Schweinemast Harte Zeiten für Schweine - und Züchter


In der Werbung, als Glücksbringer, auf dem Teller: Das Schwein ist zweifellos begehrt. Doch die Zukunft sieht für Tier und Halter nicht rosig aus. Wer nicht billig produziert hat keine Chance - doch viele wissen nicht wie.
Von Monica Pucci

"Saugut", "saudumm", "Sparschwein", "Schwein gehabt" - das Schwein ist nicht nur als Schnitzel in aller Munde. Kaum ein anderes Tier erfreut sich derzeit in Deutschland größerer Beliebtheit als das Schwein - besonders seit eine Einzelhandelskette mit einem sprechenden Schwein wirbt, das "saubillige Preise" verspricht und am Ende weiß: "Ich bin doch nicht blöd". Doch live sieht der Verbraucher das Schwein vermutlich nur noch im Zoo. Im Gegensatz zum cleveren Werbeschweinchen sieht die wahre Welt der echten Tiere und ihrer Halter kein bisschen rosig aus - stern.de hat eine Fortbildung für Schweinehalter besucht und dabei hinter die Kulissen der abgeschotteten Billig-Schweineproduktion geblickt.

Fortbildung für 15 Euro

Niederbayern. Tiefstes Niederbayern. Der Landshuter Taxifahrer muss erst mal telefonieren, bis er den Gasthof Lackermeier in Edenland findet. Davor parken die Autos dicht gedrängt. Einfach gekleidete Männer steigen aus, schütteln sich die Hände. "Habe die Ehre" hier, "Griaß eich" dort. Man kennt sich. 15 Euro Eintritt gezahlt, Quittung in der Hand, hinein in den Saal. Ein heller Raum, pastellfarbene Wände, rosa Stoff-Vorhänge, rosa Tischdecken. Am Eingang hängt ein großes Kruzifix, an der Decke Diskokugeln. Die Handys müssen alle ausgeschaltet werden, denn: "Wer wichtig ist, der broacht koa Handy", meint der Moderator der "Schweinefachtagung 2006".

Was heute vom "Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung" erzählt werden wird, ist den Bauern nicht neu. Die Tagung findet jedes Jahr statt. Nur die Anzahl der Teilnehmer schrumpft von mal zu mal: In den vergangenen zehn Jahren hat in Niederbayern jeder zweite Schweinehalter das Handtuch geworfen. Im restlichen Bundesgebiet auch.

Schwein? - Aber bitte billig!

Dabei ist seit dem BSE-Skandal Schweinefleisch begehrt wie noch nie. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. In Deutschland werden heute jährlich über 48 Millionen Schweine geschlachtet, zwölf Prozent mehr als vor fünf Jahren. Viel Fleisch geht auch in den Export, die aufstrebenden Chinesen sind wahre Nimmersatts. Hierzulande isst jeder Deutsche rund 40 Kilo im Jahr. Möglichst billig, versteht sich.

Das haut ein Schlachthofbetreiber jetzt den Bauern um die Ohren. Im Namen der Verbraucher wünscht er sich "magerfleischreiche" Schweine, bei "stabilen Gewicht" mit "hoher Stressresistenz". Die "Schinkenausprägung" sollten sie "halten, aber nicht weiter forcieren". Und selbstverständlich "kontinuierlich liefern", damit das Haken-Förderband für die Schweinehälften auch immer gut ausgelastet ist. Aber zahlen kann der Herr Schlachthofbetreiber natürlich nicht viel. "Spitzenpreise wie 2001 sind unrealistisch", behauptet er. Der Markt gebe nicht mehr her. Das führt dazu, dass ein Bauer für ein lebendes Schwein, das er in knapp sechs Monaten auf etwa 115 Kilogramm gemästet hat, heute höchstens 140 Euro bekommt. Sau-, sau-, saubillig.

Die jungen Leute steigen aus

Es rumort in der Zuhörerschaft. "Die Vorgaben kömma einfach net erfüllen", protestiert einer. Die Referenten empfehlen mit schönen Worten die "wettbewerbsfähige Schweineproduktion" mit "guter Futterverwertung" durch die Tiere, hohen "Tageszunahmen" und geringen Verluste durch Krankheit. Alles Forderungen, die Klein- und Mittelbetriebe mit weniger als 400 Mastschweinen kaum erfüllen können. Ihnen fehlt beim Einkauf der Mengenrabatt und die Kraft zur Investition. Kein Wunder, dass immer mehr aufgeben. Der Druck ist enorm. "Wo san denn die jungen Leit? Die steigen aus, weil sie die Schnauze voll haben!", ruft einer.

Andere steigen ein. Industrielle Großproduzenten aus Holland und Dänemark betreiben in Ostdeutschland bereits "Ställe" mit mehr als 60.000 Schweinen, wo die Tiere niemals das Tageslicht sehen. Bundesweit hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Mastschweine pro Stall mehr als verdreifacht. Und der Konzentrationsprozess geht unaufhaltsam weiter. Von den heute 21.000 Mastschweinehaltern in Bayern werden 2020 nur noch 1300 übrig sein, prognostiziert ein Referent erbarmungslos. Statt heute 225 werden sich dann 1500 Schweine in den Ställen drängeln. Kein Zweifel: Auf das Schwein kommen harte Zeiten zu.

Großinvestoren steigen ein

Nicht mehr ein Bauer wird sie mästen, sondern irgendein Investor. Der Marktanteil der Profibetriebe wird von 50 auf 90 Prozent der Gesamtproduktion steigen, sagt der Herr Agrarökonom aus München. Es rumort wieder im Publikum. "Visionen statt Illusionen", empfiehlt er. "Weit in die Ferne blicken, Strategien entwickeln." Der Mann gerät ins Schwärmen. "Do what you do best!", ruft er den Niederbayern zu und erntet verdutzte Gesichter. Nur gut dass der Biernachschub nie versiegt und die feschen Bedienungen zu Mittag - was sonst? - Schweinefilet mit Spätzle servieren.

"Das Jammern muss aufhören!" beschwört ein hessischer Agrarier mit Doktortitel die Landwirte. Er selbst verdient sein Geld damit, dass er in ungezählten Gremien sitzt. Das Wort "Bauer" nimmt er nicht in den Mund. Sein Leitbild ist der "landwirtschaftliche Unternehmer" mit seinen "kristallklaren" Analysen und einem "gnadenlosen" Optimismus. Wenn der Tobak zu stark wird, streut er Witzchen und Lebensweisheiten ein. Schweinehaltung sei wie eine gute Ehe: "Ohne Kooperation geht nix". Mit dem Schlusswort "Pessimisten haben öfter Recht, Optimisten machen die Geschäfte!", entlässt sein Münchner Kollege schließlich die Schweinebauern in die Ratlosigkeit.


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