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Sieben Prozent Minus: Horrorprognosen für die Wirtschaft

Keine Woche ohne neue Prognosen, wie schlimm die Wirtschaftskrise wird: Die Commerzbank, Ende 2008 selbst aus höchsten Schwierigkeiten gerettet, setzt sich nun an die Spitze der Pessimisten und prognostiziert einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von bis zu sieben Prozent - eine Horrorzahl, die andere Experten für durchaus möglich halten.

Die Commerzbank erwartet für dieses Jahr einen Einbruch der deutschen Wirtschaft um bis zu sieben Prozent. "Unsere Modelle signalisieren uns ein Minus zwischen sechs und sieben Prozent", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer der Zeitung "Die Welt". Damit legt die Bank unter vielen pessimistischen Prognosen die bislang schwärzeste für Deutschland vor. Bisher rechnete das Frankfurter Bankhaus lediglich mit einem Einbruch der Wirtschaftskraft um drei und vier Prozent. Gestützt wird die Einschätzung vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Das IWH geht derzeit zwar selbst von einem Konjunktureinbruch von 4,8 Prozent im laufenden Jahr aus, hält ein Minus von sieben Prozent aber durchaus für realistisch.

Es sei "nicht auszuschließen", dass die Prognose der Commerzbank zutreffen werden, sagte IWH-Konjunkturexperte Axel Lindner am Montag. Derzeit sei vieles denkbar. Lindner hält aber dennoch an der etwas gemäßigteren Prognose seines Hauses fest. Der derzeit scharfe Schrumpfungsprozess der Wirtschaft werde sich im Jahresverlauf verlangsamen, so Lindner weiter. Für das Jahr 2010 rechnet das IWH derzeit mit einem Rückgang für dann nur noch 0,2 Prozent.

Wirtschafsinstitute ebenfalls sehr pessimistisch

Ebenso rechnet das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erst im kommenden Jahr mit einer Belebung der Konjunktur. Das Institut senkte - wie einige andere - am Montag ebenfalls erneut seine Erwartungen, blieb aber mit einem prognostizierten Minus von 3,4 Prozent etwas optimistischer als die Commerzbank. RWI-Konjunkturexperte Roland Döhrn rechnet zudem mit dem Verlust von 1,2 Millionen Arbeitsplätze. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stimmte in den Konjunkturpessimismus ein und korrigierte seine bisherige Prognose drastisch auf minus fünf Prozent. Um mehr als vier Prozent wird nach Ansicht des renommierten Ifo-Instituts die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr einbrechen. Nach Ansicht der Bundesbank leidet die deutsche Wirtschaft zunehmend unter dem kräftigen Abschwung der Weltwirtschaft. Dieser habe nun auch den Dienstleistungssektor erreicht.

Die Commerzbank nannte als Grund für die deutliche Korrektur ihrer Prognose vor allem das schwächer als erwartet verlaufende erste Quartal, sagte Krämer der "Welt". "Die Wirtschaft dürfte gegenüber dem vierten Quartal 2008 nicht, wie wir ursprünglich unterstellt haben, um 1,5 Prozent, sondern um schätzungsweise 3,5 Prozent geschrumpft sein." Dies liege vor allem an den zurückgegangenen Auftragseingängen. "Sie sind von Dezember auf Januar um acht Prozent gefallen. Das ist gewaltig", begründete Krämer die neue Prognose des Bankhauses. Die niedrigeren Auftragseingänge bedeuteten auch weniger Produktion in den Folgemonaten. "Wenn die Auftragseingänge so wegbrechen, strahlt das zumindest auf das zweite Quartal aus", sagte Krämer.

Statt mit einer Stabilisierung rechnet der Volkswirt deshalb mit einem weiteren Einbruch der Wirtschaft zwischen April und Juni um ein Prozent. Erst ab Herbst des Jahres werde die Wirtschaft aufhören zu schrumpfen, glaubt er. "Wir erwarten allerdings nur eine blutleere Aufwärtsbewegung." In den USA und vielen europäischen Ländern würden die Immobilienpreise bis weit in das kommende Jahr fallen. Krämer: "Das drückt dort den Konsum und belastet unsere Exporte", sagte Krämer. Für Ende 2009 rechnet die Commerzbank mit knapp über vier Millionen Arbeitslosen, Ende 2010 werde die Zahl auf rund 4,75 Millionen steigen.

Prognosen trüben die Stimmung zusätzlich

Die Prognose der Commerzbank setzt eine neue Rekordmarke bei den Negativprognosen für dieses Jahr. Generell wird den Chefvolkswirten der Banken und den renommierten Wirtschaftsinstituten derzeit vorgeworfen, mit immer neuen Horrorprognosen die Konjunktur zusätzlich zu belasten, indem die Stimmung getrübt wird. Commerzbank-Chefvolskwirt Krämer wehrte sich aber in der "Welt" gegen den Vorwurf, dass sich die durch einen Einstieg des Bundes stabilisierte Bank mit den neuen Negativzahlen öffentlichkeitswirksam zur Schau stellen will: "Ich schaue mir nur die Zahlen an. Das Ergebnis ist, dass sie schlechter sind als gedacht - Punkt."

dho/AFP/AP/DPA / AP / DPA