HOME

Reformen: Praxisgebühr bereitet kaum größere Probleme

Die Einführung der Praxisgebühr hat trotz teilweise harscher Kritik von Ärzten und Patienten nicht zu größeren Problemen geführt. Außer Zähneknirschen bei den Patienten gab es nur Ärger über die Mehrarbeit.

Die Einführung der Praxisgebühr hat trotz teilweise harscher Kritik von Ärzten und Patienten nicht zu größeren Problemen geführt. Während Mediziner und Klinikbeschäftigte über den zusätzlichen Arbeitsaufwand klagten, lieferten die meisten Patienten zähneknirschend ihren seit 1. Januar fälligen Obolus von zehn Euro in bar ab. Wie eine Umfrage am Freitag außerdem ergab, könnte die eigentliche Belastungsprobe für das System noch bevorstehen, wenn nächste Woche mehr Praxen geöffnet sind.

Stärkung der Patientenrechte gefordert

Unterdessen bezeichnete es Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt als unzulässig, dass Ärzte Beratungen zu jenen Leistungen privat in Rechnung stellen wollen, die die Kassen nicht mehr erstatten dürfen. Die neue Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, forderte bei ihrem Amtsantritt mit Nachdruck eine Stärkung der Patientenrechte.

Große Unsicherheit wegen Praxisgebühr

Nach Worten von Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe herrscht bei vielen Patienten wegen der Praxisgebühr noch große Unsicherheit. "Die Leute kennen die Vielgestaltigkeit des Systems nicht", sagte er. So glaube mancher Patient, er müsse zunächst beim Hausarzt seine zehn Euro bezahlen, um dann einen Facharzt aufsuchen zu dürfen. "Unser Gesundheitswesen begibt sich jetzt auf seine Rüttelstrecke", meinte Hoppe. Bis sich das neue Verfahren eingespielt habe, würden wohl ein bis zwei Jahre vergehen.

Über Bonusmodelle der Kassen Geld zurückholen

Die von Regierung und Union im Vorjahr mit der Gesundheitsreform beschlossene Praxisgebühr wird fällig beim ersten Arzt- und Zahnarztbesuch im Quartal, auch wenn es dabei nur um die Ausstellung eines Rezepts geht. Bei Überweisung an einen Facharzt, Kontroll-Besuchen beim Zahnarzt, Schwangerschaftsvorsorge oder Schutzimpfungen entfällt die Gebühr. Über Bonusmodelle der Kassen können sich Versicherte die Praxisgebühr dann ganz oder teilweise zurückholen.

Kassenärzte bezweifeln Spareffekt

Die Kassenärzte haben Zweifel, ob die Praxisgebühr den von Ministerin Schmidt erhofften Spareffekt haben wird. Das Reformkonzept könnte den Steuerungseffekt haben, dass die Patienten doppelt überlegen, bevor sie zum Arzt gehen, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Manfred Richter-Reichhelm, im NDR. Einsparungen - und die damit angestrebte Senkung der Krankenkassenbeiträge - werde es wohl nicht in der von Schmidt erhofften Höhe geben. Insgesamt sollen Praxisgebühr und weitere Zuzahlungen laut Ministerium rund 3,2 Milliarden Euro bringen.

Viele Patienten kamen noch im alten Jahr

Viele Ärzte schränkten in der Umfrage ein, dass noch relativ wenige Patienten die Sprechstunden besuchten. Viele seien im alten Jahr gekommen, um sich Praxisgebühr und höhere Medikamenten- Zuzahlungen zu sparen.

Hoher Verwaltungsmehraufwand in Krankenhäusern

Auf die Krankenhäuser kommen durch die Gebühr nach den Worten von Prof. Jörg Debatin vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) Probleme zu. "Weil die Patienten im Krankenhaus nicht cash bezahlen können, ist mit viel Verwaltungsaufwand, aber auch zusätzlichen Kosten und Mindereinnahmen zu rechnen." Hoppe sagte, auch für die Arztpraxen bedeute die Praxisgebühr eine große Umstellung. "Die meisten Ärzte müssen das Geld in bar nehmen, weil sie elektronisch noch nicht ausgerüstet sind für eine Zahlung mit Bankkarte."

Feststellung der Sehstärke bleibt Kassenleistung

Schmidt sagte zu einem Bericht im Magazin "Stern", zwar gebe es keinen Zuschuss mehr zu Brillen; die Feststellung der Sehstärke sei aber weiter eine Kassenleistung, welche die Vertragsärzte nicht privat in Rechnung stellen dürften. "Alles, was medizinisch notwendig ist, zahlt die Krankenkasse." Wenn ein Arzt trotzdem eine Rechnung stelle, sollten die Patienten nicht zahlen.

Patienten zur 'aktiven Mitarbeit' aufgefordert

Auf Vorschlag der Gesundheitsministerin hatte das Kabinett Kühn-Mengel bis zum Ende der Legislaturperiode zur Patientenbeauftragten ernannt. Kühn-Mengel forderte Patienten zur aktiven Mitarbeit auf: "Die Zeit von Herrschaftswissen ist vorbei." Patienten sollten sich für mehr Information, ein transparentes Gesundheitswesen und eine hochwertige Qualität in der Versorgung einsetzen.

DPA