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Interview

Plastikgegnerin Nadine Schubert: Genervt vom vielen Plastikmüll? Diese Frau weiß Rat

Nadine Schubert führt ein Leben ohne Plastikmüll und sagt: Das kann im Prinzip jeder. Ein Gespräch über Bambus-Zahnbürsten, Mascara aus Bienenwachs - und wie leicht man Wasch- und Spülmittel selbst herstellen kann.

Nadine Schubert

Nadine Schubert, 36, in ihrer Küche im fränkischen Oberaubach: Vor vier Jahren begann die Journalistin und zweifache Mutter, Plastik aus ihrem Alltag zu verbannen. In ihren Büchern und auf ihrem Blog "Besser leben ohne Plastik" gibt sie praktische Tipps zum Nachmachen.

Frau Schubert, Sie haben Plastik aus Ihrem Alltag weitgehend verbannt. Ist die Bezeichnung Ökotussi für Sie eine Beleidigung oder eine Auszeichnung?

Lieber Ökotussi als Ökotante! Unter Ökotante stellt man sich ja gerne Filzsandalen vor und ein Hinterwäldlerleben. Ich dagegen führe ein modernes Leben und muss mich nicht groß einschränken, nur weil ich viele Dinge anders mache als vor ein paar Jahren. Daher nehmen die Leute auch gerne Tipps von mir an.

Wie wurden Sie zur radikalen Plastikgegnerin?

Im Frühjahr 2013 habe ich eine Reportage über gesehen. Es ging um die Vermüllung der Meere und um Schadstoffe im Plastik, die krank machen können. Dass ich zu dem Zeitpunkt schwanger war, hat dazu beigetragen, dass ich umgedacht habe. Mein Sohn war acht, meine Tochter unterwegs - auch für meine Kinder wollte ich diesen Plastikkram nicht mehr.

Und dann haben Sie Ihren Haushalt einmal auf links gedreht.

Ich habe geschaut, was bei uns so anfällt an Plastikmüll - und das war viel. Obwohl ich viel Bio gekauft habe. Für mich macht eine Plastikverpackung diesen Biowert kaputt und das ist mir dann erst so richtig bewusst geworden. Ziel war für mich dann: weniger Verpackungsmüll und keine in verpackten Lebensmittel mehr. 

Nadine Schuberts neues Buch "Noch besser leben ohne Plastik" erscheint am 4. September im oekom Verlag

Nadine Schuberts neues Buch "Noch besser leben ohne Plastik" erscheint am 4. September im oekom Verlag

Was hat die Familie zu der Umstellung gesagt?

Mein Mann war zum Glück sofort dabei. Aber auch meinem Sohn musste ich klarmachen: Gummibärchen, Chips, Cornflakes gibt es ab jetzt nicht mehr. Ich habe radikal alles vom Speiseplan gestrichen, was ich nicht ohne Plastik kaufen konnte. Mein Sohn hat trotzdem noch Mama zu mir gesagt. 

Der Lebensmitteleinkauf war nur der Anfang. Nach und nach haben Sie den Kampf gegen das Plastik immer weiter ausgedehnt. Ist Ihr Haus noch wiederzuerkennen?

Unser Haus sieht immer noch so aus wie vorher. In den Küchen- und Badschränken sieht es allerdings deutlich anders aus. Ich hatte natürlich wie so viele Frauen drei Schubladen voll mit Tupperschüsseln und losen Deckeln. Das ist alles weg. Vorräte werden in Gläsern mit Bügelverschluss und in Weckgläsern aufbewahrt. Im Kühlschrank ist auch kein Plastik mehr.

Welche Umstellung ist Ihnen am schwersten gefallen?

Kann ich gar nicht sagen, weil ich nichts vermisse. Manche Sachen musste ich eben sehr lange suchen. Zum Beispiel Klopapier ohne Plastikverpackung. Aber auch das gibt es. Ich kaufe jetzt nicht mehr im Drogeriemarkt, sondern bestelle im Internet einmal im Jahr einen Jahresvorrat von 18.000 Blatt gefaltetem Klopapier. Der Klorollenhalter dient jetzt als Halter für ein Körbchen, in dem diese gefalteten Blätter liegen. Wo mir die Umstellung schwergefallen ist, das war bei der Menstruation. Menstruationstasse und Naturschwämmchen statt Tampons - damit musste ich mich erst anfreunden, aber das ist für mich jetzt auch kein Problem mehr. 

Wahrscheinlich würden viele Menschen gerne weniger Wegwerfplastik kaufen. Aber im Alltag scheitert es dann doch daran, dass es ihnen zu aufwendig ist und sie sich die Zeit nicht nehmen wollen. Wie anstrengend ist die Plastikvermeidung?

Wenn man sich einmal dafür entschieden hat und darauf einlässt, dann merkt man: Das ist gar nicht so dramatisch. Ich habe auch keinen Unverpackt-Laden vor der Haustür, sondern gehe ganz normal einkaufen - bei und im Bio-Supermarkt.

Wird der Einkaufswagen bei Edeka denn voll, wenn Sie alles mit Plastikverpackung liegenlassen?

Ja, durchaus. Ich kann auch bei Edeka die Milch im Glas kaufen statt im Tetra Pak und neben dem Ketchup in der Plastikflasche steht der Ketchup in der Glasflasche und das ist bei ganz vielen Dingen so. Dann gibt’s die Wurst- und Käsetheke, wo ich frische unverpackte Sachen bekomme und auch zum Bäcker nehme ich meine Dosen mit, weil der Kaffeebohnen lose verkauft. Solange die mitgebrachte Dose auf der Theke stehenbleibt, wird auch keine Hygienevorschrift verletzt, der Verkäufer kann die Waren einfach hineinlegen. Ein schöner Nebeneffekt: Wir werfen deutlich weniger weg als früher, weil ich nur so viel kaufe, wie wir brauchen und keine vorgegebenen Packungsgrößen. 

Bewusst einkaufen ist das eine. Sie aber gehen noch einen Schritt weiter: Was Sie nicht plastikfrei finden, machen Sie selber - zum Beispiel Wasch- und Putzmittel. Ist das nicht wahnsinnig aufwendig?

Wasch- und Putzmittel anzurühren ist überhaupt nicht schwer. Das muss man einfach mal gemacht haben, dann wird man's auch immer wieder tun. Ich vergleiche das mit Kuchen backen, da braucht man ja auch etwas Zeit für, man muss viel sauber machen, aber man tut es immer wieder, weil der Kuchen einfach gut schmeckt. Und genau so ein Erfolgserlebnis hat man auch, wenn man ein Wasch- oder Putzmittel selbst macht.

Wird die Wäsche mit den Selfmade-Mitteln genauso sauber wie mit den Industrieprodukten?

Diese ganzen Plastikflaschen unter der Spüle braucht man alle nicht. Man kriegt Wäsche und Boden mit weniger und umweltfreundlicheren Mitteln sauber. Die Basis ist häufig die gleiche wie bei den Industrieprodukten - Kernseife und Waschsoda -, ich verzichte nur auf die Chemie und künstliche Duftstoffe. Die Wäsche riecht dann eben neutral, aber sie ist sauber. Mit einem 750-Gramm-Päckchen Kernseife komme ich übrigens ein Jahr aus, sodass ich nicht nur Geschleppe, sondern auch Geld spare.

Leben ohne Plastik ist also nicht nur was für Besserverdiener?

Nein, überhaupt nicht. Jeder kann ohne Plastik leben. Selbst im Bio-Supermarkt an der Käsetheke gibt es manche Käsesorten für nur einen Euro pro 100 Gramm. Natürlich kosten manche Dinge mehr - eine Sahne im Glas ist teurer als die Bechersahne. Aber dieses Geld spare ich an anderer Stelle ein, zum Beispiel bei den Putz- und Waschmitteln. Unterm Strich spare ich Geld.

In Ihrem neuen Buch "Noch besser leben ohne Plastik" lernt man, dass man sogar Zahnbürsten aus Bambus kaufen und Mascara aus Bienenwachs und Aktivkohle selbst herstellen kann. Machen Sie das wirklich alles?

Na klar. Ich fände es jetzt auch nicht so schlimm, wenn eine Frau sagt, ich kaufe mir zweimal im Jahr Wimperntusche in der Plastikverpackung. Aber auch hier will ich andere Lösungen anbieten.

Im Freundeskreis gelten Sie wahrscheinlich als großer Moralapostel.

Gar nicht, weil ich auch niemanden bekehre oder belehre. Entweder jemand will was tun und fragt mich - dann kriegt er eine Antwort - oder eben nicht.

Sie geben keine ungebetenen Ratschläge?

Naja, wenn ich jemanden gut kenne, dann sage ich schon mal was. Ich habe zum Beispiel einer Freundin gesagt, sie soll ihr kleines Töchterchen nicht immer aus Plastikflaschen trinken lassen und die macht das jetzt auch, obwohl sie sonst nicht groß auf sowas achtet. 

Wo kommen selbst Sie nicht um Plastik herum?

Meine Klobürste ist aus Plastik (lacht). Ich habe mir eine aus Holz gekauft mit Naturborsten, aber die ist zu schnell geschimmelt. Deswegen habe ich jetzt eine aus Kunststoff mit Silikonlippe, die kann man hygienisch abwischen und über viele Jahre verwenden. Ich habe auch ein ganz normales Telefon, einen Fernseher und mein Staubsauger ist auch nicht aus Holz, weil es das nicht gibt. Aber das sehe ich nicht als Problem für die Umwelt, weil ich die Sachen lange benutze. Meine Kinder haben auch Lego und Playmobil und da habe ich nichts dagegen, das gibt man ja immer weiter, das ist ja kein Wegwerfplastik.

Sie sind jetzt so drin in dem Thema. Ärgern Sie sich da nicht ständig, weil Sie sehen, was alle anderen falsch machen?

Ich ärgere mich vor allem über die Industrie und die Politik. Natürlich reagiert die Industrie nur auf unser Konsumverhalten. Aber es ist ein totales Unding, dass man in Duschgels und Shampoos Mikroplastik und flüssiges Plastik verwendet, weil das die Leute nicht erkennen. Die Inhaltsstoffe stehen zwar drauf, aber die versteht doch keiner und sie sind außerdem so klein gedruckt, dass sich niemand damit beschäftigen will, wenn er im Drogeriemarkt steht. Um seinen Körper zu waschen, benötigt man kein Plastik im Duschgel. Das müsste einfach verboten werden. 

Wenn ich morgen anfangen will, Plastik zu vermeiden - wo soll ich anfangen?

Ich würde immer in der Küche anfangen, weil man Lebensmittel schneller aufbraucht als Shampoos und Duschgels und deswegen schneller auf andere Produkte umsteigen kann. Wenn morgen die Milch im Tetra Pak alle ist, einfach die Milch im Glas kaufen. Und dann sollte man unbedingt seinen Plastikmüll sammeln, um zu sehen wie er weniger wird. Das macht glücklich und motiviert zum Weitermachen.

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