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Siemens: "Warum ausgerechnet ich?"

Erstmals beschreibt ein Insider, wie die Betriebsräteorganisation AUB direkt aus der Konzernzentrale von Siemens gesteuert worden sein soll.

Günther G. Goth ist ein typischer Siemens-Karrierist: katholisch, CSU-Mitglied und Teil eines verschwiegenen Netzwerkes. In den Frühen 80er Jahren wäre er beinahe Bürgermeister im oberbayerischen Traunreut geworden. Doch er verlor die Wahl knapp. Dafür wurde Goth im Siemes-Hauptquatier in mÜnchen zu einer zentralen Figur. Er stieg zum zweiten Mann hinter dem Personalvorstand auf. Intern nannten sie ihn "Triple G". Doch seit dem 1. Juli ist Goth nicht mehr im Job. Dabei hatte er nur noch wenige Monate bis zur Rente.

Das Geld floss, getarnt als Beraterhonorare

Seit Wirtschaftsanwälte den von Korruption und Betriebsmanipulation erschütterten Konzern durchkämmen, mussten schon einige Manager vor der Zeit abdanken - wie Vorstandschef Klaus Kleinfeld und Aufsichtsrat Heinrich von Pierer. Hinweise mehren sich nun, dass Goth und andere in der Personalabteilung in die Affäre um die gekaufte Betriebsräteorganisation AUB verwickelt waren. Die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger war von Siemens seit 1991 mit schätzungsweise 60 Millionen Euro finanziert worden. Das Geld floss, getarnt als Beraterhonorare an Firmen des früheren Betriebsrates und langjährigen AUB-Chefes Wilhem Schelsky.

Der 58- jährige sitzt seit fünf Monaten wegen des Verdachts der Beihilfe zur Untreue und Verstößen gegen das Betriebsverfassungsgesetz in der U-Haft. Er hat zugegeben, dass die Siemens-Millionen gegen die IG-Metall eingesetzt werden sollten. Dabei habe er aber frei und ohne konkrete Weisung von Siemens agiert. Juristisch kann das eine zentrale Frage werden.

Es wurde systematisch eine Marionettengewerkschaft aufgebaut

Genau deswegen kann der Fall Goth für Siemens noch unangenehm werden. Denn immer klarer wird, wie systematisch eine Marionettengewerkschaft aufgebaut wurde. Die Affäre lässt sich nun nicht mehr als Fehltritt Einzelner erklären. Auch der Ex- Siemenschef Matthias Bellmann wird dabei belastet. Bellmann ist heute Personalvorstand bei dem jüngst in Arcandor umbenannten Karstadt-Quelle-Konzern.

Ein Zeuge dafür heißt Dieter Boch, 62. Er arbeitete bis 2005 bei Siemens im Personalwesen. Seine Geschichte ist einigen seiner damaligen Vorgesetzten bekannt und wird auch von einem Aufsichtsrat erzählt. Sie zeigt, dass Schelsky aus der Personalzentrale um Goth direkt gesteuert wurde.

"Warum ausgerechnet ich?",

Vom stern konfrontiert, bestätigt Boch, er sei im Herbst 1997 selbst als potenzieller AUB-Spitzenkandidat für die nächste Betriebsratswahl in der Firmenzentrale angeworben worden. Zunächst habe ihn der damalige Siemens-Personalmanager und heutige Karstadt-Vorstand Bellmann an gesprochen und gefragt, "ob ich mich denn schon mit Herrn Schelsky getroffen hätte".

Boch verneinte, und Bellmann habe angedeutet, dass er bald einen Anruf bekomme. Wenige Tage später meldete sich Schelsky, und wenn Bochs Kalendernotizen aus jener Zeit korrekt sind, dann traf er sich mit dem AUB-Mann am 13. November 1997 im Café Arzmiller am Münchner Odeonsplatz. Schelsky habe ihm finanzielle Unterstützung für die bevorstehende Wahl versprochen und zudem eine Beförderung in Aussicht gestellt, wenn er später wieder in seinen alten Job zurückkehre. "Warum ausgerechnet ich?", habe Boch gefragt. Das sei mit Herrn Goth abgesprochen, soll Schelsky geantwortet haben. Im Klartext: Der Kandidat der AUB wurde nicht von deren Chef ausgesucht, sondern von der Personalabteilung.

Siemens lehnte einen Kommentar ab

Vier Tage später ging Boch direkt zu Personalmanager Goth und sagte die AUB-Kandidatur ab. Er berichtete ihm dabei von der Begegnung mit Schelsky und den Versprechungen, die dieser in Goths Namen gemacht hatte. Goth habe das nicht dementiert, sondern hartnäckig geschwiegen, erinnert sich Boch an die Szene. Am nächsten Tag informierte er auch den damaligen Siemens-Arbeitsdirektor Werner Maly über das Angebot der AUB in Goths Auftrag. Maly war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Goth erklärte auf stern-Anfrage, der "geschilderte Fall ist mir nicht gegenwärtig". Strafrechtlich wären Vorfälle aus 1997 ohnehin verjährt. Siemens lehnte einen Kommentar ab; ebenso Schelskys Anwalt. Karstadt- Manager Bellmann gab an, er könne es "ausschließen, dass ich hier aktiv in die Kandidatenfindung eingegriffen habe". Allenfalls sei denkbar, dass Boch, an den er sich nicht erinnere, "um einen Kontakt zu Schelsky gebeten haben könnte, dem ich dann nachgekommen bin."

Es ist nicht das erste Mal, dass Goth im Kontext der AUB-Affäre genannt wird

So soll sein Name in einem Papier Schelskys auftauchen, das der Staatsanwaltschaft in die Hände fiel. Darin beschreibt Schelsky laut "Süddeutscher Zeitung", wie er von Siemens bezahlt wurde: "Diese Gehaltspflege erfolgte durch zwei leitende Herren des Hauses", davon sei einer ein "hochgestellter Personalfachmann (Goth)".

Und auch im Aufsichtsrat von Siemens war die AUB schon früh Thema: Am 10. Dezember 1997 äußerte der IG-Metall-Funktionär und Siemens-Aufsichtsrat Heinz Hawreliuk den Verdacht, die AUB werde heimlich von Siemens finanziert. Der damalige Aufsichtsratschef Hermann Franz habe die Diskussion jedoch abgewürgt, sagt Hawreliuk heute gegenüber dem stern: "Das war schon unverschämt."