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Polen: Appetit auf deutsche Häuser

Auswandern in den deutschen Nordosten: Da die Grundstückspreise für die meisten Polen in der Gegend um Stettin zu hoch sind, weichen sie einfach aus - nach Deutschland, in die Uckermark.

Wenn Konrad Modrzejewski in Löcknitz (Uecker-Randow-Kreis) den Hörer abhebt, wird oft polnisch gesprochen. Der 23-Jährige ist einer der ersten jungen Polen, die in Deutschland zum Immobilienexperten ausgebildet werden - zur richtigen Zeit. Seit dem EU-Beitritt Polens im Mai 2004 haben sich die Grundstückspreise in und um Stettin (Szczecin) verdoppelt. Seitdem registrieren Wohnungsgesellschaften und Makler auf der deutschen Seite der Grenze eine starke Nachfrage nach Wohnungen, sanierungsbedürftigen Immobilien und Firmensitzen. "In sechs Monaten wurden 14 Wohnungen und 8 Häuser veräußert, 4 Firmen angesiedelt", sagt Magdalena Pysz, die in Stettin eine Art deutsche Vermittlungs- und Kontaktstelle, das so genannte Nachbarschaftsbüro, leitet.

Leerstand in einer strukturschwachen Region

Konrad wundert das gewachsene Interesse der Polen nicht. Er wohnt in Stettin, kennt die Preise und kann vergleichen. Die Besonderheit: In keiner anderen Grenzregion steht eine Auslands-Großstadt mit 450.000 Einwohnern, davon 40.000 Studenten, einer so ländlichen und strukturschwachen Region mit den bundesweit niedrigsten Grundstückspreisen gegenüber. Die Uckermark in Nordbrandenburg und der Uecker-Randow-Kreis haben Arbeitslosenquoten von rund 30 Prozent. Ältere, pflegebedürftige Menschen kommen in Pflegeheime, die Kinder wandern auf Arbeitssuche gen Westen, Häuser, Wohnungen stehen leer.

In den teilweise verlassen wirkenden Dörfern sind Häuser mit Sanierungsbedarf samt Grundstück ab 6000 Euro zu kaufen, in Löcknitz selbst schon ab 25.000 Euro. "Das wäre in und direkt um Stettin unmöglich", sagt Konrad. Ähnliche Erfahrungen kann Wolfgang Horn, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Penkun, der mit 1200 Einwohner kleinsten Stadt Vorpommerns, vorweisen: "Bei uns kostet der Quadratmeter um 15 Euro, um Stettin bereits 35 Euro - Tendenz steigend."

Lockmittel Grenznähe

Kurz nach dem EU-Beitritt zogen Horn und Pysz immer dienstags mit potenziellen polnischen Käufern durch die Gassen Penkuns und über die Dörfer. "Wir wurden blitzartig überfallen, jetzt kommen noch viele, nur der ganz große Schub scheint vorbei", sagt Horn. Interessenten sind Stettiner oder Polen, die 20 Jahre in Deutschland gearbeitet, Rentenanteile erworben haben und in Grenznähe wohnen bleiben wollen. Penkun galt wie Löcknitz und das Oderhaff vor dem Zweiten Weltkrieg als Naherholungsort der Stettiner.

"Käufer suchen Ein- und Zweifamilienhäuser", berichtet Horn. Wie Krzysztof Tyson, ein 38-Jähriger Finanzbeamter aus Stettin, der mit seiner Familie nach Penkun will. "Wenn meine Tochter in Deutschland studieren will, ist das sehr zentral", meint er. Mit der bis Ende 2005 geplanten Fertigstellung der Autobahn 20 kann man sehr schnell bis Rostock und Greifswald, aber auch nach Berlin kommen. Bis Stettin sind es 15 Minuten. Nachbarschaftsbüro-Leiterin Pysz sagt: "Die Preise sind hier besser, auch Verwaltung und die Erschließung." Ihr Stettiner Büro haben mehrere Wohnungsgesellschaften und der Uecker-Randow-Kreis eingerichtet, für ihre Arbeit interessieren sich bereits Japaner und Amerikaner.

Ab 2007 auch umgekehrt möglich

Doch Lehrling Konrad sieht nicht nur auf deutscher Seite Möglichkeiten. "Unsere Generation hat sicher nicht mehr so große Probleme damit, dass auch Deutsche Immobilien in Polen kaufen dürfen", sagt er. Dann würde es mit der Altbau- und Wohnungssanierung in Stettin wohl schneller vorangehen. Bisher dürfen Deutsche laut Horn nur Gewerbeflächen in Polen erwerben, private Grundstücke "wohl erst ab 2007". Es scheine so zu sein, dass andere Staaten bereits deutlich mehr in der polnischen Metropole investieren, etwa Franzosen oder Schweden.

Winfried Wagner/DPA / DPA