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Pro und Contra zu Zigaretten am Arbeitsplatz Sollen Raucherpausen verboten werden?


50 Minuten am Tag haben Raucher im Job Extrapause. Soll das verboten werden? Gernot Kramper sagt ja: "Wer nicht raucht, dem werden Beine gemacht." Niels Kruse hält dagegen.

Albtraum Stinker-Privilegien

Jeden Tag, wenn man zum Kopierer hetzt, sieht man sie: die Raucher. Beim Drehen, beim Plausch, bei einer "gemütlichen Zigarette". Riechen kann man sie schon, bevor sie in Sicht kommen: Sie stehen in und um sogenannte Raucherkabinen herum. Besonders gesellige Tabakfreunde haben mit Barhockern und Astra-Aufklebern echte Thekenatmosphäre in ihre Box gebracht – nur die Zapfanlage fehlt noch.

Ob die Filter in den Kabinen nun nichts taugen oder ob die Raucher sich zu gern von außen an ihr Büdchen lehnen, ist egal: Mit der rauchfreien Atmosphäre im Haus ist es im 20-Meter-Umkreis vorbei. Die kleinen Innenhöfe im Gebäude sind bei Sonnenschein natürlich auch von Rauchern okkupiert. Sie lassen improvisierte Aschenbecher zurück, die solange im Regen einweichen, bis sie von einem entnervten Nichtraucher weggeräumt werden. Wer nicht im Mief zwischen Kippen sitzen will, für den sind die Innenhöfe gestorben.

Wer nicht raucht, dem werden Beine gemacht

Am Schlimmsten ist es aber, dass die Raucher ihre Abhängigkeit zur nationalen Aufgabe erklärt haben. Man fühlt sich schon als Neidhammel, wenn man den armen Süchtigen ihre kleine Pause nicht gönnt. Klein? Vielleicht für Gelegenheits-Smoker, die sich die tägliche Zigarette auch gut verkneifen könnten. Bei den Boxenstehern sind es eher zehn Zigarettchen – mit Hin- und Rückweg und gelegentlich noch einem Kaffee macht das 50 Minuten Extra-Pause. Jeden Tag.

Das wäre vielleicht noch okay, wenn der Rest der Mitarbeiter in einem Entschleunigungs-Betrieb arbeiten würden. Tun sie aber nicht. Da muss man sich nichts vormachen: Die Arbeit einer Abteilung wird nicht weniger, nur weil sie drei Tabakjünger hat. Wer nicht raucht, dem werden also Beine gemacht.

Medizinisch gebotene Pause?

Bei Rauchern hingegen wird nie etwas gesagt, schließlich ist es eine Sucht. Die Armen. Also ist ihre Pause irgendwie medizinisch geboten. In Deutschland wird das Laster belohnt und gefördert. Die Firma trägt nicht nur willig den massiven Arbeitsausfall, für viel Geld werden Boxen eingerichtet und Ablufteinrichtungen installiert. Aber gibt es auch einen Baby-Raum oder eine rauchfreie Lounge, wo in edle Sitzgelegenheiten statt in Filtertechnik investiert wird? Oder Entspannungsliegen für die – unbezahlte – Mittagspause? Nein, natürlich nicht. Die Zeiten sind eben hart.

Dann muss aber auch Schluss sein mit den Privilegien der Tabak-Stinker. Wer nicht aufhören kann, dem soll die Firma beim Ausstieg helfen. Gern auch mit Akupunktur und Massagen. Aber die kollektive Rücksicht auf eine Marotte, die nichts als ein schlechte Angewohnheit ist, muss endlich aufhören.

Mehr Pausen für alle

Die Argumentation der Arbeitgeber hat sich in den vergangenen, sagen wir, 14 Jahren nicht wesentlich geändert - nur das Ziel ist mittlerweile ein völlig anderes. Anfang 1998 hatte der Bundestag das erste Nichtraucherschutzgesetz beschlossen und sofort präsentierten die Unternehmerverbände Zahlen, nach denen eine Umsetzung die Betriebe 3,5 Milliarden Euro kosten würde. Resümee der Arbeitgeber damals: zu bürokratisch, finanziell unzumutbar, Gefahr für den Standort Deutschland - die üblichen Untergangsszenarien eben. Schlussfolgerung: Sollen die Leute doch einfach qualmen wo sie wollen. Das Portemonnaie war den Firmeninhabern schon immer näher als die Gesundheit ihrer Angestellten.

Daran hat sich auch im Jahr 2012 nicht viel geändert, obwohl Raucher mittlerweile einen nur unwesentlich besseren Ruf genießen als Kriegsverbrecher oder Kinderschänder. Jetzt fordert die mittelständische Wirtschaft die letzte Zuflucht der Süchtigen abzuschaffen, die Raucherpause. Gleiche Begründung wie immer: die Kosten. Interessant dabei ist, dass die Wirtschaft immer nur dann in Regulierungswut verfällt, wenn es irgendwie um "Unkosten" geht. Sich aber eine Einmischung verbittet, wenn "weiche" Themen auf der Tagesordnung stehen, wie etwa die Frauenquoten oder flexible Arbeitszeiten.

Luft für kreatives Arbeiten

Dabei geht es im Grunde um dieselbe Sache: Nämlich die hohe Kunst, einen Betrieb zu schaffen, in dem soviel Freiheit wie möglich und soviel Zwang wie nötig herrscht. Unzählige Studien lobpreisen die Vorteile selbstbestimmter Arbeitszeiteinteilung, und nicht wenige Unternehmen wenden sie erfolgreich an. Google zum Beispiel. Die Suchmaschinenfirma verdient auch deswegen sehr viel Geld, weil sie ihre Beschäftigten nicht den liebenlangen Arbeitstag an den Computer fesselt, sondern ihnen Platz und Zeit für Spielereien und Spinnereien, fürs Abschalten und fürs Akkuaufladen einräumt. Kurzum: ihnen Luft für kreatives Arbeiten verschafft.

Vielleicht ist das Beispiel etwas unfair, denn nur die wenigsten Menschen verdienen ihr Geld bei solchen innovativen Hightechunternehmen und viele Arbeitsplätze eignen sich schlicht nicht für einen Spaziergang um den Block oder für eine Kippe: etwa der Bankschalter, die Supermarktkasse oder das Fabrikband. Für letzteres aber gilt schon seit fast 40 Jahren die "Steinkühlerpause". Sie erlaubt den Akkordarbeitern eine fünfminütige Auszeit pro Stunde - zum Pinkeln etwa. Aber wie will man ernsthaft verhindern, dass die zum Rauchen genutzt wird anstatt für den Toilettengang? Oder gar beides miteinander auf einmal?

Pause ist nicht gleich Kosten

Google (wo Raucher ohnehin nicht gerne gesehen sind) aber hat verstanden, dass Arbeit nicht zwingend ausschließlich am originären Arbeitsplatz stattfinden muss. Denn die simple Rechnung der Wirtschaftslobby 'Pause gleich Kosten' geht nicht auf. Und wer weiß schon, wie viele Produktideen und Sparpotenziale in der Raucherecke oder an der Kaffeemaschine ersonnen wurden, weil die Köpfe der Menschen fünf Minuten lang einmal nicht eingezwängt waren im Schraubstock der Routine?

Die Losung sollte also heißen: Mehr Freiraum für alle - Raucher UND Nichtraucher!

In eigener Sache: Dieser Text ist mit Hilfe von drei Zigarettenpausen entstanden.


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