen und gründeten damit die New Yorker Börse. Die Schaffenskraft der Zerstörung erlernte die Wall Street schnell: 1835 dann wurde sie erstmals vernichtet – und zwar richtig. Ein Großbrand verwüstete mehr als 700 Gebäude. Doch das System war schon damals widerstandsfähig und organisierte sich schnell neu. Im Laufe des 19. Jahrhunderts überstand es dann gleich mehrere "Schwarze Freitage". Die Systemaussetzer des 20. Jahrhunderts sind längst Legende.

Dow Jones und Wall Street erwiesen sich dabei stets als leidensfähige "Comeback Kids". So wird es auch diesmal sein. Einige Banken sterben, das Finanzsystem häutet sich neu. Nur wird es nicht mehr so farbenprächtig wie früher. Die schreienden, bunten Händler machen Platz für Computer, Börsenromantik stirbt. Monitore ersetzen Menschen.

So schwer auszurotten wie die Ratte oder Kakerlake

Nur eines wird wohl nie ersetzt werden - zum Glück der Kunst: Die "Heuschrecke" ist so schwer auszurotten wie die Ratte oder Kakerlake. Es liest sich heute herrlich, was die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1992 schrieb – und damit Jahre vor den größten Wirtschaftsskandalen der Geschichte wie Enron oder Worldcom: "Es gibt sie noch in Wall Street: die überlangen Limousinen; die smarten Anleihehändler, die Millionen verdienen; die rücksichtslosen Spekulanten; die Betrugsskandale. Doch hat sich das Klima gewandelt."

Doch ist das Klima fast 20 Jahre später so ungemütlich wie 1992, und die Zutaten von Luxus, Glamour und Kriminalität blieben dem großen Börsenspiel erhalten, genauso wie seine Triebfedern, die Grauen des Sozialromantikers: Ständiger Wettbewerb und permamente Auslese. Das, was die kleine Straße in Manhattan vor der Zerstörung bewahrt, beziehungsweise vor dem Ende ihres kreativen Prozesses. Der amerikanische Autor Steven Fraser beschrieb die Wall Street in seinem Buch "Every Man a Speculator" einmal als "Fenster zur amerikanischen Seele". Das Fenster bleibt geöffnet.