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Pin-Mitarbeiter: Unterwegs ins Ungewisse

Der Bundestag hat den umstrittenen Post-Mindestlohn beschlossen. Die Auswirkungen auf die Pin-Mitarbeiter könnten katastrophal sein: Tausende Jobs stehen auf der Kippe. stern.de befragte die Betroffenen, wie sie mit dieser Unsicherheit in der Vor-Weihnachtszeit umgehen. Hier sehen Sie das Video.

Von Wencke Bugl und Alexander Zeuner

6.00 Uhr morgens in Hamburg - Arbeitsbeginn in der Pin-Verteilerstelle in der Burchardstrasse. Post wird von fleißigen Händen sortiert und in grünen Plastiktaschen gestopft, die dann vollgepackt auf Rädern und Mopeds verstaut werden. Die Zusteller in ihren grün-schwarzen Uniformen rauchen unterdessen vor dem Verteilerzentrum eine Zigarette und warten darauf, sich mit ihren Briefen auf den Weg zu machen.

Dem Unternehmen droht die Insolvenz

Das alles sieht nach einem ganz normalen Arbeitstag aus, von Anspannung oder gar Angst keine Spur. Und dass, obwohl der Bundestag an diesem Freitag über den Mindestlohn für Postzusteller entscheiden wird. Die Folgen für die Pin-Mitarbeiter sind noch nicht endgültig klar - eine Insolvenz des gesamten Unternehmens, das mehrheitlich im Besitz des Axel Springer Verlags ist, ist nicht ausgeschlossen.

Ausgerechnet in der Vor-Weihnachtszeit gehen die Mitarbeiter einer unsicheren Zukunft entgegen: "Die Stimmung ist nicht berauschend", sagt einer der wenigen Beschäftigten, der sich vor laufender Kamera dazu äußern will. Er gibt sich in Zweckoptimismus: "Ich gehe davon aus, dass ich hier nächstes Jahr noch weiterarbeiten werde."

Unzufrieden mit dem Mindestlohn

Einige Mitarbeiter in Hamburg haben vor kurzem Festverträge bekommen, inklusive kleiner Feier mit Blumenstrauß-Übergabe. Auch das lässt die Mitarbeiter auf einen Fortbestand ihrer Firma hoffen: "Ich halte das alles für Säbelrasseln und bin eigentlich sehr entspannt", sagt ein anderer.

Künftig sollen die Pin-Mitarbeiter bis zu 9,80 Euro die Stunde verdienen - immer noch deutlich weniger als die Kollegen beim Monopolisten Deutsche Post, aber mehr als bislang. Die Freude über die ungewohnte Lohnerhöhung hält sich in Grenzen: "Ohne den Mindestlohn, der uns aufgedrückt wird, hätten wir einen wundervollen Arbeitsplatz", sagt Pin-Mitarbeiterin Barbara Hörmann aus dem Verteilzentrum in der Kieler Strasse in Hamburg.

Lieber acht Euro als 9,80

Sie ist nicht nur mit ihrem Job zufrieden, sondern sogar mit dem Gehalt, das sie bekommt. "Ich arbeite lieber für acht Euro als für 9,80, die mich Nachhause schicken", sagt die alleinerziehende Mutter. Durch die geregelten Arbeitszeiten kann sie sich noch gut um ihre zwei Kinder kümmern, sie verlässt gemeinsam mit ihnen das Haus und kommt auch gemeinsam mit ihnen zurück.

Den geplanten Mindestlohn sieht auch Depotleiter Michael Schneck, ein studierter Betriebswirt, problematisch. Er hätte sich eine Übergangsphase gewünscht, in der PIN den Aufbau hätte vorantreiben können. "Dann hätte die Firma genügend verdienen können, und wir sowieso mehr Geld bekommen. Das war auch schon besprochen", sagt er.

Aber nicht alle sind so kategorisch gegen die geplante Lohnuntergrenze - auch wenn es den eigenen Job kosten könnte. "Ist der Mindestlohn denn wirklich unbezahlbar?" fragt einer von ihnen und sieht die Verantwortlichkeit beim Management. Seinen Namen will er nicht nennen - aus verständlichen Gründen.

Verlustgeschäft Pin

Die PIN AG schreibt auch ohne den Mindestlohn rote Zahlen. Allein im laufenden Jahr sollen es mehr als 50 Millionen Euro sein, die die Gesellschafter - allen voran Springer - zuschießen müssen. Der Mindestlohn wird die Kosten nochmals erhöhen. Trotz der kompletten Liberalisierung des Post-Marktes Anfang kommenden Jahres könnte das Geschäft damit vollends unrentabel werden. So sieht es zumindest die Spitze des Springer-Konzerns.

Und die muss letztlich auch entscheiden, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. "Wir machen unseren Job, mehr können wir auch nicht", sagt ein Pin-Mitarbeiter, schwingt sich auf sein Rad und fährt mit seinen vollgepackten Taschen davon.