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Radikalreform des Gesundheitssystems: Techniker-Chef will mit Privaten konkurrieren

Norbert Klusen will eine radikale Reform: Der Vorsitzende der Techniker Krankenkasse fordert das Ende des Zwei-Klassen-Systems und will mit den Privaten konkurrieren.

Von Timo Pache

Einer der prominentesten Krankenkassenchefs will die jahrzehntealte Trennung zwischen privater und gesetzlicher Versicherung aufheben. "Meine Vorstellung ist: Langfristig muss der Unterschied zwischen Privatpatient und Kassenpatient verschwinden", sagte Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), der "Financial Times Deutschland" (FTD). Dazu sollen die gesetzlichen Kassen umgewandelt werden: von Körperschaften des öffentlichen Rechts in Aktiengesellschaften oder Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit - so empfiehlt es ein Gutachten, das der FTD in Auszügen vorliegt.

Damit will Klusen das deutsche Gesundheitssystem radikal reformieren. Private und gesetzliche Anbieter könnten künftig unter den gleichen rechtlichen Bedingungen gegeneinander antreten - oder miteinander kooperieren. "Wir müssen die Frage beantworten, ob die heutige Trennung von privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen noch sinnvoll ist oder ob wir nicht besser die beiden Systeme zu einem einheitlichen Versicherungsmarkt mit mehr Wettbewerb und Durchlässigkeit entwickeln", sagte Klusen.

Anfang einer neuen Debatte

Die beiden Formen sind heute nach Berufs- und Einkommensgruppen getrennt. Beide Gefüge kämpfen mit enormen Problemen. Die gesetzlichen Kassen stehen im Ruf, trotz stetig steigender Beiträge schlechtere Leistungen zu bieten als die private Konkurrenz. Die PKV wiederum kämpft mit dramatisch steigenden Kosten und Versicherungsprämien.

Klusens Vorstoß dürfte nur der Anfang einer neuen Debatte sein. Kaum ein Aspekt der Gesundheitspolitik ist so umstritten wie die heute noch strikte Unterteilung in gesetzliche Kassen und private Versicherungen (PKV). Die Kassen versichern rund 72 Millionen Menschen, die PKV zählt lediglich rund acht Millionen Kunden.

Normalerweise sind gesetzliche Kassen eher dafür, die private Konkurrenz auszutrocknen - nicht aber für Wettbewerb zu den Bedingungen der PKV. Nun vollzieht Klusen die Kehrtwende: "Die Zeit ist reif, um über Veränderungen nachzudenken", sagte der TK-Chef, der im Sommer ausscheidet. Das Gutachten solle die Debatte neu beleben und versachlichen. Es sei ein erster Schritt, "wie wir die starren Grenzen zwischen privat und gesetzlich öffnen könnten", sagte Klusen.

Seine Reform würde vor allem den Krankenkassen die Möglichkeit geben, eigene Zusatzleistungen anzubieten oder direkt bei Ärzten, Krankenhäusern und Pharmakonzernen einzukaufen. An der heutigen Finanzierung durch einkommensabhängige Beiträge und am gesetzlich definierten Leistungskatalog wollen die Gutachter ausdrücklich nicht rütteln. Umgekehrt soll auch die PKV ihre heutigen Privilegien wie die Auswahl ihrer Versicherten behalten dürfen.

FTD