Nische Sticken für die Haute-Couture


Made in France, aber bestickt in Franken: Die Produkte einer kleinen Stickerei aus Franken sorgen bei internationalen Modeschöpfern für Furore.

Auf den Stickmaschinen liegen Stoffbahnen mit den Schriftzügen "Dior" oder "Louis Vuitton", am Fenster sitzt eine junge Frau und häkelt gerade für Yves Saint Laurent ein wollweißes Abschlusssäumchen. Doch die Haute-Couture-Kreationen schmücken kein Atelier in Paris, sondern eine Werkstatt im mittelfränkischen Diespeck (Landkreis Neustadt/Aisch).

In der Stickerei Müller, einem Familienbetrieb mit einhundert Angestellten, wird seit vielen Jahren für die namhaften Designer aus Frankreich und Deutschland gestickt. Hier muss noch ein Blümchen auf den Rücken des Galliano-Kleides oder bei Givenchy soll ein Schmetterling auf den Rock.

Der studierte Betriebswirt Stefan Glaß (41) führt zusammen mit seiner Schwester Johanna Heinz-Glaß (45) den Betrieb in der vierten Generation. Der Durchbruch bei den Star-Modeschöpfern kam 1996 mit einem weißen Seidenkleid, das schwarze Blüten-Applikationen zieren sollten. Dior-Designer John Galliano hatte sich in den Kopf gesetzt, dass keine Nähte zu sehen sein durften. In Frankreich mussten die Stickereien passen, in Franken nahm der Familienbetrieb die Herausforderung an.

Die Franken beherrschen längst in Vergessenheit geratene Techniken

Denn die Mitarbeiter beherrschen anderswo längst in Vergessenheit geratene Techniken, wie den Kordelstich oder die Legetechnik. In wenigen Stunden setzten sie das Kleid zusammen. Galliano war gerettet und lässt seitdem in Mittelfranken sticken. "Es darf nichts schief gehen, wir haben so gut wie keine Reklamationen", erläutert Stefan Glaß das Arbeitsprinzip.

In den hektischen Tagen vor den großen Pariser Schauen fragt keiner in Diespeck nach Urlaub oder Feierabend; da zählt nur noch der Abgabezeitpunkt. "Da hat sich jemand in Paris etwas Bestimmtes ausgedacht, und wir müssen es nachempfinden", beschreibt Glaß das Verhältnis zu seinen berühmten Auftraggebern.

Johanna Glaß-Heinz ist dafür zuständig, dass am Ende auf den Laufsteg kommt, was John Galliano oder Louis Vuitton in wenigen Federstrichen aufs Papier geworfen haben. Seit 1994 führen die Geschwister den Betrieb, Firmengründer Dionys Müller hatte 1903 im Vogtland angefangen. Nachdem sein Sohn Anfang der fünfziger Jahre zusammen mit dem damaligen Geschäftsführer Harry Glaß aus der DDR geflohen war, ließen sie sich in Diespeck nieder.

Made in France, bestickt in Franken

Inzwischen ist der Betrieb einer der größten seiner Art in Europa. Dependancen in Rumänien, Tschechien und Polen liefern größere Stückzahlen für die Kollektionen zu. "Vor acht Jahren durften wir unser erstes Kleid für Dior machen." Stefan Glaß ist immer noch stolz, für die Besten zu arbeiten. Die Kombination aus Handarbeit und Maschinenstickerei nennt er "kreatives Handwerk".

Bei den Haute-Couture-Schauen in Paris ist er immer eingeladen. Inzwischen begleiten ihn einige seiner Mitarbeiterinnen und sitzen mit dem Notfallkoffer bei den Top-Models, um letzte Stiche und Pailletten anzupassen.

Manchmal müsse auch schon mal mit einer Sicherheitsnadel für den korrekten Sitz eines Haute-Couture-Kleids gesorgt werden. Doch bisher sei immer alles glatt gegangen. Und so liegen in Diespeck jedes Jahr nach den großen Modenschauen auf den Stickmaschinen auch immer wieder die Hochglanzfotos der Modemagazine mit den Edelroben Marke Dior oder Givenchy: Made in France, bestickt in Franken.

Sabine Göb/DPA


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