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Hass im Netz Praxis wollte nur noch geimpfte Kinder behandeln – und wird zur Zielscheibe von Impfgegnern

Seit Beginn der Pandemie heizen sich Impfgegner und Querdenker immer häufiger zur Selbstjustiz gegen Ärzte an. (Symbolbild)
Seit Beginn der Pandemie heizen sich Impfgegner und Querdenker immer häufiger zur Selbstjustiz gegen Ärzte an. (Symbolbild)
© Hendrik Schmidt / DPA
Der Fall der verstorbenen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr ist nur wenige Monate her, nun sieht sich eine Kinderarztpraxis in Wedel dem Hass von Impfgegnern und Querdenkern ausgesetzt. Allerdings bekommt sie starke Unterstützung von Hackern und Anwälten.

Das große Portal der "Kinderärzte Wedel" steht weit offen, dahinter buntes Treiben. Kinder turnen durch die Gänge, Eltern starren wartend ins Smartphone. Am Empfang Gespräche über Termine, Krankheiten und Symptome. Doch immer wieder kommen auch Erwachsene ohne Nachwuchs an den Tresen und wünschen der Praxis-Mannschaft ein dickes Fell. Das Wort "Durchhalten" fällt während eines kurzen Besuchs in der Praxis häufiger – denn hinter den Kulissen brodelt es.

Nur wenige Monate nacht dem tragischen Fall der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die sich wegen Hass und Hetze das Leben nahm, stürzen sich Impfgegner und Querdenker erneut auf die, die helfen wollen. Die Arztpraxis erhält Drohanrufe, wird im Internet miserabel bewertet und in einschlägigen Telegram-Gruppen rufen Querdenker zu Belästigung und Nötigung auf. Dort heißt es zum Beispiel: "Jagt die Arschlöcher durch das Internet, ruft an, dass das Telefon nicht mehr still steht! Was für ein widerliches Dreckspack." Darunter ein Bild von drei Personen, die öffentlich hingerichtet werden.

Auch Szene-Anwalt Markus Haintz, der sich unter Impfgegnern einen Namen gemacht hat, teilte einen ähnlichen Aufruf, löschte ihn aber später. Die querdenkende Sängerin Nina Maleika kündigte sogar ihren persönlichen Besuch der Praxis an. Screenshots der zahllosen Anfeindungen finden sich unter anderem beim "Volksverpetzer".

Behandlung nur für geimpfte Kinder 

Auslöser war eine neue Richtlinie, die bei den "Kinderärzten Wedel" seit dem 1. Oktober 2022 gelten sollte: Ursprünglich hatten sich Dr. Lawin-Mosecker, Dr. Rett und Dr. Troester darauf geeinigt, dass Impfungen der jungen Patienten "die Voraussetzung für die Behandlung in unserer Praxis und für die ärztliche Begleitung der Kinder und Jugendlichen" sein sollten.

Ob diese Vorgehensweise anfechtbar ist, steht durchaus zur Debatte und muss geklärt werden. Von der Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) heißt es: "Nach Erhalt eines Hinweises haben wir die Kinderarztpraxis in Wedel auf die gültige Rechtslage und die sich hieraus ergebenden vertragsärztlichen Pflichten hingewiesen. Danach haben geimpfte und ungeimpfte Patientinnen und Patienten gleichermaßen einen Behandlungsanspruch." Entsprechend heißt es auf der Webseite der Ärzte inzwischen: "In Zukunft würden wir uns wünschen, dass die Impfungen der Kinder, beginnend spätestens im 6. Lebensmonat, in unserer Praxis umgesetzt werden." In diesem Zusammenhang bietet man ausführliche Beratung, Aufklärung und Nachholimpfungen an.

Vormals gab es das Problem nicht, denn die Ausrichtung der Praxis vor dem ersten Oktober eine andere: Als Dr. Alexander Konietzky noch ein Teil der Praxis war, galt die Impfregel nicht. Konietzky ist nicht nur niedergelassener Arzt, sondern auch ärztlicher Geschäftsführer von "Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung" (ÄfI) sowie Vorstand des Vereins. Er vertritt die Meinung, dass Impfungen für Kinder eine individuelle Entscheidung sein sollten, die Corona-Impfung für Kinder verweigerte er. Zusammen mit seinem Vereinskollegen Dr. Jost Deerberg betreibt Konietzky seit Anfang Herbst eine privatärztlichen Kinder- und Jugendarztpraxis in Hamburg-Blankenese. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit: homöopathische Behandlung der Kinder.

Betrieb geht (eingeschränkt) weiter

Zurück nach Wedel. Bei einem Besuch fragt der stern, wie die Lage vor Ort sei. "Dazu können wir uns derzeit leider nicht äußern", heißt es sowohl am Tresen als auch im späteren Gespräch mit einer der Ärztinnen. Woran das liege, will man nicht sagen. Eine mögliche Erklärung wären laufende Ermittlungen gegen die Impfgegner und Hetzer, die die wichtige Arbeit der Mediziner empfindlich stören. Immerhin: Der Betrieb, so scheint es, läuft weitgehend normal. Nur ans Telefon geht niemand, der Anrufbeantworter ist voll – das traurige Ergebnis der Online-Hetzjagd, die schlimme Konsequenzen im echten Leben hat.

Die KVSH kann nicht helfen. Sie erklärt: "Die Drohungen, die gegen die Kinderarztpraxis in den Sozialen Medien ausgesprochen werden, verurteilt die KVSH aufs Schärfste. Wir lehnen jegliche Form von Diffamierungen, Hass-Kommentaren / Hate Speech und Hetzkampagnen grundsätzlich ab. Derartige Anfeindungen und Bedrohungen sind absolut widerwärtig sowie inakzeptabel und müssen letztlich strafrechtlich verfolgt werden." Aber: "Wir als KV haben keine Möglichkeiten, Praxen physisch oder digital zu schützen, die sich öffentlichen Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt sehen. Wir können betroffenen Praxen daher nur dringend empfehlen, Kontakt zur örtlichen Polizei aufzunehmen, um die Vorfälle zu melden und die Verfasser der Hass-Kommentare anzuzeigen."

Hacker und Anwälte eilen zur Hilfe

Doch es tut sich was. Google hat die zahllosen negativen Bewertungen von Personen, die nie vor Ort waren, wieder gelöscht. Der geschmacklose Name "Kinder- und Menschenfeinde Wedel", den Unbekannte bei der Suchmaschine hinterlegt hatten, ist ebenfalls verschwunden. Die Hacktivisten von Anonleaks widmen sich derweil den lautesten Stimmen der Querdenker. Bei "Anonleaks" heißt es: "Haintz (der Szene-Anwalt, Anm. d. Red.) hat jetzt eine rote Linie überschritten, die sich für ihn als semipermeable Wand entpuppen wird. Von diesem Weg gibt es kein Zurück. Und es gibt keine Möglichkeit für ihn, das Feuer, dass er jetzt entfacht, jemals wieder zu löschen." Um das Feuer, das hinter den Kulissen der Praxis brennt, kümmern sich andere.

Wie auch im Fall von Dr. Kellermayr schaltet sich eine bekannte Stimme ein, wenn es um die Identifikation von Tätern und Täterinnen geht: Ornella Al-Lami. Die Hackerin, die vor wenigen Wochen mit dem stern über ihren "Nebenjob" sprach, steht im engen Kontakt mit Anwälten und leitet die (offenbar leicht auffindbaren) Daten derjenigen weiter, die im Netz öffentlich gegen das Gesetz verstoßen. Die meisten Spuren führen ins Lager von Personen, die bereits in der Vergangenheit durch ein verklärtes und teils gefährliches Weltbild aufgefallen sind.

Einer dieser Anwälte ist Matthias Klein aus Karlsruhe, Fachanwalt für Medizinrecht und Strafrecht. Dem stern sagt er: "Derzeit baut sich eine neue Welle auf, und die erste Praxis ist extrem unter Beschuss geraten, weitere werden folgen, leider. Parallelen zu dem Fall in Österreich tun sich auf. Ich arbeite gerade an einer Strafanzeige gegen die Beteiligten, hierbei stehe ich in engen Kontakt zu Nella."

Klein ist Experte auf diesem Gebiet. Schon zu Beginn der Pandemie vertrat er zahlreiche Ärzte und Praxen, die Opfer von Bedrohungen, Beleidigungen und teilweise körperlichen Übergriffen geworden sind, weil sie Menschen, vor allem Kinder, gegen das Virus impfen. Als Beispiel führt er Dr. Wolfgang von Meißner und sein Team aus Baiersbronn an. Auch damals stand er in engem Kontakt mit den Ermittlungsbehörden. Bei manchen Praxen wurde es so schlimm, dass Polizeischutz nötig war, erzählt Klein.

In Wedel ist das zum Glück noch nicht der Fall – auch wenn durch den Online-Terror die Erreichbarkeit der Praxis eingeschränkt ist. Die Drohungen liegen nun bei den zuständigen Behörden, über die umstrittene Richtlinie wird man wohl – gesittet und in den richtigen Runden – sprechen müssen.

Was man inmitten eines Shitstorms tun kann

Rechtsanwalt Klein liefert Tipps, was man tun sollte, wenn man selbst Opfer einer solchen Kampagne wird. Man müsse "das Team der Praxis mit einbeziehen und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter präventiv schulen, wie man einerseits deeskalierend auftritt, andererseits aber auch unter dem Gesichtspunkt der Notwehr eigene Rechte wahrnimmt". Und ganz wichtig: "Man muss jedem einzelnen Fall nachgehen. Dranbleiben."

Für Hass-Postings zum Beispiel solle man das Tool von Netzbeweis nutzen, um Inhalte IT-forensisch zu sichern. Weiter rät Matthias Klein: "Wenn man erkennt, dass ein Shitstorm hereinzubrechen droht, sollte man das keinesfalls ignorieren, sondern sich (ggfs. mit professioneller Hilfe eines SM-Experten und eines Strafrechtlers) darum kümmern. Ein offizielles Statement muss her, mit deeskalierenden Worten gewinnt man Zeit. Stellen sie alle Fakten zu dem Problem zusammen, beschreiben Sie genau, was wann passiert ist und was Sie wann unternommen haben. Viele Social-Media Experten empfehlen, dies ganz transparent zu machen, indem man eine neue, bislang nicht bei Google gelistete Website (z.B. als neue Seite der eigenen Website) anlegt und dort mit Datum und Uhrzeit ähnlich einem Liveticker (bei offener Kommentarfunktion) berichtet. So soll es gelingen, die Stimmungsmacher und damit die Diskussion auf diese Seite zu locken."

Rechtlich gesehen, sagt der Anwalt, helfe nur, die Browser-Links zu den jeweiligen Hass-Posts zu sichern und jeden einzelnen Fall zur Anzeige zu bringen. Das, so Klein, sei einfacher als gedacht. Er führt aus: "Mit einer Strafanzeige schildert man einen Sachverhalt, in dem man das Tun oder Unterlassen eines anderen für strafbar hält. Fügt man nun die Netzbeweis-PDFs bei und (ganz wichtig!) stellt Strafantrag "unter allen in Betracht kommenden Gesichtspunkten" gegen den/die Täter (notfalls gegen Unbekannt) müssen die Behörden ermitteln, wenn ein Anfangsverdacht für eine Straftat vorliegt." Habe man Angst um die eigene Identität, helfe es, einen erfahrenen Anwalt zu konsultieren. Vom Stellen einer Strafanzeige bei örtlichen Polizeidienststellen rät der Anwalt bei Fällen der Hate-Speech ab. Dort passiere es oft, so zeigt es auch eine Recherche von Jan Böhmermann, dass die Anzeigenden abgewimmelt werden. Eine Liste zu Online-Wachen der Polizei finden Sie hier.

Die Texte und Forderungen der "Kinderärzte Wedel" haben sich am Abend des 27. Oktober geändert. Statt einer Pflicht für Patienten spricht die Praxis nun von dem Wunsch, dass die Impfungen für Kinder in der Praxis umgesetzt werden. Wir haben den entsprechenden Absatz angepasst.

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