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Sexualstraftäter im Visier "Ich liebe es, als Frau unterschätzt zu werden" – Wie Hackerin „N3ll4“ im Netz Kriminelle jagt

Ornella Al-Lami
Wenn diese Frau Ihnen eine Nachricht schreibt, könnte es sein, dass Sie ein Problem haben – sofern Sie zuvor etwas Illegales im Internet getan haben.
© Privat
Wo LKA und BKA nicht weiterkommen, hilft sie. Ornella Al-Lami ist IT-Expertin und Hackerin. Zu ihr kommen Menschen, die Hilfe bei der Ermittlung von Pädophilen, Cybergroomern und Hetzern suchen. Und "N3ll4", wie sie sich selbst im Internet nennt, greift hart durch.

In ihrer frühen Jugend wurde Ornella Al-Lami Opfer eines Stalkers. Später hackte sich ein älterer Mann in ihre erste Webcam und forderte das junge Mädchen auf, die Kleidung abzulegen. Mit Pädokriminellen und sogenannten Groomern, also Menschen, die im Internet gezielt auf Kinder zugehen und diese nach ihrem Willen manipulieren, hatte sie also sehr früh Kontakt.

Ebenso früh hatte Nella, so nennt sie sich selbst, aber auch Kontakt zu Computern. Denn als ihr hochbegabter Bruder neun Jahre alt war, begann er, eigene Rechner zusammenzubauen und tiefer in die Materie einzusteigen. Das griff ganz offenbar auf die jüngere Schwester über – und nach dem Hack ihrer Webcam wollte sie verstehen, wie das passieren konnte.

"N3ll4" arbeitet da weiter, wo die Polizei aufhören muss

Unabsichtlich hatte der ältere Mann eine Karriere losgetreten, die ihresgleichen sucht. Heute ist Al-Lami hauptberuflich Cyber-Security-Spezialistin und kümmert sich nebenbei mit einem eigenen Projekt um die Ermittlung von Netzkriminellen, zu denen die deutschen Behörden aufgrund rechtlicher Hürden nicht so einfach vordringen können. Für diese Riesenleistung folgen der 24-Jährigen mit rumänisch-ukrainischen Wurzeln in den sozialen Netzwerken Zehntausende – auch wenn besonders Instagram ihre Profile immer wieder gesperrt hat.

Mit dem stern spricht „N3ll4“ über ihre Arbeit, die Anfänge, gefälschte Entschuldigungen für die Schule und Cyber-Exorzisten.

Moin Nella, vielen Dank für deine Zeit. Magst du zum Einstieg kurz beschreiben, was du eigentlich machst?

Gute Frage (lacht). Eigentlich habe ich bei meiner Tätigkeit als Hackerin keinen speziellen Fokus. Generell kümmere ich mich um Pädokriminelle, Rechtsextreme, Betrüger oder bin in der Aufklärung tätig. Das hängt immer davon ab, was gerade auf dem Tisch liegt. Als ich bei Instagram angefangen habe, lag mein Fokus klar auf Pädophilen, weil dort so sorglos mit Bildern von Kindern umgegangen wird und sich deshalb viele Täter dort aufhalten. Bei Twitter sind es eher Rechtsextreme, die sich dort in Sicherheit wiegen und ihre Ideologie verbreiten. Leider hält sich das aber im Grunde die Waage, es gibt immer genug zu tun.

Machst du das alleine?

Das Hacken im Grunde schon, ja. Ich habe natürlich Hilfe, aber die Arbeit mache meist ich. Unser Team besteht aber aus insgesamt sechs Leuten, die helfen vor allem bei der Organisation, der Betreuung der Opfer und dem Beantworten von Zuschriften.

Wie fing denn das eigentlich alles an? Man wird ja nicht einfach so Hackerin und lernt deine Fähigkeiten in der Schule. Gab es einen Auslöser?

Ich habe leider sehr früh Missbrauch erleben müssen. Ich bin bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen und hatte in dieser Gemeinde einen Stalker. Der hat mich nicht nur in den Versammlungen angesprochen, sondern eben auch andauernd per SMS kontaktiert. Quasi eine frühe Form von Cybergrooming. Etwas ähnliches habe ich dann nochmal durchmachen müssen, als ich während der MSN-Zeit meine erste Webcam hatte und sich ein älterer Mann Zugriff darauf verschafft hatte, der mich in meinem Kinderzimmer bat, mich auszuziehen – und wusste, dass ich ein Kind bin. Die Übernahme einer Kamera war damals leider sehr einfach. Besonders schwierig ist das heute – besonders bei Android-Smartphones – aber immer noch nicht.

Erste Schritte: E-Mail-Account der Mutter gehackt

Und das war der Punkt, an dem du entschieden hast, dagegen was zu tun?

Nicht wirklich. Ich wollte vor allem erst einmal rausfinden, wie der Mann das geschafft hatte. Das hat mich einfach fasziniert und ich musste das wissen. Das waren meine ersten Berührungspunkte mit Hacking und der Manipulation von Computern.

Und dann hast du deine Fähigkeiten genutzt, um anderen Opfern von Cybergroomern und Pädophilen zu helfen?

Das ging erst später los. Ich würde sagen, ich habe das erstmal für mich genutzt. Ich habe relativ oft die Schule geschwänzt und als die Lehrer Entschuldigungen nur noch vom E-Mail-Account meiner Mutter akzeptiert haben, habe ich ihren Account gehackt und mich selbst entschuldigt. Solche Dinge eben.

Und nach der xten Entschuldigung dachtest du dann irgendwann: „So, jetzt ist Zeit für etwas Produktives.“ Oder?

Noch später. Denn das hat einen familiären Hintergrund. Irgendwann ging es darum, wie ich ein sehr junges, männliches Familienmitglied am besten vor dem schützen kann, was mir widerfahren ist. Da kamen dann viele Fragen und Sorgen auf, die ich so nicht kannte. Denn durch meine Arbeit weiß ich, wie gefährlich es im Internet für Jungs werden kann.

Für Jungs? Gefährlicher als für Mädchen?

Viele unterschätzen, wie viele Opfer von Missbrauch und Grooming männlich sind. Mir fallen im deutschsprachigen Raum auf Anhieb zwölf Seiten ein, die sich vorrangig mit Kinderpornographie mit männlichen Opfern befassen – und nur eine, die Mädchen bevorzugt. Daran kann man gut sehen, in welchen Dimensionen sich das bewegt.

Und daraus ist deine Arbeit entstanden?

Allmählich, ja. Ganz zu Beginn habe ich erst einmal angefangen, über Instagram aufzuklären. Da ging es ganz harmlos nur darum, warum man Kinder im Netz nicht zeigen sollte.

Für Instagram leider zu ernst

Das wollte Instagram? Glaube ich nicht.

Ich war tatsächlich die erste, die diese Themen bei Instagram einem großen Publikum präsentiert hat. Das ging extrem schnell viral, es gab offenbar einen großen Bedarf an solchen Informationen. Das waren zu besten Zeit mehr als 100.000 Follower:innen, meist Eltern. Und ja – Instagram hat mich unglaublich oft gesperrt. Die wollen da keine kritischen Themen sehen, dafür ist die Welt dort zu bunt und heile. Deshalb bin ich jetzt bei Twitter.

Aber es war der Anfang deiner Nebentätigkeit, richtig?

Durch den Kontakt zu den Menschen kamen die ersten Fälle zu mir, bei denen mich Erwachsene um Hilfe baten, wenn deren Kinder bereits Opfer von Pädokriminalität wurden oder es danach aussah, als könnte es passieren. Da war es für mich oft leicht, die Täter oder mutmaßlichen Täter zu identifizieren und die Idee war geboren, das generell anzubieten. Offenbar war die Justiz also kein verlässlicher Ansprechpartner.

Dein Twitter-Account ist kein Jahr alt – und zählt über 50.000 Follower. Gab es einen Auslöser dafür, dass du dort so schnell Reichweite aufbauen konntest?

Der tragische Fall der verstorbenen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr. Ich war diejenige, die zwei Täter identifizieren konnte, die Frau Kellermayr übelst beleidigt und bedroht haben. Darüber, wie einfach es für mich war – und wie wenig die Polizei offenbar getan hatte – haben sehr viele Medien berichtet und auf mich verwiesen.

Und das jetzt dein Hauptberuf? Setzt du dich morgens mit einem Kaffee an den Rechner und fängst an, Täter zu jagen?

Hauptberuflich bin ich Cyber-Security-Spezialistin im Schwachstellenmanagement. In die Rolle der Hacktivistin schlüpfe ich parallel, das ist für mich wie ein Teilzeitjob. Allerdings unbezahlt. Wir bekommen zwar Spenden, aber die gehen für die Technik drauf und am Ende zahlen wir die Differenz aus eigener Tasche.

Die Not ist groß

Wie viele Anfragen erreichen euch denn eigentlich so?

Also jeden Tag mindestens 20, davon sind auch meist einige durchaus sehr ernst. Natürlich werden wir gefragt, ob wir auch mal das Smartphone vom Partner hacken oder ein verlorenes Passwort rausfinden können, aber da draußen ist schon wirklich viel los. Diese banalen Anfragen lehnen wir natürlich ab. Bei den Fällen, die wir übernehmen, geht es dann um Täterermittlung, damit die Opfer mit mehr Material zu den Behörden gehen können, um die Fälle zur Anzeige zu bringen. Nicht immer, aber manchmal, müssen wir dafür echt viel tun und auch aktiv hacken – also rechtliche Grenzen überschreiten.

Wann musstet ihr das letzte Mal das gesamte Arsenal auffahren?

Das war zuletzt im Mai beim Youtuber "Nature23" der Fall, dessen Kanal übrigens immer noch erreichbar ist. Das ist ein selbsternannter Exorzist, der Kinder mit psychischen Erkrankungen anlockt und den Eltern verspricht, sie zu heilen. Dabei kam es auch schon zu Vergewaltigungen. Und das alles über Youtube, leider immer ohne Beweise. Bis wir uns den Fall angeschaut haben und mehrere E-Mail-Konten, sein Whatapp, Skype und Telegram übernommen haben. Und was wir dort gefunden haben, haben wir an das LKA weitergeleitet.

Und was ist daraus geworden?

Erstmal war das LKA dankbar. Denn der Fall, besonders wegen der psychisch kranken Opfer, gestaltet sich äußerst schwierig. Wir konnten aber Beweise finden für Folter an den Mädchen, Sprachnachrichten wie er davon erzählt und E-Mails an Eltern, teils mit Anweisungen, dass die ihre Kinder anketten und einsperren sollten. Alles mögliche.

RTL-Experiment zu Kindesmissbrauch – wie Täter im Internet ihre Opfer finden

Moment – und die Eltern haben das dankbar angenommen?

Ich würde den Eltern keine böse Absicht unterstellen. Das waren zumeist sehr religiöse Menschen, die auch oft genug geantwortet haben, dass das zu weit geht. Aber es gab auch eine Mutter, die epileptische Anfälle ihrer Tochter auf Anraten von "Nature23" mit einem Glas Wasser heilen wollte, statt das Kind zu einem Arzt zu bringen. Ich muss sagen, dass "Nature23" mit Abstand mein krassester Fall war bisher. Und leider ist der Täter noch immer auf freiem Fuß, obwohl ich belegen kann, was er gemacht hat und wo er wohnt.

Wie kann das sein?

Er agiert bundesweit. Und das ist für die Behörden ein Problem, denn die Zusammenarbeit der Länder knirscht gewaltig. Da wird jeder Fall separat bearbeitet und das zieht sich ewig. Hätte er alles in Berlin gemacht, wäre er schon in U-Haft, da bin ich sicher. Wir haben sogar schon eine Anfrage von Netflix für den Fall – während die Behörden noch daran arbeiten. Ich habe mit dem LKA schon oft darüber gesprochen, aber die sagten mir, für solche nationalen Fälle fehlt es noch immer an den richtigen Werkzeugen. Zumal das, was wir gemacht haben, ohnehin nicht legal war.

"Wir machen uns natürlich strafbar"

Also kann man sagen, ihr macht euch strafbar.

Absolut, ja. Zum Glück sind die Behörden da sehr kulant, wenn es um solche Fälle geht. Ich habe gute Kontakte beim LKA und BKA, mit denen ich gerne arbeite. Die verstehen es, dass die Situation solche Maßnahmen erfordert, wenn man diese Täter aufhalten will. Aber ich bin ganz ehrlich: Wenn ich dafür irgendwann mal eine Strafe bekomme, ist es mir das wert.

Wie bewertest du die Zusammenarbeit mit den Behörden?

LKA und BKA sind klasse. Es gibt auch einige sehr fähige Kriminalbeamte. Aber: In den untersten Ebenen der Polizei muss sich viel tun. Insgesamt darf man das aber nicht so streng sehen. Die dürfen meine Methoden nicht anwenden.

Gibt es da Erfolge, die dich in deiner Arbeit bestärken?

Die gibt es zum Glück. Wir haben zum Beispiel einem Journalisten aus Sindelfingen nachweisen können, dass er Kinderpornographie auf russischen Plattformen hochgeladen hat. Nach 30 Minuten Recherche hatten wir genug Material für eine Hausdurchsuchung. Oder ein Fall aus Niedersachsen, bei dem ein Täter mehrere Frauen angerufen hat und nach Sex-Kontakten zu Kindern gefragt hat. Der sitzt jetzt 2,5 Jahre im Gefängnis, weil wir rausfinden konnten, wer das war.

Ich muss fragen: Wie verarbeitest du das? Immer wieder mit diesen krassen Fällen in Verbindung zu kommen, die auch noch einen Bezug zu deiner eigenen Vergangenheit haben. Wie geht das?

Naja, ich lebe vom Erfolg, um ehrlich zu sein. Jeder Täter, den ich durch meine Arbeit aus dem Verkehr ziehe, gibt mir Kraft. Die Erleichterung der Opfer lässt mich weitermachen. Ich versuche, es auszublenden – und sehe mich als Werkzeug für die hilflosen Familien, denen ich wirklich helfen kann.

Beweise im E-Mail-Postfach

Glaubst du noch an das Gute im Menschen?

Ja, gerade wegen meiner Arbeit. Ich sehe nicht die Täter oder die, die mich täglich beleidigen und auf dieser billigen Sex-Schiene versuchen, meinen Stolz zu verletzen, sondern die, die im Schatten stehen – die Opfer. Ich höre so viele Geschichten und lerne so viele liebe Menschen kennen, dass ich unmöglich ausblenden kann, was für wunderbare Personen es gibt. Die schlechten Menschen sind immer am lautesten, das ist leider so.

Was hast du eigentlich für Möglichkeiten? Wie gläsern ist man im Internet?

Es hängt davon ab, wie du dich im Netz verhältst. Wenn du Spuren hinterlässt und unvorsichtig bist – beispielsweise immer das gleiche Pseudonym benutzt – kann man dich irgendwann finden. Da braucht es nur eine gehackte Datenbank und eine E-Mail und schon kann ich eine Vielzahl damit verbundener Konten verknüpfen. Und wenn ich dann noch weiß, dass sich zum Beispiel in deinem Postfach belastende Beweise befinden, schau ich dann da mal rein. Das ist dann auch das, was das LKA oder das BKA ohne Gerichtsbeschluss nicht dürfen und ja, das ist rechtlich kompliziert. Aber wenn ich Beweise für schwere Verbrechen finde, dürfen die vor Gericht verwendet werden.

Spricht fließend Java, PHP, C#, Python, Bash, Shell, HTML, CSS und JS: "N3ll4".
Spricht fließend Java, PHP, C#, Python, Bash, Shell, HTML, CSS und JS: "N3ll4".

Wie offen ist das Netz eigentlich für jemanden wie dich?

So offen, wie die jeweilige Person es ermöglicht, um es vereinfacht zu sagen. Ganz ohne das Zutun der Täter – und sei es nur eine Nachlässigkeit – sind auch Hackern Grenzen gesetzt. Man sitzt also nicht vor drei grünen Bildschirmen, klappert auf der Tastatur rum und voilà. Oft sind Trojaner im Spiel, schadhafte Links oder Social Engineering, also gezielte Manipulation einer Person, damit sie dich zum Beispiel auf ihren Rechner lässt.

Es hilft, eine Frau zu sein

Kommt es dir bei deiner Arbeit manchmal zugute, dass du eine Frau bist? Oder gibst du dich auch mal als Mann aus?

Das hätte nur Nachteile, mich als Mann auszugeben. Ich liebe es, als Frau unterschätzt zu werden. Das ist genau das, was ich will. Ich will das Klischee brechen, aus dem Raster fallen und auch etwas symbolisieren. Und ich merke, dass es als Frau bei Beleidigungen meistens eh nur über diese Sexualisierung geht – was mich überhaupt nicht interessiert. Als Mann ist man schneller Gewalt ausgesetzt, so seltsam es klingt.

Drehen wir den Spieß am Schluss mal um: Wie schützt man sich eigentlich vor Tätern?

Oh das ist ganz einfach: Nichts teilen.

So einfach?

Ja.

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