HOME

Telekommarkt: Telekom bremst Konkurrenz aus

Nicht nur die Kunden der Deutschen Telekom klagen über schlechten Service - auch die Konkurrenz fühlt sich benachteiligt. Statt Leitungen für die Wettbewerber freizuschalten, versuche das Unternehmen, die Kunden zu übereden, doch beim ehemaligen Staatskonzern zu bleiben.

Von Swantje Wallbraun

Nach den Kunden, jetzt die Konkurrenten: Der stern hatte bereits ausführlich über Beschwerden der Telekom- Kunden berichtet, die in so genannten toten Briefkästen landen und nicht bearbeitet werden. Die Wettbewerber der Telekom monieren demgegenüber, dass die Telekom die Anschlüsse ihrer Kunden nur mit erheblicher Verzögerung freischaltet. Rund 100.000 Haushalte, die vom Ex-Monopolisten zu einem anderen Anbieter wechseln wollen, warten nach Angaben des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwehrtdiensten (VATM) derzeit auf den Telekom-Techniker, der die Leitung umschaltet - im Schnitt drei bis vier Wochen.

Der Rückstau sei während des Streiks im vergangenen Sommer entstanden und habe sich im erfolgreichen Jahresendgeschäft noch verstärkt. Bislang habe das Unternehmen allerdings kaum Anstrengungen unternommen, ihn abzubauen.

Arcor, Marktführer unter den freien Telekommunikationsanbietern, und Telefonica haben im Dezember bereits ein Missbrauchsverfahren gegen das Unternehmen bei der Bundesnetzagentur eingeleitet. Der Regulierer soll entscheiden, ob die Telekom die Konkurrenz bewusst ausbremst. "Bei eigenen Kunden, die von ISDN auf DSL-Anschlüsse umsteigen, schaltet die Telekom innerhalb von zwei bis drei Tagen frei. Wer zu anderen Anbieter wechselt, wartet wochen- manchmal monatelang", klagt Wolfgang Heer vom VATM. Hinter den langen Wartezeiten, schlussfolgert er, stecke also kein strukturelles Problem der Telekom.

Problem bei bilateralen Verträgen

Seit der Marktöffnung 1998 hat die Konkurrenz des Ex-Monopolisten rund 17 Milliarden Euro in eigene Festnetzleitungen investiert - nur für die letzte Meile vom Verteiler bis zur Anschlussbuchse der Kunden müssen sie das Netz der Telekom nutzen. Das Unternehmen ist durch das Telekommunikationsgesetz verpflichtet, die so genannten Teilnehmeranschlussleitungen (TAL) freizugeben; Einzelheiten hat sie in bilateralen Verträgen mit den Konkurrenzunternehmen geregelt. Um bestimmte Klauseln dieser Verträge ist nun der Streit entbrannt.

Die Verträge schreiben unter anderem vor, dass die Telekom binnen sieben Werktagen die Anschlüsse der Kunden umschaltet, die zu einem anderen Anbieter gewechselt sind. In der Realität sehe das aber anders aus, berichtet Thomas Rompczyk von Arcor: "Die Leitungen werden zu spät bereitgestellt, Anfragen bleiben unbeantwortet, Technikertermine platzen." Das ist misslich für die Telekom-Konkurrenz. Denn die Endkunden können nicht unterscheiden, ob der Fehler bei ihrem Anbieter oder bei der Telekom liegt. "Uns entsteht ein erheblicher Imageschaden", sagt Wolfgang Heer vom VATM. Auch Servicemitarbeiter der neuen Anbieter könnten den Kunden nicht weiterhelfen, wenn die Telekom schlicht nicht kommuniziere, wann Anschlüsse freigeschaltet würden.

Neues Angebot in der Wartezeit

Der Ex-Monopolist versuche zudem, die zunehmend unzufriedenen Kunden zurückzuwerben, sagt Albert Fetsch von Telefonica. "Während sie auf ihren neuen Anschluss warten, ruft die Telekom sie an und macht ihnen ein neues Angebot." Dieses würde oft eine Mindestlaufzeit von zwei Jahren haben: "Diese Kunden sind für uns also erst mal verloren." Telefonica selbst betreibt in Deutschland allerdings kein Endkundengeschäft. Das Netz des Unternehmens wird jedoch von Anbietern wie Freenet, Alice und O2 genutzt.

Dass sich ein Rückstau wechselwilliger Kunden gebildet hat, die auf die Freischaltung ihrer Anschlüsse warten, hat nach Ansicht von Telefonica noch einen anderen Grund: "Die Telekom schaltet die Leitungen nicht entsprechend der Marktnachfrage frei", sagt Fetsch. Hintergrund ist, dass die Kontingente, die die Anbieter bei der Telekom beantragen können, begrenzt sind. Die Höchstgrenze, so legen es die Rahmenvereinbarungen mit den Konkurrenten fest, liegt bei der durchschnittlichen Zahl der beantragten Anschlüsse in den vergangenen sechs Monaten plus 20 Prozent. "Wir wachsen im Moment sehr schnell, da reicht diese Formel nicht", meint Fetsch. Telefonica will bei der Bundesnetzagentur daher auch erreichen, dass die Kontingente angepasst werden.

"Keine unendlichen Kapazitäten"

Aus Sicht der Telekom ist das nicht so einfach. "Wir haben nun mal keine unendlichen Kapazitäten", sagt Sprecher Mark Nierwetberg. Jeden Monat meldeten die alternativen Anbieter die Zahl der Anschlüsse an, die die Telekom für sie freischalten solle. Häufig komme es aber vor, dass die Konkurrenz im Lauf des Monats sehr viel mehr Anschlüsse in Auftrag gibt, als ursprünglich vereinbart. "Die überzähligen Aufträge können wir nur nach unseren technisch-betrieblichen Möglichkeiten abarbeiten", erläutert Nierwetberg - und das dauere eben oft länger als die vertraglich vorgesehenen sieben Werktage.

Personal aufzustocken ist für die Telekom keine Lösung: "Wenn ein Anbieter ein hohes Kontingent Teilnehmeranschlussleitungen anfordert, aber später nicht komplett ausschöpft, dann bleiben wir auf den Personalkosten für die Techniker sitzen." Zwar boomt der DSL-Markt - die Wachstumsrate betrug rund 30 Prozent im Jahr 2007. Aber das werde ja nicht immer so weitergehen.

Standardvertag als Zwischenlösung

Die Bundesnetzagentur wird am 20. Februar die Parteien anhören; wann es zu einer Entscheidung kommt, ist noch unklar. Sollte die Agentur einen Marktmissbrauch der Telekom feststellen, wird sie das Unternehmen mit konkreten Handlungsanweisungen verpflichten, dieses Verhalten abzustellen und den Rückstau wechselwilliger Kunden abzubauen.

Wer in den kommenden Monaten wechseln will, darf allerdings darauf hoffen, schneller freigeschaltet zu werden. Zum Jahresbeginn ist ein Standardvertrag zwischen der Telekom und ihren Wettbewerbern in Kraft getreten. Er sieht erstmals Geldstrafen für die Beteiligten vor: Die Telekom muss zahlen, wenn sie sich nicht an die Sieben-Tage-Frist hält; die Wettbewerber müssen zahlen, wenn sie sich übernehmen und zu viele Kontingente beantragen. Auf diese Weise, glaubt die Bundesnetzagentur, die das Regelwerk entwickelt hat, würden die Kunden künftig schneller Anschluss finden.