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Saisonstart in der Formel 1 Vettel muss als degradierter Helfer ran und Hamilton kämpft für "Black Lives Matter"

Sebastian Vettel und Lewis Hamilton
Sebastian Vettel (l.) und Lewis Hamilton
© Mark Thompson / Mark Sutton / DPA / Getty Images
Die Formel 1 startet mit knapp vier Monaten Verspätung in die Saison. Doch ob sie mehr wird als eine stark eingedampfte Weltmeisterschaft, ist offen. Zündstoff bieten die Protagonisten und die Teams aber genug. Ein Überblick.

"Gentleman, start your engines" heißt es an diesem Wochenende endlich wieder. Die Formel 1 startet mit knapp viermonatiger Verspätung in die Saison. Ob es ein vollwertiger Kampf um den WM-Titel wird oder nur eine stark geschrumpfte Corona-Version dabei herauskommt, ist offen. Zumindest mit der Verschiebung des Starts tat sich der globale Rennzirkus schon schwer. Mitte März wurde die Formel 1 von der heraufziehenden Corona-Pandemie kalt erwischt – wie alle anderen Sportarten weltweit. Aber die Verantwortlichen weigerten sich lange fast schon trotzig, die Macht des Faktischen beziehungsweise des Virus‘ zu akzeptieren und das erste Saisonrennen im australischen Melbourne abzusagen. Erst drei Stunden vor Beginn des ersten Trainings beugte man sich dem Unvermeidlichen und cancelte das Rennwochenende, nachdem vorher stundenlang Krisensitzungen abgehalten worden waren und immer mehr Teams für die Absage plädiert hatten.

Seitdem versucht sich die Formel 1 im Krisenmanagement. Die Grands Prix von Bahrain, Vietnam, China, Spanien, Monaco, Aserbaidschan, Kanada, Frankreich und der Niederlande wurden entweder abgesagt oder verschoben. Für die Formel 1 ein herber Verlust, vor allem finanziell. Doch dann wagte sich Red Bull mit seiner Heimstrecke im österreichischen Spielberg aus der Deckung und erarbeitete ein Hygienekonzept, das von den lokalen Behörden abgesegnet wurde: Für die Formel 1 war das ein Befreiungsschlag. Jetzt finden unter außergewöhnlichen Umständen die ersten beiden Saisonrennen an einem Ort statt - auch das ein Novum.

Die Formel 1 braucht auf 15 Rennen, um keine Verluste zu machen

Sechs weitere Rennen sind zugesagt, die Formel 1 braucht aber mindestens 15 Grands Prix, um die TV- und Sponsorengelder weitgehend zu retten, wenn es sein muss bis zuletzt ohne Zuschauer. Deshalb sind die beiden Rennen in Österreich so wichtig. Sie dienen als Blaupause für die anderen. Das Sicherheitskonzept muss international umsetzbar sein. Doch selbst wenn es in Spielberg reibungslos über die Bühne geht, ist die Corona-Lage besonders in Südamerika und den USA nicht vorhersehbar. Aktuell explodieren die Infektionszahlen. Für Oktober und November waren eigentlich Grands Prix in den USA, Mexiko und Brasilien geplant. Ob sie stattfinden, ist angesichts der Lage ungewiss.

Sebastian Vettel und Lewis Hamilton
Sebastian Vettel (l.) und Lewis Hamilton
© Mark Thompson / Mark Sutton / DPA / Getty Images

Dafür sind angeblich Rennen im italienischen Mugello und in Portimao in Portugal sicher. Auch über Sotschi und Shanghai wird spekuliert, als Ersatzkandidat gilt weiter Hockenheim. Beendet werden soll die Saison mit Rennen in Bahrain und Abu Dhabi.

Sportlich hat sich an der Ausgangslage nicht viel geändert. Wir geben einen Überblick über die wichtigste Protagonisten und Teams und wer die größten Herausforderer von Weltmeister Lewis Hamilton sind:

Der Titelverteidiger und Mercedes

Lewis Hamilton kann seinen siebten WM-Titel einfahren und mit Michael Schumacher gleichziehen. Der Mercedes-Pilot ist der Topfavorit. Mercedes dominiert seit Jahren und daran wird sich auch in der Corona-Saison nicht viel ändern, wenn man die Wintertests in Barcelona zum Maßstab nimmt, wo Mercedes wieder mal das schnellste Auto stellte.

Aber etwas hat sich geändert – optisch: Das schnellste Auto im Rennzirkus ist kein Silberpfeil mehr, sondern ein schwarzer Pfeil. Das liegt an Nummer-1-Pilot Hamilton, der nach dem Tod des Afroamerikaners Georg Floyd bei einer brutalen Verhaftung durch US-Polizisten eine neue Rolle fand. Hamilton ist seitdem ein engagierter Fürsprecher der "Black Lives Matter"-Bewegung und kritisierte seinen Sport als "von Weißen dominiert". Aus Solidarität mit "BLM" lackierte Mercedes sein Auto um. Am Speed des Mercedes wird das nichts ändern, im Gegenteil, Hamilton dürfte nun noch motivierter sein, als ohnehin schon.

Ein schwarz-weiß Foto zeigt Ex-Formel-1-Fahrer Niki Lauda

Der Degradierte und Ferrari

Sebastian Vettel wird im Titelrennen nur in den wildesten Träumen seiner Fans eine Rolle spielen, aber nicht in der für ihn harten Realität. Erstens ist sein Dienstwagen zu langsam. Aus dem italienischen Rennstall ist zu vernehmen, dass der FS1000 sogar langsamer ist als das Vorgänger-Modell trotz mehrfacher Überarbeitung während des Lockdowns. Zweitens ist Vettel trotz seiner vier WM-Titel nur Fahrer Nummer 2. Der Monegasse Charles Leclerc ist der Mann der Zukunft bei der Scuderia. Vettel erhielt keinen neuen Vertrag und wurde zum Gehilfen degradiert. Vorsorglich brachte er sich selbst bei Mercedes ins Spiel, einen Vertrag für das nächste Jahr hat er noch nicht in der Tasche.

Eine der spannenden Fragen lautet, ob Vettel die Rolle des Helfers bei den Roten annimmt. Offiziell hat er erklärt, dass er sich in den Dienst des Teams stellen wird, aber ob das mit dem großen Ego eines Vettel vereinbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Grund, sich querzustellen, hätte der letzte deutsche Formel 1-Pilot. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto hatte die Trennung als einvernehmlich hingestellt, was wohl nicht ganz der Wahrheit entspricht. Vettel gab unlängst kund, dass er überhaupt keinen neuen Vertrag vorliegen hatte, während Binotto von einem Angebot geredet hatte. Es könnte ungemütlich bei den Roten werden. Aber ohne Vettels Unterstützung hätte Leclerc überhaupt eine Chance gegen Hamilton. Ausgang offen.

Der Kompromisslose und Red Bull

Von den Spannungen bei Ferrari könnte das dritte große Team profitieren. Bei Red Bull rechnen sie sich einiges aus, auch wenn das Auto bei den Tests in Barcelona den Speed von Mercedes nicht mitgehen konnte. Aber die ersten beiden Rennen auf der Heimstrecke in Spielberg spielen den Bullen in die Hände. Fahrer Nummer eins, Max Verstappen, gewann die beiden vergangenen Rennen in Spielberg und ist merklich gereift, von "rüpelhaft zu kompromisslos", wie die "Süddeutsche Zeitung" urteilte. Für Verstappen ist dieses Jahr die letzte Chance, sich als jüngster Formel 1-Weltmeister in die Geschichtsbücher einzutragen und Vettel als Rekordhalter abzulösen. Teamchef Christian Horner glaubt fest daran, dass die Bullen die beste Saison seit 2013 fahren werden. Da wurde Red Bull zum letzten Mal Weltmeister – mit Sebastian Vettel.

Quellen: DPA, "Süddeutsche Zeitung", "Auto Motor Sport", "Motorsport total", "N-TV"


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