Ratiopharm "World in Balance": Ein Cent für Äthiopien


Im Herbst 2006 sägte Ratiopharm die bisherige Werbung mit den lächelnden Zwillingen Folke und Gyde ab und damit auch den etwas zweideutigen Werbeslogan "Da gibt's doch was von Ratiopharm!" An deren Stelle trat die Image-Werbung "World in Balance", ein Projekt, das Hilfsorganisationen unterstützen will, die in Afrika tätig sind.

Künftig soll es also nicht mehr 2,5 Prozent pro verordneter Packung für den Arzt geben, sondern 1 Cent pro Packung für Afrika. Die Ärzte bekommen nun eine moralische Gratifikation, weil sie, in dem sie Ratiopharm verordnen, Gutes für die Hungernden in Afrika tun.

Als erster Partner von "World in Balance" wurde die Stiftung des ehemaligen Schauspielers Karl-Heinz Böhm mit 1,7 Millionen Euro bedacht. Böhms Organisation "Menschen für Menschen" finanziert in Äthiopien den Bau von Schulen, Krankenhäusern und Brunnen.

Angepriesen wird "World in Balance" auf der Homepage reichlich verschwurbelt als "ein Brückenschlag zwischen Jugend und Alter, Schwarz und Weiß, Ost und West, Süd und Nord, zwischen Kunst und Industrie, Zivilisation und Ökologie, Leben und Tod oder Arm und Reich." Ende 2006 erschienen Fernsehsports und ganzseitige Anzeigen in "Spiegel" oder "Bunte" von "World in Balance", auf denen Philipp Daniel Merckle zusammen mit Karl Heinz Böhm abgebildet sind, ins Gespräch vertieft.

Darunter steht ein Text, der bis im ganzen Duktus wie von Merckle selbst formuliert wirkt:

"Verantwortung ist nicht nur ein Wort. Verantwortung ist Begegnung: Mit allem, was auf unserem Lebensweg liegt - aktiv gestaltende Begegnung. Philipp Daniel Merckle, gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der neu gestalteten ratiopharm, richtet die Pharmaindustrie seit Herbst 2005 nach ethischen Richtinien an führender Stelle neu aus. ,Weil wir herausfinden müssen aus entseelten Systemen, aus dem Austauschbaren und der Gleichgültigkeit. Es geht um viel; in jedem Leben.' Verantwortung. Präzision. Und: Liebe."

Merckles Anspruch schien mittlerweile grenzenlos: Nicht nur sein Unternehmen, nein, "die Pharmaindustrie" wollte er ethisch neu ausrichten. Das PR-Branchen-Blatt "Horizont" kommentierte die "World in Balance"-Kampagne bissig:

"Vor dem Hintergrund der Vorwürfe, dass die Firma versucht haben soll, Ärzte zu bestechen, auf dass diese bevorzugt Ratiopharm-Produkte verschreiben sollen, liest sich der Anzeigentext wie die Predigt eines Pfarrers, der bei der Beisetzung eines Übeltäters mit frommen Worten ablenkt von den Missetaten und davon erzählt, dass der Verstorbene nun ein guter Mensch ist, der im Himmel angekommen ist und zur Harfe ein Halleluja singt. Amen. Das klingt nicht nur wie Realsatire. Das ist Realsatire. Und wenn der Firmenchef, der von der Austauschbarkeit klassischer Medikamente lebt, von ,Liebe' spricht, dann kann damit nur die Liebe gemeint sein, die jeder Unternehmer hat: Liebe zum Profit."

Text aus: "Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert" von stern-Reporter Markus Grill (Rowohlt-Verlag)


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