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Opel: Down Days in Bochum

Die Finanzkrise hat die Automobilbranche kalt erwischt. Bei Opel in Bochum stehen zwei Wochen lang die Bänder still. Was danach wird, weiß noch keiner so genau. Dirk Grützner, Michael Schmidt und Thomas Ropel gehören zu den Opelanern, die mit Ruhrpott-Optimismus gegen die Krise ankämpfen.

Von Manuela Pfohl

Eigentlich hätte Dirk Grützner jetzt Schicht. Nachtschicht bei Opel in Bochum. Doch in der vergangenen und auch in dieser Woche gibt es keine Arbeit für den 41-jährigen Getriebebauer. Opel hat die Autoproduktion im Bochumer Werk eingestellt. 10.000 Autos werden in dieser Zeit nicht vom Band rollen. Wegen der globalen Absatzschwierigkeiten, die die Opel-Mutter General Motors hat. Seit alle Welt nur noch von der Finanzkrise redet, stürzte allein in Europa der Absatz um 11,4 Prozent auf rund zwei Millionen Autos ab. In Bochum müssen deshalb zwei Drittel der rund 6000 Beschäftigten vorübergehend zu Hause bleiben. Down Days nennen die Opelaner das. Zeit, ihre Überstunden der vergangenen Monate abzubummeln.

Ein Teufelskreis

Es ist kurz nach 21 Uhr. Der Parkplatz vor Werk I ist fast leer. Ein seltener Anblick für die Leute vom Wachschutz an der Pforte. "Jungs, dreimal Kaffee und Kuchen", ruft Grützner und grinst. Die Wachleute grinsen zurück: "Schon ausverkauft." Ausverkauft. Grützner schüttelt den Kopf. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Sinnkrise. An Down Days hilft nur Galgenhumor - und Optimismus. Grützner ist seit 1983 bei Opel. Sein Leben. Das gibt er nicht so einfach auf. Er nicht und auch nicht die anderen Gewerkschafter, mit denen er an diesem nasskalten Abend an der Pforte zum Werk I steht. Den ganzen Tag lang haben die Kollegen in Bochum beratschlagt, wie es weitergehen soll mit den Jobs, der Zukunft und Opel. Jetzt will Grützner nach Hause. Zu seiner Frau Stefanie und den beiden Töchtern. Ein paar Stunden abschalten. Nichts hören von den 50.000 Arbeitsplätzen, die in der Automobilbranche auf dem Spiel stehen. Nicht darüber nachdenken, was es heißt, wenn die Krise noch schlimmer wird. Den Fernseher auslassen. Oder zumindest die Nachrichten.

Michael Schmidt kann nicht abschalten. Er sitzt auf seinem Stuhl, raucht eine Zigarette nach der anderen und versucht zu sortieren, was gerade abgeht in Bochum und der Welt. "Opel. Als ob es nur um Opel ginge und unsere Probleme. Wenn wir hier keine Autos bauen, dann haben auch unsere Zulieferer nichts mehr zu tun, dann verdienen die nichts, können nichts kaufen und damit sind die nächsten dran. Ein Teufelskreis." Der 39-Jährige ist Lackierer bei Opel. Er ist verheiratet und hat eine Eigentumswohnung, die noch nicht abbezahlt ist. Es konnte ja keiner ahnen, dass es mal so dicke kommt. Als Schmidt 1989 im Bochumer Werk anfing, gab es noch 25 Prozent über Tarif. "Die Jobs waren begehrt und wir alle waren stolz auf Opel und darauf, dass wir dazu gehörten."

Jetzt ist kein Geld mehr da

Nach der Schicht gingen die Kollegen zusammen in die Kneipe, wo das Bier schon auf Vorrat gezapft war. Ruhrpott-Leben. "Da wurde zusammen malocht und zusammen gefeiert", sagt Schmidt. "Jetzt gehen die Leute nach der Arbeit nach Hause." Jeder hält das Geld zusammen, das er hat. Man weiß ja nie. Bis zur ersten Opel-Krise hat auch Schmidts Frau Nurdan bei Opel gearbeitet. Damals ging es den beiden gut. 2004 war es vorbei. Nurdan gehörte zu den 3000 Beschäftigten, die damals gehen mussten, als das Unternehmen drohte, das Werk zu schließen. Jetzt ist Michael Schmidt der Alleinverdiener in der Familie. Rund 2600 Euro brutto monatlich bringt er nach Hause. Das ist der Durchschnitt bei Opel in Bochum. Und es ist nicht genug, um große Sprünge machen zu können. Schmidt hofft, wie die anderen, dass ihm wenigstens das bleibt.

"Vielleicht hätte man eher weiter denken müssen", sagt er. "General Motors hat es verpennt, in den USA Spritspar-Autos herzustellen. Als die Ölpreise immer mehr in die Höhe gingen, hätte man reagieren müssen. Jetzt ist kein Geld mehr da, um in schnelle Entschlüsse zu investieren. Der geplante Start für das neue Astra-Modell ist nach hinten verschoben worden und die Opelaner sollen es ausbaden." Für die IG Metall in Bochum und den Betriebsrat geht es jetzt nur noch um Schadensbegrenzung. Rainer Einenkel, Chef des Betriebsrates kann die Forderungen an die Geschäftsleitung an den Fingern einer Hand aufzählen: Das Drei-Schicht-System muss beibehalten werden. Es darf keinerlei Kündigungen geben, die Tariflöhne müssen stehen und es muss erhalten werden, was im gemeinsamen Zukunftsvertrag festgeschrieben worden war. Im Gegenzug sei man bereit, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und über verschiedene Arbeitszeitmodelle mit dem Management zu reden. Es wird noch viele Verhandlungen geben. Morgen früh um acht Uhr steht schon die nächste an.

"Viele Kollegen werden stinkesauer sein"

Über Nacht sind die Temperaturen in Bochum weiter gefallen. Knapp über dem Gefrierpunkt zeigt das Thermometer an. Frühnebel wabert über das Werksgelände. Auch Thomas Ropel will zur acht Uhr-Sitzung. Der 49-jährige Gewerkschafter weiß schon, was die Kollegen gleich erfahren werden: Um den Beschäftigten im Opel-Werk in Antwerpen zu helfen und einen Arbeitsplatzabbau dort zu verhindern, hat das Europäische Arbeitnehmerforum EEF Steering Komitee in Zürich beschlossen, Bochumer Produktionskapazitäten abzugeben. Das verschärft die Lage in Bochum. "Viele Kollegen werden stinkesauer sein", ahnt Ropel. "Ich kann das gut verstehen, aber es ist nicht zu ändern."

Der Maschinenbediener in der Getriebefertigung ist verheiratet, hat einen Sohn, ein kleines Häuschen und viele Fragen. "Was passiert, wenn die Stunden-Guthaben aufgebraucht sind und es bei Kurzarbeit 30 bis 40 Prozent weniger Lohn für die Leute gibt?" Schon jetzt hat das Management angekündigt, dass auch im kommenden Jahr die Produktion an die Verkaufslage angepasst wird. Weitere Schichtabsagen drohen. "Wie sollen die Kollegen, die am Band arbeiten und noch weniger verdienen, dann auskommen?" Ihm selber, sagt Roper, ginge es ja noch ganz gut. Dass er schon lange keinen Urlaub mehr mit der Familie machen konnte und jetzt öfter zu Aldi einkaufen geht, sei nichts Besonderes mehr. Das gehe den Freunden und Bekannten in Bochum auch so. Nicht nur den Opelanern. Ein schleichender sozialer Abwärtstrend sei das, der schon lange vor der Finanzkrise begonnen habe.

Selbstschutz durch Ignoranz

Angst vor der großen Depression in der Region hat Ropel dennoch nicht. Er vertraut auf die Ruhrpott-Mentalität. "Wir waren bei Opel in Bochum mal 20.000 Leute. Rund 15.000 haben ihre Jobs in den vergangenen Jahren verloren. Dazu kommen all die Nokia-Beschäftigten, die in diesem Jahr rausgeflogen sind. Viele von denen hätten guten Grund gehabt, sich am nächsten Baum aufzuhängen. Aber sie haben es nicht gemacht. Sie haben gesagt, da müssen wir durch." Selbstschutz durch Ignoranz, nennt Ropel das. Er als Gewerkschafter will Optimist sein, für all die, die manchmal doch zweifeln.

Gegen Mittag hat sich der Nebel rund um Bochum gelichtet. Ab und an blitzt sogar ein Sonnenstrahl durch die Wolken. Auf dem Parkplatz vor Werk I stehen ein paar Kollegen, rauchen und besprechen die Lage. Ein Ende der Down Days ist nicht in Sicht. In den Nachrichten lief vorhin eine Reuters-Meldung: Branchenexperten zufolge könnte General Motors im kommenden Jahr das Geld ausgehen. Derzeit verliert der Konzern rund ein Milliarde Dollar pro Monat.