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Tarifstreit: "Damit muss uns niemand kommen"

Millionen Deutsche stehen in dieser Woche vor leeren Briefkästen, weil die ersten Postmitarbeiter im Tarifstreit ihre Arbeit nieder legen. Sie wollen mehr Geld für ihre Arbeit - und die Post will, dass sie länger arbeiten. stern.de hat den Parteien beim Verhandlungspoker in die Karten geschaut.

Tarifstreitigkeiten sind immer eine Suche nach dem besten Kompromiss für alle Parteien. Bis es aber soweit ist, vergehen oft viele Verhandlungsrunden. Die Post und die Gewerkschaft Verdi haben Runde vier gerade ohne Ergebnis abgebrochen. "Die Beschäftigten sind stinkesauer und sie werden das der Deutschen Post AG in den kommenden Tagen eindrucksvoll beweisen", sagte Verdi-Verhandlungsleiterin Andrea Kocsis - eine der üblichen Drohgebärden im Verhandlungspoker. Die nächste Drohung: ein unbefristeter Streik im Mai. Doch was will die Gewerkschaft damit erreichen? Und was bietet die Post ihren Beschäftigten an? stern.de gibt Antworten.

Wer verhandelt über was?

Die Deutsche Post AG und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verhandeln über Arbeitszeit, Lohnerhöhungen und Kündigungsschutz für 130.000 Angestellte und Arbeiter der Post. Das Ergebnis wird sich auch auf die 53.000 Beamten des ehemals staatlichen Brief- und Paketzustellers auswirken.

Was bietet die Post AG?

Die Post hat in der vierten Verhandlungsrunde eine Lohnerhöhung von 5,5 Prozent angeboten. Außerdem will sie den Kündigungsschutz für die Mitarbeiter bis Juni 2011 verlängern. Bedingungen für dieses Paket ist allerdings, dass die Beschäftigten länger Dienst schieben: Die Angestellten und Arbeiter sollen 39 anstatt der bisherigen 38,5 Stunden, die Beamten 40 Stunden pro Woche arbeiten.

Was sagt Verdi dazu?

"Das Angebot, das die Post uns vorgelegt hat, das können Sie in die Tonne kloppen, um das mal im Ruhrgebietsdeutsch zu sagen. Mit diesem Angebot muss uns niemand mehr kommen", entrüstete sich Verdi-Sprecher Günter Isemeyer über die Post-Offerte. Die Gewerkschaft wehrt sich vor allem gegen die - aus ihrer Sicht - unbezahlte Mehrarbeit. Die Tarifbeschäftigten der Post würden in Zukunft nicht 39, sondern 41 Stunden pro Woche arbeiten. Die Begründung: Das Angebotspaket sieht vor, dass die so genannten "Entlastungspausen" gestrichen werden. Bislang sammelten die Post-Beschäftigten pro Arbeitsstunde eine Pause von drei Minuten und 14 Sekunden, die sie dann nach einigen Stunden am Stück verbringen. Würden sie gestrichen, gebe es für die Postler zwei zusätzliche Arbeitsstunden pro Woche. Verdi errechnet daraus eine faktische Lohnkürzung von 6,5 Prozent. Die angebotene Lohnerhöhung wäre damit ausgehebelt und "ist unter dem Strich ein Minusgeschäft für die Beschäftigten", sagte die stellvertretende Verdi-Bundesvorsitzende und Verhandlungsführerin, Andrea Kocsis.

Was wollen die Beschäftigten?

Die Gewerkschaft Verdi hat die Tarifverhandlungen abgebrochen und fordert, dass die Löhne für zwölf Monate bis April 2009 linear um sieben Prozent steigen. Das Angebot der Post sei angesichts glänzender Geschäfte und einer deutlich höheren Dividende für die Aktionäre als Provokation aufgenommen worden, sagte der baden-württembergische Gewerkschaftssprecher Arnold Püschel nach dem Verhandlungsabbruch.

Wie geht es weiter?

Nach dem Abbruch der Tarifverhandlungen startet Verdi bundesweit Warnstreiks. In der Nacht zum Montag legten 800 Beschäftigte in neun deutschen Briefzentren die Arbeit nieder - unter anderem in Stuttgart, Berlin, Hamburg und Dresden. Am Freitag dieser Woche entscheiden die 130.000 Tarifbeschäftigten der Post in einer Urabstimmung über das weitere Vorgehen. Stimmt die Mehrheit mit Ja, werden die Postler ab dem 2. Mai unbefristet streiken. Um das zu verhindern, bittet die Post wieder an den Verhandlungstisch. Das bisherige Angebot sei "nicht das letzte Wort der Post", sagte Personalvorstand Walter Scheurle der "Süddeutschen Zeitung".

Wo bleibt die Post?

Allein in dieser Woche werden Millionen Haushalte und Unternehmen einen leeren Briefkasten haben. Sollten die Post-Beschäftigten unbefristet streiken, droht ein Briefberg und Dauerbetrieb für E-Mail und Fax.