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Neue Restaurant-Plakette: Rote Ampel für Schmuddelküchen

Gourmet-Tempel oder Ekel-Imbiss? Eine Ampel soll künftig die hygienischen Zustände beim Restaurant-Besuch anzeigen. Das haben die Verbraucherschutzminister der Länder beschlossen.

Abgelaufene Lebensmittel, schmutzige Arbeitsflächen, nachlässiges Personal - wie unappetitlich es in manchen Küchen zugeht, bekommen Gäste selten mit. Das soll sich nun ändern: Eine "Hygiene-Ampel" soll möglichst schon vom 1. Januar 2012 an sichtbar am Eingang von Gaststätten hängen. Das haben die Verbraucherschutzminister der Länder auf einer Sondersitzung in Bremen beschlossen.

Die Ampel zeigt das Ergebnis der letzten Lebensmittelkontrollen an. Steht die Skala auf Grün kann man bedenkenlos speisen, bei Gelb sind Zweifel angesagt, und bei Rot gibt es schwerwiegende Mängel - vom Restaurant-Besuch sollte besser Abstand genommen werden. Die Ampel soll dabei das Ergebnis der aktuellen und der drei zurückliegenden Kontrollen zeigen. Die Bewertung wird auch im Internet abrufbar sein. Zunächst soll das System für die knapp 190.000 Gastronomiebetriebe in Deutschland eingeführt werden, später sollen noch Bäcker, Fleischer, Händler, Großküchen und Wochenmärkte dazukommen.

Die Einführung der Restaurant-Ampel sei ein "Meilenstein für den Verbraucherschutz", feierte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) das Ergebnis des Treffens. "Die bisherige Vorgehensweise, Kontrollergebnisse nicht zu veröffentlichen und den Bürgern zu verheimlichen, kam einer Entmündigung gleich." Künftig stehe der Verbraucher "auf Augenhöhe mit den Gastronomen".

"Die Gäste wundern sich, wieso der keine Ampel hat"

Der Küchendirektor im Bremer Rathauskeller, Arnd Feye, ist so ein Gastronom. Sein Restaurant übernimmt regelmäßig das Catering fürs Rathaus, diesmal ist auch die Ministerkonferenz dabei. Um die Mittagszeit gehen im Ratskeller die Gerichte wie am Fließband raus. Trotz Hektik hat Sauberkeit oberste Priorität. Als Feye zum ersten Mal von der "Ampel" hörte, dachte er daher: "Kein Problem." Bis auf Kleinigkeiten hatten die Kontrolleure nie etwas zu kritisieren. Die Ampel wäre ein gutes Aushängeschild.

Mittlerweile sieht Küchenchef Feye das System kritischer: "Das Ganze ist nur eine Momentaufnahme." Doch was passiert bei einem Betreiberwechsel? "Es gibt keine Branche, in der so viel Fluktuation herrscht wie in der Gastronomie - mal ist es ein guter Pächter, mal ein schlechter." Bleibt die Plakette hängen? Oder wird sie abgenommen, bis ein Kontrolleur den Betrieb besucht hat. "Bis dahin wundern sich die Gäste, wieso der keine Ampel hat."

Feye befürchtet, dass das System am Ende nicht für mehr Transparenz sorgt, sondern diese den Gästen nur vorgaukelt. Auch beim Hotel- und Gaststättenverband kommt die Initiative der Minister nicht gut an. Man wolle keine schwarzen Schafe decken, versichert Sprecherin Stefanie Heckel. Aber: "Wir sehen vor allem das Problem der Wettbewerbsverzerrung." Auch Bäcker und Fleischer würden inzwischen Salate und teilweise sogar warme Gerichte anbieten. Die "Hygiene-Ampel" müssten sie aber erst später als die Gaststätten einführen.

Die Qualität des Angebots nachweisbar verbessert

Ob das Kontrollbarometer überhaupt was bringt, sieht der Gaststättenverband skeptisch. Schließlich gebe es schon festgelegte Hygienestandards. Doch Verstöße würden wegen der fehlenden Kontrolleure nicht immer auffliegen, geschweige denn geahndet werden. Bundesweit gibt es zurzeit 2500 Lebensmittelkontrolleure - 1200 zu wenig, wie der Vorsitzende des Berufsverbandes, Martin Müller, erläutert. "Nicht jeder Betrieb kann zur rechten Zeit kontrolliert werden." Länder und Kommunen müssten daher dringend mehr Personal einstellen.

Der Anteil der Hygiene-Verstöße in Deutschland ist seit Jahren gleichbleibend hoch. Die Lebensmittelkontrolleure entdeckten im Jahr 2009 in 130.000 von 545.000 überprüften Betrieben Verstöße - das waren 24 Prozent. 2009 hatten besonders Sushi-Restaurants und Krankenhausküchen schlecht abgeschnitten.

Wegen ähnlicher Probleme führte Dänemark bereits vor zehn Jahren einen Hygiene-Smiley ein. Seitdem habe sich die Qualität des Angebots nachweisbar verbessert, so der Verbraucherzentrale Bundesverband. 2009 seien ganze 86 Prozent der Restaurants in Dänemark mit dem fröhlichsten Smiley ausgezeichnet worden - im Vergleich zu 70 Prozent 2002.

pen/DPA/AFP / DPA