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Singapur: Disneyland mit Todesstrafe

Ausländische Investoren lieben Singapur - doch wer die strikten Regeln des Stadtstaates missachtet, bekommt schnell Probleme: Die Strafen können drakonisch ausfallen - selbst bei einer Lappalie wie Wasser im Blumentopfuntersetzer.

Von Claudia Wanner, Singapur

Vor einigen Wochen klingelten sie an seiner Wohnungstür. "Zwei Männer standen da, haben nicht lange gefragt, sondern sind schnurstracks auf den Balkon marschiert", erzählt der Mitarbeiter eines deutschen Konzerns in Singapur. Seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. Die Männer inspizierten alle Blumentöpfe. "Wenn Wasser im Topf oder dem Untersetzer steht, müssen Sie Strafe zahlen", sagt er halb amüsiert, halb verwundert. In der Hitze könnte die Feuchtigkeit Malariamücken als Brutstätte dienen.

Alles sauber, alles genormt, alles langweilig - das ist das Image des Stadtstaats, in dem Kaugummispucken geahndet wird und auf Drogenbesitz die Todesstrafe steht. "Das Bild ist nicht mehr gerechtfertigt", sagt Stephan Weiss, Geschäftsführer des German Centre, das deutschen Mittelständlern Büroraum und Dienstleistungen bietet. Seit zwölf Jahren lebt er in Singapur. "In der Zeit ist die Stadt viel liberaler geworden", sagt Weiss.

Doch eine Demokratie ist Singapur allenfalls der Form nach. Alle fünf Jahre wird das Parlament gewählt, mehrere Parteien treten an. Seit der Staatsgründung 1959 hat allerdings die People's Action Party (PAP) stets die überwältigende Mehrheit der Volksversammlung gestellt. Im aktuellen Parlament hält die Opposition gerade zwei Sitze, genauso wenige wie nach den Wahlen 2001. Die Wähler überlegen sich, wem sie in ihrem Bezirk die Stimme geben. "Wer nicht für unser Programm stimmt, hat auch keinen Anspruch auf Vergünstigungen", wurde ein Staatssekretär vor der letzten Wahl zitiert. Stadtteilen, die an die Opposition fallen, drohen Mittelkürzungen. Pressefreiheit gibt es nicht. Im Ranking von "Reporter ohne Grenzen" schafft es Singapur nur auf Platz 141 von 169.

Politische Beteiligung nicht von Interesse

Diskussionen oder gar Unruhen hatte das straffe Regime bisher nicht zur Folge. "Mein Eindruck ist, dass politische Beteiligung hier viele Leute einfach nicht interessiert", sagt ein Banker, der schon lange in der Stadt wohnt. "Schließlich geht es ihnen wirtschaftlich nicht schlecht." Auch ausländische Konzerne scheren sich wenig um demokratische Mängel. Beim Doing-Business-Report der Weltbank hat Singapur dank seiner unternehmerfreundlichen Ausrichtung wieder den Spitzenplatz erobert. "Die Stimmung unter den deutschen Unternehmern hier ist einheitlich: Das ist einer der besten Standorte der Welt", schwärmt Weiss.

Schon vor Jahren hat das Land - unterstützt durch Berater - festgelegt, welche Branchen vorrangig angesiedelt werden sollen. Halbleiterbranche und Chemie gehören dazu, Finanzdienstleistungen, seit Kurzem auch Biotech und Umwelttechnologie. In den Sektoren tut die Regierung alles, um den Firmen ein gutes Umfeld zu verschaffen.

"Der maritime Sektor gehörte zu den ersten, der gefördert wurde. Dabei ging es nicht nur um Reedereien und Hafenumschlag, sondern auch um die richtigen Rechtsberater oder Finanzdienstleister, ein komplettes Paket für die Branche", sagt Christoph Rommel, der von Singapur aus das Asiengeschäft der HSH Nordbank leitet. Seither suchten die Behörden intensiv das Gespräch mit der Branche, um deren Ideen zu berücksichtigen. Tee Fong Seng, Leiter der Vermögensverwaltung in Südostasien bei UBS, schwärmt, die Regierung sei "fantastisch" bei der Unterstützung von Banken und Fondsgesellschaften, die sich in Singapur niederlassen.

Die Finanzen Singapurs sind ein heikles Thema

Und der Landzipfel zwischen Malaysia und Indonesien putzt sich weiter heraus: Im Herbst ist Singapur erstmals Austragungsort für ein Formel-1-Rennen. Gleich zwei Casinos mit angeschlossenen Resorts sind im Bau. Bisher war Glücksspiel nicht erlaubt. Doch auch Unternehmer sind nicht davor gefeit, mit dem Staat in Konflikt zu geraten. Im Herbst 2006 trat völlig überraschend Andy Xie zurück, Asien-Volkswirt der US-Investmentbank Morgan Stanley. Später wurde bekannt, dass er in einer internen Mail Singapurs wirtschaftlichen Erfolg infrage gestellt und die Banken des Landes der Geldwäsche verdächtigt hatte.

Die Finanzen Singapurs sind ein heikles Thema. Mit der Government of Singapore Investment Corporation (GIC) unterhält der Stadtstaat seit Jahren eine der großen staatlichen Beteiligungsgesellschaften, die gerade mit milliardenschweren Beteiligungen an UBS und Citibank von sich reden macht. Offenlegung, Information über die Verwendung staatlicher Mittel ist im Land kein Thema. GIC gehört zu den verschwiegensten Anlegern, nicht einmal die Anlagemittel sind bekannt. Geschätzt werden sie auf 330 Milliarden US-Dollar.

Die mangelnde Transparenz aber stößt kaum auf Kritik. Die Fonds seien eine "Erfolgsgeschichte", sagt Danny Oon, Personalberater bei Smith & Jessen. "In der Vergangenheit hatten sie mit ihren Investitionen Erfolg." Zudem sei es der Regierung gelungen, die Armut zu bekämpfen. "Sie hat nicht nur dieses Ziel erreicht, sondern die Voraussetzungen für kräftiges Wachstum geschaffen, das vielen Einwohnern zu Wohlstand verholfen hat", sagt Oon. Nur das Imageproblem dürfte das Aufpasserregime von Singapur nicht so schnell loswerden. Ausländer in der Region sprechen immer noch gern vom "Disneyland mit Todesstrafe".

FTD
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