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Patientenkarten: Schlechte Karten für Betrüger

Mit einer neuen Software wollen Krankenkassen dem Missbrauch ihrer Chipkarten begegnen. Die Techniker Krankenkasse hat das System mit Erfolg getestet. Für Gauner bleiben indes einige Hintertüren offen.

Von Karin Spitra

Jedes Jahr verlieren die Krankenkassen nach Schätzung der Kassenärztlichen Vereinigung durch Chipkartenmissbrauch über eine Milliarde Euro. Grund genug, dass sich die Techniker Krankenkasse (TK) vor neun Monaten entschlossen hatte, einen Feldversuch mit der so genannten "Verax-Liste" zu starten.

Dahinter verbrigt sich eine Software, mit der die Praxen schnell prüfen können, ob die vom Patienten vorgelegte Versichertenkarte tatsächlich gültig ist. Wenn Versicherte der TK eine neue Karte bekommen, werden automatisch alle vorher für ihn ausgestellten Karten ungültig. Die verschlüsselten Daten dieser Karten werden auf eine digitale Liste übertragen, die Verax-Liste. Mit einem speziellen Programm können sich die Ärzte regelmäßig die neusten Daten von den Krankenkassen auf den Computer in der Praxis holen.

Jede in der Praxis vorgelegte Karte wird mit dieser Liste verglichen. Zieht die Sprechstundenhilfe eine gesperrte Chipkarte durch das Lesegerät, akzeptiert das Systemm diese nicht. Über eine kostenlose Hotline kann das Problem dann direkt zwischen Praxis und Krankenkasse geklärt werden.

"Firewall gegen Missbrauch"

"Obwohl wir wissen, dass wir mit der Software nicht alle Missbrauchsfälle abwehren können, hat sie sich als Firewall bewährt," sagt Christoph Straub, stellvertretender Vorsitzender des TK-Vorstandes.

Die Bilanz auf ein Jahr hochgerechnet ist den Angaben zufolge positiv: - pro Jahr werden rund 270.000 Karten abgewiesen; - an jedem Werktag werden 1000 ungültige Karten identifiziert; - rund 300 ungültige Karten bleiben pro Werktag ohne Behandlung; - pro verhindertem Missbrauchsfall werden rund 465 Euro gespart; - die TK spart alleine dadurch rund 30 Millionen Euro im Jahr.

Doch ganz aus dem Schneider sind die Krankenkassen damit nicht, wenn es um die Erschleichung von Kassenleistungen geht. Denn was durch die Verax-Liste nicht verhindert werden kann, ist der Betrug mit den so genannten "wandelnden Chipkarten". Dabei wenden die Täter verschiedene Techniken an. - Entweder nutzten mehrere Personen ohne gesetzliche Krankenversicherung gemeinsam eine Chipkarte;
- Gesundheitstouristen aus dem Ausland lassen sich mit einer Karte von Verwandten oder Bekannten in Deutschland behandeln;
- es gibt auch Fälle, in denen Personen nicht gesetzlich Versicherte mitversorgen.

Ermittlungsgruppe gegen Missbrauchsfälle

Groben Verstößen und organisiertem Betrug kommen die Kassen mit speziell entwickelten Prüfroutinen auf die Spur. "Vor allem Rezepte liefern wichtige Hinweise", erzählt Frank Keller, Leiter der TK-Ermittlungsgruppe Abrechnungsmanipulation. "Sie sind wie Verrechnungsschecks - man kann sie einlösen oder über Umwege zu Bargeld machen." Allerdings haben sie laut Keller auch den Nachteil, dass man ihren Weg zurückverfolgen und auffällige Gemeinsamkeiten feststellen kann.

Dabei arbeiten die Ermittler im Hintergrund: Dort, wo Millionen von Rezepten eingehen, lassen sie per Computer Wahrscheinlichkeits-Routinen über die Abrechnungsdaten laufen. Fällt eine ungewöhnlich hohe Packungszahl oder eine Häufung bei einer bestimmten Apotheke auf, prüft das zehnköpfige Team alle vorhandenen Daten des Arztes, des Versicherten oder der abrechnenden Stelle. So kommt es immer wieder zur Aufdeckung manipulierter Rechnungen (zum Beispiel bei Optikern), Betrug mit Krankentransporten, Mehrfachabrechnungen, Unterschlagung weitergabepflichtiger Rabatte oder der Abrechnung nicht erbrachter Leistungen bei der Krankengymnastik und bei Hebammen.

Angesichts dieses betrügerischen Erfindungsreichtums kommt der erfolgreiche Start der Verax-Liste der TK wie gerufen: Die Zahl gesperrten Karten liegt aufs Jahr hochgerechnet bei 64.000 Stück - Tendenz steigend.