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Zahlen korrigiert Warum das Bremer "Impfwunder" plötzlich keines mehr ist

Ein Marktplatz in Bremen. Viele der Impfungen in dem Bundesland wurden später Niedersachsen zugeschlagen.
Ein Marktplatz in Bremen. Viele der Impfungen in dem Bundesland wurden später Niedersachsen zugeschlagen.
© Sina Schuldt / DPA
Bremen galt im vergangenen Jahr als Impfmeister Deutschlands. Doch nun korrigiert das RKI die Zahlen nach unten. Dafür gibt es eine recht einfache Erklärung.

Vergangenes Jahr stellte das Land Bremen einen vermeintlichen Rekord auf – jetzt wird er angefochten. Als kleinstes Bundesland und kleinster der Stadtstaaten hatte die Hansestadt die höchste Länder-Impfquote in Deutschland ausgewiesen: Nämlich Impfungen bezogen auf die Bevölkerungszahl, einfache Bruchrechnung.

Deutschland allerdings ist ein Land der schlechten Daten. Die Coronakrise hat es nur erneut drastisch gezeigt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Gern wird die Universalausrede des Datenschutzes angeführt. Auch das unglaubliche Durcheinander von Bundes -, Landes -und Kommunalbehörden tut sein Übriges, dazu kommt eine riesige Zahl von Krankenkassen und Privatversicherungen, für jedes Bundesland mindestens eine Kassenärztliche Vereinigung sowie eine Ärztekammer. Die Gesundheitsämter sind zudem teils noch mit Faxgeräten ausgerüstet und unterbesetzt. Egal, was davon nun konkret am meisten schuld ist: Auf jeden Fall wissen wir spät und manchmal gar nicht wirklich Bescheid.

Der Bremer Spitzenwert bei den Impfungen, über den viele Medien, auch der stern, berichtet hatten, wurde nun von einer Studie des Robert Koch Instituts (RKI) um rund zehn Prozent nach unten korrigiert. Das ist die deutlichste Korrektur aller Bundesländer. Und damit ist Bremen nicht mehr Spitzenreiter, sondern im groben Durchschnitt der anderen Bundesländer.

Deshalb ist der Rekord von Bremen plötzlich keiner mehr. Denn Bremen hat zwar zweifellos viel geimpft und seine Kampagne gut organisiert, doch unter den dort Geimpften waren sehr viele Niedersachsen. Spitzenreiter beim Impfen von Grenzgängern sind die Länder Berlin mit sieben Prozent, Hamburg mit 13 Prozent Zugereisten und eben Bremen mit 17 Prozent.

Eigentlich ist das vollkommen logisch, denn Großstädte innerhalb bevölkerungsreicher Flächenländer weisen in aller Regel sehr hohe Zahlen von Berufspendlern auf. Und für die ist es praktischer, in der Mittagspause in ein großes Impfzentrum zu gehen, als nach Feierabend daheim noch einen Arzttermin zu bekommen. Dieses Phänomen ist schon deshalb eigentlich lange bekannt, weil es in allen Sektoren des Gesundheitswesens auftritt: Auch Fachärzte in den Metropolen profitieren vom Umland, Krankenhäuser ebenso. Denn es gibt keine Gesundheitskarte, die nur in Bremen gilt, sie funktioniert überall in Deutschland.

RKI: Verspätete Daten korrigieren Bremer Impferfolg

Mittlerweile hat das RKI aber verschiedene Impf-Datenquellen zusammengeführt. Erst jetzt, denn die traditionell träge strömenden Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen treffen mit monatelangen Verzügen ein, was an sich kein Problem ist, da ihr eigentlicher Zweck die Buchhaltung im Gesundheitswesen ist. Aber nur sie sind vollständig in Bezug auf Postleitzahl des Wohnorts und des Impforts.

Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte: Weil die amerikanische Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg einen eigenen Nordseehafen mit angeschlossener Verwaltungszone brauchte (und aus stolzer Tradition) ist Bremen inklusive Bremerhaven ein selbstständiges Bundesland. Und da die Rekord-Statistik des letzten Jahres stets auf Bundesländer bezogen wurde, tauchten im oberen Teil des Bruches bei der Berechnung die in Bremen geimpften Niedersachsen auf. Wäre Bremen kein eigenes Bundesland, sondern wie etwa Düsseldorf Teil eines Flächenlandes, würde sich niemand daran stören, dass Geimpfte aus Ratingen oder Neuss in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen mitgezählt werden. Die Gesamtstatistik bezieht sich dort auf ganz NRW.

Bremen ist nicht das Problem, die Daten sind es

Das Entscheidende bei der neuen Veröffentlichung des RKI ist deshalb nicht, dass Bremen viele Niedersachsen geimpft hat und deshalb vielleicht nicht den Meistertitel in der Disziplin "eigene Bürger impfen" halten kann. Es ist ja zweifelsfrei sinnvoll Menschen zu impfen, die in Bremer Bussen und Bahnen fahren und in Bremer Büros arbeiten, weil sie nämlich dort andere anstecken können – auch wenn sie in Osterholz-Scharmbeck wohnen.

Das wirkliche Problem ist, dass unsere Statistiken schlecht, träge und schlecht verständlich sind. Genau auf dieses entscheidende Hindernis weist das Institut auch hin, wenn es im Fazit seiner Veröffentlichung wesentlich bessere Datenerhebung für mögliche kommende Pandemien verlangt.

Quelle:Robert Koch Institut, Epidemiologisches Bulletin 27/2022

fin

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