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Prozess gegen Ex-Vorstand der HSH Nordbank: Dr. No auf der Anklagebank

In Hamburg beginnt ein Prozess mit Signalwirkung: Der gesamte Ex-Vorstand der HSH Nordbank um Dirk Nonnenmacher steht wegen Fehlern in der Finanzkrise vor Gericht. Den Managern drohen Haftstrafen.

Von Alexander Sturm

Es ist schon jetzt einer der aufsehenerregendsten Wirtschaftskrimis Deutschlands: Erstmals muss sich der komplette Vorstand einer Bank wegen Verfehlungen in der Finanzkrise vor Gericht verantworten. Dirk Jens Nonnenmacher, Ex-Chef der HSH Nordbank und fünf weitere Vorstandsmitglieder sind am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht Hamburg wegen der Veruntreuung von Bankvermögen im besonders schweren Fall angeklagt, Nonnenmacher zusätzlich wegen Bilanzfälschung. Sie sollen leichtsinnig hohe Verluste der Landesbank in der Finanzkrise verursacht haben, welche die Eigner, die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein, mit Steuergeld ausgleichen mussten.

Mehr als 600 Seiten zählt die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Sie wirft den Bankmanagern vor, vorsätzlich und vorhersehbar einen Vermögensschaden von fast 160 Millionen Euro verursacht zu haben. Das Verfahren wird Monate dauern, mehr als 40 Verhandlungstermine sind bis ins Jahr 2014 festgelegt - zu komplex ist die Schuldfrage beim umstrittenen "Omega"-Finanzgeschäft, das im Mittelpunkt des Prozesses steht.

Eine Reizfigur vor Gericht

Nonnenmacher als prominentester Angeklagter gilt in Hamburg und Schleswig- Holstein schon länger als Reizfigur. In Bankenkreisen in Anspielung auf einen James-Bond-Film "Dr. No" genannt, musste der Banker mit den nach hinten gegelten Haaren im März 2011 seinen Posten als HSH-Chef aufgeben. Er blieb bis zuletzt umstritten: Falsche Kinderporno-Vorwürfe gegen einen HSH-Manager in der New Yorker Filiale und die heimliche Überwachung von Kritikern der Bank wurden ihm ebenso angelastet wie die großen Verluste, gleichzeitig bekam er hohe Boni und eine millionenschwere Abfindung.

Beim Prozess in Hamburg steht jedoch nicht all dies zur Debatte, sondern allein das komplizierte "Omega"-Finanzgeschäft, das Nonnenmacher und die übrigen Manager im Vorstand 2007 beschlossen. In jenem Jahr geriet die Bank in Geldnot, Ratingagenturen drohten sie herabzustufen. Das hätte einen ambitionierten Plan gefährdet: Die HSH sollte an die Börse - so wollten es auch die Eigner Hamburg und Schleswig-Holstein.

Um die Kapitaldecke zu stärken, griffen Vorstandschef Hans Berger und Nonnenmacher, damals noch Finanzvorstand bei der HSH Nordbank, zu einem raffinierten Überkreuzgeschäft: Sie beschlossen, Immobilienkredite bei der französischen Bank BNP Paribas gegen einen Ausfall versichern zu lassen. Somit entfiel für die HSH die Pflicht, 160 Millionen Euro Sicherheiten dafür zu hinterlegen - die Eigenkapitalquote stieg. Im Gegenzug nahm die Landesbank den Franzosen ein 400 Millionen Euro schweres Paket von strukturierten Wertpapieren ab - darunter isländische Staatsanleihen und Zertifikate der späteren Pleite-Bank Lehman Brothers. Nach Ansicht des Hamburger Rechtsanwalts Gerhard Strate, der die Ermittlungen ins Rollen brachte, ging es bei dem Geschäft darum, die Eigenkapitalquote für den Börsengang üppiger aussehen zu lassen, als sie tatsächlich war.

Leichtsinniges Risikomanagement

Als die Finanzkrise sich verschärfte, musste die Bank 330 Millionen Euro auf den Omega-Deal abschreiben. Ein Teil des Wertverlusts wurde bis zur Auflösung der Geschäfte 2010 wieder aufgeholt, laut Staatsanwaltschaft blieb aber ein Minus von 158 Millionen. Bankchef Berger musste gehen, Nonnenmacher übernahm das Ruder. Wenig später mussten Hamburg und Schleswig-Holstein die Bank mit Milliardenhilfen vor dem Aus retten. Die Staatsanwaltschaft argumentiert nun, der Vorstand habe das Omega-Geschäft im Eilverfahren genehmigt: Mit den vorliegenden Kreditunterlagen sei es unmöglich gewesen, die Risiken abzuwägen; der Vorstand habe seine Pflichten verletzt. Die Beschuldigten weisen das zurück und sprechen von einem üblichen Bankgeschäft.

Nonnenmacher und ein weiterer Manager sind darüber hinaus wegen "unrichtiger Darstellung" angeklagt, was dem Vorwurf der Bilanzfälschung gleichkommt. Sie sollen das Omega-Geschäft im Bericht für das erste Quartal 2008 wie einen normalen Kredit zum Anschaffungswert und nicht zum in der Zwischenzeit gesunkenen Marktwert bilanziert haben. So wurde aus einem Verlust von 31 Millionen ein Gewinn von 81 Millionen Euro. Die Bank räumte den Fehler ein, die Finanzaufsicht Bafin verhängte ein Bußgeld.

Nonnenmacher droht Gefängnisstrafe

Gegen den Vorwurf der absichtlichen Bilanzfälschung aber wehrt sich Nonnenmacher: "Eine falsche Bilanz ist keine gefälschte Bilanz", rechtfertigte er sich 2010. Ihm und den übrigen Vorstandsmitgliedern drohen im Schuldfall hohe Gefängnisstrafen. Für Untreue in schweren Fällen können laut Strafgesetzbuch Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verhängten werden, für Bilanzfälschung laut Aktiengesetz bis zu drei Jahre. Ob die Manager um Nonnenmacher mit ihrem Standpunkt durchkommen, muss nun das Hamburger Gericht entscheiden.

mit Reuters/DPA / DPA