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Siemens: "Nicht immer alles sagen"

Bei Siemens muss der oberste Korruptionsbekämpfer im Zentralvorstand gehen. Sein Task-Force-Chef wurde abgelöst - auf Druck der Amerikaner

Von Georg Wedemeyer

Die Leute der US-Börsenaufsicht SEC genießen weltweit einen tadellosen Ruf. Auch ihre Kollegen von der US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton gelten als harte Hunde. Ebenso hartnäckig ermittelt der Anti-Korruptions- Experte Michael Hershman aus Virginia. Alle drei Parteien hat der Weltkonzern Siemens zurzeit im Haus. Sie sollen zwei Affären aufklären: mögliche Schmiergeldzahlungen über 420 Millionen Euro für Aufträge und Millionenzahlungen an den Chef der Möchtegern-Gewerkschaft AUB. Die Härte der Amerikaner überraschte dann doch viele. Ohne Rücksicht auf Verdienste drängten sie bereits vier Führungsfiguren aus dem Konzern: Aufsichtsratsvorsitzender Heinrich von Pierer, Vorstandschef Klaus Kleinfeld und die Zentralvorstände Johannes Feldmayer und Jürgen Radomski.

Radomski sollte für "gutes Benehmen" sorgen

Gegenüber dem stern nennt ein Insider Gründe für diese Gangart: "Die Amerikaner befürchten, dass die Aufklärung unter politischen Gesichtspunkten begrenzt wird." Offenbar war ein Vorfall um Personalvorstand Radomski und seinen Mitarbeiter Albrecht Schäfer der Anlass dafür. Radomski war im Zentralvorstand zuständig für die "Compliance"-Abteilung, die für "gutes Benehmen" und die Einhaltung von Anti-Korruptions-Regeln sorgen soll. Zuletzt im November 2006, eine Woche nach den ersten Durchsuchungen, teilte Siemens mit, es werde eine "Task Force" gebildet, deren Chef, genannt "Chief Compliance Officer", "unter Leitung des Mitgliedes des Zentralvorstandes Dr. Jürgen Radomski steht".

Jener "Chief Compliance Officer" (CCO) war Dr. Albrecht Schäfer, langjähriger Hausjurist und bekannt als "graue Eminenz" bei Siemens. Was Siemens damals verschwieg: Schäfer selbst wurde zu jener Zeit von der Staatsanwaltschaft München I im Siemens- Verfahren als Beschuldigter geführt. Am 17. November 2006 war er aufgrund von Aussagen eines zwei Tage zuvor verhafteten Siemens- Mitarbeiters in die Beschuldigtenliste eingetragen worden. Der Vernommene hatte berichtet, Schäfer habe einen wissenden Eindruck gemacht und "nur gelächelt", wenn man ihm von Schmiergeld erzählte. Schäfer habe ihm geraten, man müsse "doch nicht immer alles sagen, was man wisse". Er habe sogar von einem internen geheimen Kontrollbericht erzählt, der der Staatsanwaltschaft "mindestens zwölf Monate Arbeit sparen würde". Warum hat Siemens am 23. November einen Tatverdächtigen zum Task-Force- Chef der hausinternen Aufklärer ernannt? Vielleicht, weil man die Politik hinter sich wusste?

Beschuldigtenstatus spielte keine Rolle

Am 22. November 2006 jedenfalls war Schäfer in Begleitung von Siemens-Anwalt Eckhart Müller im Bayerischen Justizministerium vorstellig geworden. Empfangen wurden sie vom Amtschef persönlich samt weiteren Bediensteten. Der Gesprächsverlauf muss merkwürdig gewesen sein, wenn man der Stellungnahme des Ministeriums gegenüber dem stern glauben will. War der Beschuldigtenstatus des Dr. Schäfer ein Thema? "Für die Vertreter des Staatsministeriums der Justiz nicht. Dies ist zu Beginn des Gesprächs ausdrücklich erklärt worden."

Was war der Zweck des Gespräches? "Die Fa. Siemens wollte ihre Bereitschaft zur Unterstützung im Siemens-Ermittlungsverfahren erklären." Ergebnis? "Ein Ergebnis wurde nicht erzielt. Die Bereitschaft der Fa. Siemens zur Unterstützung des Ermittlungsverfahrens wurde zur Kenntnis genommen." Was immer im Justizpalast noch besprochen wurde, einen Tag später war Schäfer als Task Force Chef oberster Sittenwächter bei Siemens. Und zwei Wochen später, am 8. Dezember, stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ihn ein. Das Justizministerium sagt, "der Vorwurf gegen Herrn Dr. Schäfer" sei "abtrennbar" gewesen und habe sich nicht bestätigt. Die Staatsanwaltschaft schweigt.

Lange konnte sich Schäfer allerdings nicht über seinen Erfolg freuen. Schon Ende Dezember wurde er als CCO und Task Force Boss wieder abgelöst. Auf die Frage, warum, antwortete Schäfer dem stern ausweichend: "Die disziplinarische Betreuung des CCO ist mit Wirkung vom 1. Januar 2007 gemäß den Empfehlungen der US-amerikanischen Berater der Rechtsabteilung des Unternehmens zugeordnet worden." Wie sich daraus sein Abgang erklärt, darf man raten.

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  • Georg Wedemeyer