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Privatschulen: Lasst uns eine Schule gründen!

Jede Woche eröffnet in Deutschland eine neue Privatschule. Die Gründer sind engagierte Eltern, Firmen und auch Stars wie Nena. Das Ziel: bessere Betreuung und mehr Förderung für die Kinder.

Von Ingrid Eissele

Die Kinderkosmos Schule in Esslingen bei Stuttgart hat keinen Hausmeister, keine Sekretärin, nicht einmal eine Putzfrau. "Das machen wir alles selbst", erklärt Stephanie Göhr, Mutter von zwei Kindern. Zum Beispiel an diesem Samstag: Schlosser Christoph Tropschuh bearbeitet mit der kreischenden Flex das Treppengeländer. Computerfachmann Oliver Laabs flickt den Zaun, Zahnärztin Kathrin Steinbach kehrt den Gehweg, und Buchautorin Stephanie Göhr erklärt einem interessierten Elternpaar die Idee der Schule.

Ob es darum geht, Materialien für den Unterricht zu beschaffen, Küche, Klo und Klassenzimmer zu putzen oder dem Lehrer zu assistieren - in Esslingen ist das alles Elternsache. Mindestens 20 unbezahlte Arbeitsstunden pro Monat leisten diese in der Regel. Doch niemand meckert. Auch nicht über die 250 Euro Schulgeld monatlich.

Unterricht auf Englisch

In der Berliner Phorms-Schule riecht es nach Farbe. Handwerker eilen durch die Flure der ehemaligen Fabrik. In der neuen Privatschule, deren Name sich aus den Begriffen "Form" und "Metamorphose" zusammensetzt, achten Lehrer darauf, dass die Kinder sich nach den Mahlzeiten die Zähne putzen, sich bewegen und auch im Unterricht trinken - denn "nur zwei Prozent Dehydrierung, und du kannst dem Unterricht nicht mehr richtig folgen", erklärt Schulleiterin Celia Budge. Der Großteil des Unterrichts findet auf Englisch statt, damit die kleinen Berliner möglichst akzentfrei ihre erste Fremdsprache lernen. Der Schulbus holt die Grundschüler morgens an der Haustür ab und bringt sie nach dem Unterricht wieder nach Hause. Die Schule als Rundum-sorglos-Paket kostet je nach Einkommen zwischen 280 und 950 Euro pro Monat.

Es herrscht Gründerstimmung in Deutschlands Schullandschaft. "Momentan explodiert es", sagt Jana Scheuer vom Bundesverband der Freien Alternativschulen und Geschäftsführerin der Freien Schule Pankow. Durchschnittlich jede Woche eröffnet eine neue Schule unter privater Leitung. "Bis zu 20 Prozent der Eltern würden ihr Kind gern auf eine Privatschule schicken", schätzt der Bundesverband Deutscher Privatschulen. Viele haben lange Wartelisten. An der Phorms-Schule melden Eltern heute schon ihre Kinder für das Jahr 2011 an.

Der Grund: Die bildungsbewusste Mittelschicht ist seit dem Pisa-Schock kritischer geworden. Mit den Schwächen staatlicher Schulen wollen sich viele Eltern nicht mehr abfinden. Sie prüfen Schulprofile, befragen andere Eltern, besuchen Informationsabende. Privatschulen verlangen Schulgeld, durchschnittlich 150 Euro pro Monat halbtags, 300 Euro ganztags - doch das nehmen immer mehr Eltern in Kauf. "Bildung ist uns mehr wert als eine Reise", bestätigt Trijntje Blaauwbroek aus Plochingen, die 325 Euro pro Monat für ihre beiden Söhne Sebastian, 6, und Florian, 7, zahlt und dafür beim Urlaub knapst. Schließlich verlangt auch die staatliche Schule immer mehr Geld für Bücher, Lernmaterialien und Mittagessen - da ist die Differenz zu einer Privatschule oft nicht mehr groß.

Schlechte Erfahrungen mit staatlichen Schulen

"Auch Eltern mit wenig Geld sind bereit, für eine Schule zu zahlen", sagt Anke Winkler, alleinerziehende Mutter aus Berlin. Besonders, wenn sie solche Erfahrungen gemacht haben, wie sie es tat. Ihr Sohn Jannis hatte sich auf die Grundschule gefreut. Doch schon bald fragte er weinend: "Ist es schlimm, wenn man dumm ist?" Seine Lehrerin stand meist vor der Klasse und betete nur den Stoff herunter - der klassische Frontalunterricht. Jannis langweilte sich, hampelte herum, seine Arbeiten waren voller Fehler. "Sie sollten keine so hohen Erwartungen an ihn stellen. Es muss auch Schlusslichter in der Klasse geben", urteilte die Lehrerin und empfahl, den Jungen auf Hyperaktivität zu testen. Doch Jannis war nicht hyperaktiv, sondern mit einem hohen Intelligenzquotienten schlicht unterfordert. Anke Winkler schickte ihn auf die Phorms-Schule. Nun, sagt sie, erzählt er "endlich mit leuchtenden Augen von der Schule".

Privatschulen orientieren sich an höchst unterschiedlichen Konzepten. So gibt es in der Esslinger Kinderkosmos-Grundschule weder feste Schulstunden noch Noten, Lehrer heißen "Begleiter" und dürfen geduzt werden. Wer will, kann zwischendurch auch toben, im Garten eine Höhle buddeln oder Papierflieger basteln. "Nicht-direktiv" nennt sich die Pädagogik nach dem Vorbild der Schulgründer Rebeca und Mauricio Wild, die darauf vertrauen, dass gesunde Kinder ihren Lernstoff aus eigenem Antrieb holen, allerdings in "anregender Umgebung" mit Werkstatt, "Tobezimmer" und Regalen voller Bücher und Rechenspielen.

Maßgeschneiderter Lehrplan

In der Berliner Phorms-Schule hingegen hat jedes Kind seinen maßgeschneiderten Lehrplan. Es soll nach seinem individuellen Tempo lernen - aber straff geführt. Nach dem Unterricht geht es im Gänsemarsch zwischen Lehrerin und Erzieherin auf den Pausenhof. Regeln sind wichtig, Leistungsbewusstsein ebenso. Etwas akribisch erforschen, kurz vor der Überforderung stehen - das sorge für Glücksgefühle, so Schulgründerin Béa Beste.

"Eltern erwarten von den Privaten, dass sie die Leistungen ihrer Kinder steigern", sagt Christian Lucas vom Privatschulverband. Noch wichtiger sei ihnen aber eine angenehme Atmosphäre, mehr Fürsorge und stärkeres Engagement der Lehrer. Seit Anfang der 1990er Jahre erhöhte sich die Zahl der Privatschulen hierzulande um fast 40 Prozent auf insgesamt 2765 freie Schulen, die 600.000 Schüler unterrichten. Die meisten davon werden von Kirchen getragen oder sind Waldorfschulen. Inzwischen liegt der Anteil der Privatschüler bei knapp sieben Prozent - noch wenig im Vergleich zu Frankreich mit fast 20 Prozent oder Holland, wo gar 70 Prozent der Kinder Privatschulen besuchen. Doch Deutschland holt auf.

Neue Elterngeneration

Die SchulGründer treibt nicht nur Frust, sondern auch die Lust, etwas Neues zu probieren. "Wir sind eine neue Elterngeneration, die die Ärmel aufkrempelt", sagt Béa Beste aus Berlin. Die meisten Schulen fangen klein an: Manche haben weniger Schüler als eine einzige Klasse einer Staatsschule. Der Esslinger Kinderkosmos hat zurzeit 11 Schüler und will nicht mehr als etwa 70 aufnehmen.

Die Anne-Sophie-Schule im nahe gelegenen Künzelsau begann im Herbst mit 48 Kindern, soll aber bis auf 700 Kinder anwachsen. Gründerin ist Bettina Würth, Tochter des Kunstmäzens und Milliardärs Reinhold Würth, die in der Schule vor allem die "natürliche Lust am Lernen" wecken will. In Karlsruhe gründete ein Firmenverbund die "Lernwerkstatt Technido", eine Ganztags-Grundschule, in der zurzeit zehn Kinder "nach neuesten Erkenntnissen der Lern- und Hirnforschung" unterrichtet werden.

Auch Prominente sind unter den Schulgründern: Popsängerin Nena hat in Hamburg eine alte Villa gekauft, um ihren Traum von einer "Schule ohne Zwänge und Ängste" zu verwirklichen. Dafür sucht sie Lehrer, "die mit dem Herzen lehren". Die Grund- und Gesamtschule soll sich am Sudbury-Modell orientieren: Schüler und Lehrer bestimmen gemeinsam Inhalt und Form des Unterrichts.

Im nahen Bergedorf wollen engagierte Eltern, darunter TV-Moderator Jörg Pilawa und seine Frau Irina Opaschowski, eine Montessori-Schule gründen. Sie haben schon Räume für ihre Schule im Blick: die alte Sternwarte der Universität.

Bildung im Visir

Selbst in Kindergärten grassiert das Gründerfieber: In den Kitas der "Kinderwelt Hamburg", die an 15 Standorten 750 Betreuungsplätze anbieten, gehören Lernwerkstätten zum Kinder-Alltag, genauso wie englischsprachige Erzieherinnen. "Seit Jahren haben wir das Thema Bildung im Visier", sagt Kinderwelt-Geschäftsführer Jörg Brettschneider. Jetzt will er seiner "Kinderwelt" eine Schule angliedern. "Immer wieder fordern Eltern, dass wir unser Konzept auf einer Schule fortführen." Seit einem Jahr plant ein Team von Pädagogen zunächst eine Grundschule. Ziel: Bildung von der Krippe bis zum Abitur.

In der Ganztagsschule sollen die Kinder in gemischten Altersgruppen lernen. 70 Prozent des Unterrichts sollen auf Englisch stattfinden. Das Konzept wurde mehrfach überarbeitet, damit es bei der Hamburger Schulbehörde eine Chance hat. Denn wer eine private Schule gründen möchte, muss ein besonderes Profil nachweisen. Grundschulen haben dabei die höchsten Auflagen.

Jeder "hat das Recht zur Errichtung von privaten Schulen" - so steht es in Artikel 7, Absatz 4 Grundgesetz. Die Schulpflicht gebietet, dass jedes Kind eine Schule besuchen muss, aber das kann eben auch eine genehmigte Privatschule sein. Vor allem wenn die staatlichen Schulen vor Ort schließen, weil ihnen die Schüler schwinden - so wie im Ostseestädtchen Rerik, wo Eltern einen Ersatz für die Regionalschule suchten, die 2002 schloss. "Es ging darum, überhaupt eine Schule zu haben", sagt Lehrerin Irina Hingst. Also gründeten sie die Freie Schule Rerik, die sich an die Montessori-Pädagogik anlehnt.

Gute Lehrer zu finden ist allerdings nicht so einfach. Denn die Reformschulen verlangen höheren Einsatz und "Herzblut", zahlen aber schlechter. "20 Prozent unter Tarif sind normal", sagt Stephanie Göhr vom Kinderkosmos in Esslingen. Gefragt sind deshalb vor allem junge, idealistische Lehrer, Einstiegsgehalt ab 2200 Euro.

Problem: Geld

Das größere Problem für die Esslinger Schulgründer war aber die Finanzierung: In der Filiale der Deutschen Bank hätten sich die Herren "totgelacht", als zwei Väter um einen Kredit von 100.000 Euro als Starthilfe baten. Erst die alternative Bochumer Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken rückte die Summe heraus. Im Gegenzug bürgten Gründungsmitglieder, Freunde und Verwandte mit jeweils 3000 Euro. "Patentanten, Omas, alle mussten ran", sagt Stephanie Göhr.

Das Kapital zusammenzubekommen ist fast immer die höchste Hürde. Denn die Schulgründer müssen nicht nur die Kosten für Umbau und Einrichtung tragen, sondern in den meisten Bundesländern drei Jahre lang Lehrergehälter, Miete, Schulbücher und Materialien zahlen. Wer durchhält, bekommt ab dem vierten Jahr einen staatlichen Zuschuss von 60 bis 70 Prozent - allerdings selten rückwirkend. Ausnahme: Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen erstatten die Hälfte der Kosten für die Startphase.

Der Esslinger Kinderkosmos muss noch ein Jahr auf Zuschüsse warten. Die Edelstahlküche hat die Kirche spendiert, die Regale im Klassenzimmer stammen von Bekannten. Eltern verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt Adventskränze, um das Budget aufzubessern. Ein neues Treppengeländer im Haus wäre nötig, weil das alte zu niedrig ist, "doch dafür haben wir kein Geld". Also sägen Väter Holzpfosten zurecht und montieren Platten - nicht besonders schön, aber so hoch, wie es die Unfallversicherung vorschreibt.

Jede Menge Vorschriften

Vorschriften gibt es jede Menge. Drei Klos sind Bedingung auch für die kleinste Schule. Eines für Mädchen, eines für Jungen, eines für Lehrer. Wer in der Schule ein Mittagessen servieren will, muss zuvor einen Kurs des Gesundheitsamtes besuchen. Auch der Zaun um die Schule ist genormt. Der Abstand zwischen den Latten "darf nicht schmaler als drei Zentimeter sein", erklärt Vater Oliver Laabs. "Weil sonst ein Kinderfinger stecken bleiben könnte." Er darf aber keinesfalls breiter als elf Zentimeter sein, damit kein Kopf dazwischen festklemmen kann.

Die Lösung solcher Probleme hat die Phorms-Schule in Berlin längst hinter sich. In den ehemaligen Räumen der Technischen Universität ist die Ausstattung vom Feinsten. Die Schüler lernen an einer computergesteuerten Tafel. Hat Theo die Zahlen mit einem Fingerdruck auf dem Zahlenfeld richtig addiert, piepst eine kleine Schlange: "Verrry goood!" Zählt er falsch zusammen, ermuntert sie ihn: "Oh dear, please try again!"

Die Phorms-Schule startete mit einem Kapital von einer halben Million Euro für Umbau und anderthalb Jahre Schulbetrieb. Denn anders als die Esslinger Initiative hat Phorms Investoren im Rücken, darunter Sony-BMG-Manager Rolf Schmidt-Holtz und Alexander Olek, Gründer eines Biotech-Unternehmens. Statt eines Vereins gründeten Wirtschaftsingenieurin Béa Beste und ihre Mitstreiter ein "kleines feines Unternehmen", eine Mini-Aktiengesellschaft, die Anleger locken soll. Bevor sie sich ans Werk machten, erstellte Mathematiker Peter Adorjan einen Businessplan für die Schule. Den Standort fand Béa Beste mit Wirtschaftsberatern der Stadt Berlin.

Nicht nur idealistische Gründe

Gelehrt wird nach dem staatlichen Lehrplan und dem "Cambridge International Programm". Die Kinder können Abitur mit internationalem Bildungsabschluss machen. Zurzeit hat die Berliner Schule vier Klassen mit 61 Kindern, gut 800 sollen es einmal werden. Ableger sind in München, Hamburg und Frankfurt geplant, eventuell sogar im Ausland. Als Filial-Unternehmen könnte sich das Projekt rechnen, glaubt Béa Beste. Ziel: "McDonald's statt Würstchenbude".

Die Zeiten, in denen Schulen allein aus idealistischen Motiven gegründet wurden, seien vorbei. "Wir wollen beides, wirtschaftlich und idealistisch sein. Unsere Investoren wollen keine fetten Gewinne, aber in sechs, sieben Jahren eine kleine Rendite."

Mitarbeit: Catrin Boldebuck

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