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Nachgerechnet: Benzin billiger als vor 30 Jahren

Die Benzinpreise in Deutschland sind auf ein neues Rekordhoch geklettert. Viele Jahre mussten die Deutschen jedoch länger arbeiten und mehr ausgeben, um ihre Tanks zu füllen.

Einer Preisanhebung durch Shell um vier Cent für Benzin und drei Cent für Diesel vom Montagabend hätten sich die anderen Markentankstellen angeschlossen, sagten Sprecher der Mineralölunternehmen am Dienstag. Normalbenzin kostete demnach im Bundesdurchschnitt 1,30 Euro je Liter, Super 1,32 Euro und Diesel 1,14 Euro. Damit sei bei Superbenzin ein neues Rekordhoch erreicht worden, sagte Rainer Wiek vom Energieinformationsdienst (EID) in Hamburg.

Sprecher der Mineralölunternehmen begründeten den neuerlichen Anstieg mit den Folgen des Wirbelsturms "Katrina" für den Rohölpreis. Außerdem hätten erneut Spekulationen die Rohölnotierungen getrieben. Der Benzinpreis sei am Montag in Rotterdam im Vergleich zu Freitag um 50 Dollar auf rund 700 Dollar je Tonnen gestiegen. Bei Diesel habe der Anstieg 28 Dollar auf 651 Dollar betragen. "Das sind Preissprünge, hinter denen wir hinterlaufen", sagte Karl-Heinz Schult-Bornemann, Sprecher von Esso.

Auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder preiswerter Auto fahren

Von der Politik können Autofahrer jedoch wenig Hilfe erwarten. Auch ein Regierungswechsel wird keine Erleichterung bei den Benzinpreisen schaffen. Michael Meister, Finanzexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sagte der Wirtschaftswoche: "Ein - auch zeitweiser - Verzicht auf die Steuereinnahmen bedeutete angesichts der von Bundesfinanzminister Hans Eichel zu verantwortenden desaströsen Haushaltslage weitere Schulden. Wir würden also auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder preiswerter Auto fahren."

Weiter stellte das Magazin die Rechnung auf, dass die Benzinpreiserhöhungen für die Autofahrer auf lange Sicht nicht dramatisch seien. Denn gemessen an der Kaufkraft der Bundesbürger waren die Preisschocks der 70er-Jahre viel schlimmer. Um ihre Autos mit Sprit zu versorgen, mussten die Deutschen viele Jahre länger arbeiten und in realen Preisen mehr ausgeben als heute. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, befürchtet zwar eine Anhebung auf 1,40 Euro. Doch auf lange Sicht ist die Belastung für die Autofahrer nicht in gleichem Maße gewachsen.

Dennoch führt die "gefühlte" Preiserhöhung bei Autofahrern zur Wut. Besonders hart trifft es jene, die auf dem Weg zur Arbeit auf den eigenen Pkw angewiesen sind. Die "Bild"-Zeitung rechnete für gängige Automodelle aus, wie sich die monatlichen Spritkosten in den letzten fünf Jahren verändert haben.

Ölpreis wird zur Gefahr für deutsche Konjunktur

Der zu immer neuen Rekorden strebende Ölpreis droht nach Ansicht von Experten langsam zur Gefahr für die Konjunktur zu werden. Viele Wirtschaftszweige leiden schon heute unter den hohen Kosten.

"Falls sich der Ölpreis auf dem heutigen Niveau stabilisiert, würde das recht rasch zu einer deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft führen", sagte der Chefvolkswirt der BayernLB, Jürgen Pfister, am Montag. Der Ölpreis hat wegen befürchteter Versorgungsengpässe durch den Hurrikan "Katrina" erstmals die Marke von 70 Dollar je Barrel (159 Liter) geknackt. Für die meisten Volkswirte besteht dennoch kein Grund zur Panik. Bislang habe sich die Wirtschaft als recht widerstandsfähig erwiesen. Erst bei einem Niveau von 80 bis 90 Dollar halten die Ökonomen eine Rezession und deutliche Inflation für möglich.

"Man kann von einer Ölpreiskrise sprechen, aber nicht von einer Ölkrise"

Plausible Gründe für den massiven Ölpreisanstieg in den vergangenen Monaten gibt es nach Ansicht der Experten nicht. "Man kann von einer Ölpreiskrise sprechen, aber nicht von einer Ölkrise", sagt Eugen Weinberg, Ölmarktexperte der DZ Bank. Die Versorgung sei gut. Daran ändere auch die starke Nachfrage aus den USA, China und Indien nichts. "Viele spekulieren zurzeit aber auf steigende Ölpreise. Den Einfluss dieser Spekulanten würde ich auf 10 bis 15 Dollar je Barrel beziffern."

Geht es nach den Spekulanten, wird Öl demnächst noch teurer. An der New Yorker Warenterminbörse Nymex liegt Öl mit Liefertermin im März nächsten Jahres schon seit einiger Zeit stabil über 70 Dollar. Die an der New York Mercantile Exchange (Nymex) gehandelten Optionskontrakte auf Öl signalisieren sogar noch höhere Preise. Daran glaubt auch die Ölmarktexpertin der Deka Bank, Sandra Ebner: "Ich denke nicht, dass das schon die Spitze des Ölpreisanstiegs war, sondern dass er auf Sicht der nächsten drei bis fünf Jahre weiter nach oben geht."

Spätestens im kommenden Sommer dürften Reisen noch teurer werden

Fluggesellschaften und Reiseveranstalter beklagen weltweit, dass die Treibstoffkosten sich binnen drei Jahren verdreifacht hätten. Wer wie Air France-KLM oder Lufthansa das Preisrisiko über Kurssicherungsgeschäfte für einen Großteil des Bedarfs zum großen Teil ausschaltet, kann den Kostenanstieg zwar dämpfen. Doch die großen US-Airlines sind traditionell kaum abgesichert, ebenso wenig die erfolgreichen, aber finanziell weniger starken Billigflieger. Auch Kerosinzuschläge, die die Ticketpreise nach oben treiben, lindern angesichts des heftigen Preiskampfs in der Branche die Mehrkosten kaum.

In der Touristikindustrie ist schon für den Winter 2005/06 mit höheren Preisen zu rechnen. Marktführer TUI kündigte an, die Flugtochter Hapagfly erwäge Kerosinaufschläge. Spätestens im kommenden Sommer dürften Reisen noch teurer werden - was für die Branche problematisch werden könnte. Denn nur dank stabiler Preise hat sich die deutsche Touristikbranche gerade erst von mehreren Krisenjahren erholt.

Die Autokonjunktur dümpelt aufgrund der hohen Benzinpreise vor sich hin

Die Chemiebranche stöhnt ebenfalls unter dem teuren Öl. "Für die chemische Industrie bedeuten hohe Rohölpreise eine starke Kostenbelastung, wenn die Kostensteigerung wegen der schwachen Nachfrage nicht an die Abnehmer weitergegeben werden kann", erklärte der Branchenverband VCI. Allerdings gelang dies wegen der auf Hochtouren laufenden weltweiten Chemiekonjunktur bislang recht gut. Nicht für alle Chemiekonzerne ist ein hoher Ölpreis eine Belastung. So profitiert BASF in seiner Öl- und Gassparte Wintershall davon.

Die hohen Benzinpreise sind mit ein Grund dafür, dass die Autokonjunktur weiter vor sich hin dümpelt. Experten erwarten allerdings kurzfristig keinen Einbruch bei den Neuzulassungen. Erst wenn das Wirtschaftswachstum in Mitleidenschaft gezogen würde, wäre dies ein Problem für die Autohersteller. PS-starke Autos, wie sie DaimlerChrysler mit der neuen S-Klasse oder die VW-Tochter Audi mit dem Luxus-Geländewagen Q7 auf der Internationalen Automobil-Messe (IAA) Mitte September in Frankfurt präsentieren werden, gelten bei Kritikern als falsche Antwort auf die hohen Energiepreise.

Alternative Kraftstoffe noch nicht reif für den Massenmarkt

Und wer als Autofahrer den hohen Benzinpreisen ausweichen will, hat bei der Wahl seines Treibstoffes nur wenig Möglichkeiten. Die Automobilindustrie und die Mineralölwirtschaft testen seit Jahrzehnten alternative Antriebs- und Motorenkonzepte, vom Solarmobil bis zur Brennstoffzelle. Bislang ist es jedoch nicht gelungen, eine technisch und wirtschaftlich überzeugende Alternative zu benzingetriebenen Ottomotoren und zu Dieselmotoren zu finden, die sich auf dem Massenmarkt durchsetzen könnte.

Am weitesten verbreitet sind Erdgas-Autos, von denen mehr als 30.000 auf Deutschlands Straßen fahren. Die Autoindustrie bietet rund 30 Modelle aller Preis- und Größenklassen an, die überwiegend als Hybrid-Autos auch mit Benzin fahren können. Mit Erdgas kann der Autofahrer kräftig sparen: Der Preis für ein Kilogramm Erdgas liegt umgerechnet auf den Benzinpreis bei rund 50 Cent je Liter. Bei einem Durchschnittsverbrauch von sieben Litern Super und einer Fahrleistung von 20.000 Kilometern spart der Fahrer eines Mittelklasse-Autos mehr als 900 Euro pro Jahr.

Experten räumen Erdgasautos in Ballungsräumen eine Chance ein

Die Autos sind in der Anschaffung teurer als gewöhnliche Benzin- oder Dieselfahrzeuge, doch bieten in etlichen Städten die lokalen Gasversorger Zuschüsse oder Gratis-Tankmengen an. Sie wollen Gas auf dem Kraftstoffmarkt durchsetzen. Eine Schwachstelle ist das Tankstellennetz: Bundesweit gibt es lediglich 600 öffentliche Zapfsäulen - "und der Pächter kann jeden Kunden mit Handschlag begrüßen", wie ein Sprecher von ExxonMobil sagt. Bis zum Jahr 2007 will die Gaswirtschaft das Netz auf 1000 Stationen ausbauen. Experten räumen Erdgasautos in Ballungsräumen eine Chance ein, wo große Fahrzeugflotten mit kleinen Wegen operieren, zum Beispiel bei der Post oder dem öffentlichen Nahverkehr.

Eine flächendeckende Alternative ist auch der Biodiesel nicht. Bislang mischen die großen Mineralölfirmen ihrem Dieselkraftstoff bis zu fünf Prozent Biodiesel bei, was technisch unproblematisch ist und der Umwelt nützt. Die Autohersteller haben reinen Biodiesel jedoch für ihre hochgezüchteten modernen Dieselmotoren nicht als Treibstoff zugelassen. Wer sein Auto entsprechend umrüstet, verliert die Garantie des Herstellers.

Reiner Biodiesel ist eher für sehr robuste Motoren eine Alternative, zum Beispiel für Traktoren. Zudem kann mit den vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen nicht genug Biodiesel hergestellt werden, um große Marktanteile zu erobern. Der Shell-Konzern arbeitet jedoch an neuen Methoden, um große Mengen synthetischen Kraftstoffs aus Pflanzen herzustellen.

Reuters/DPA / DPA / Reuters