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Teutoburger Ölmühle: Außen gelb, innen Gold

Dass man auch altbekannte Produkte noch verbessern kann, zeigt der Erfolg der Teutoburger Ölmühle: Sie schält den Raps vor dem Pressen und gewinnt aus den Kernen so ein edles Speiseöl.

Von Nicola Meier

Wer eine Zeit lang mit Michael Raß gesprochen hat, wird im Supermarkt nie wieder wahllos eine Flasche Speiseöl aus dem Regal ziehen. So mitreißend ist die Begeisterung, mit der Raß für sein "Raps-Kernöl" wirbt, dem seiner Ansicht nach "besten Öl der Welt". Er schwärmt von "natürlicher Reinheit" und dem "nussigen Geschmack". "Literweise" verwende er es daheim zum Braten, Backen und besonders gern im Salatdressing. Mit seinem Enthusiasmus überzeugte er auch die Juroren des Deutschen Gründerpreises, die seine "Teutoburger Ölmühle" in diesem Jahr für ihren raschen Aufstieg in die erste Liga der Lebensmittelproduzenten auszeichneten.

Mit derselben Begeisterung hat der heute 42-Jährige vor sechs Jahren begonnen, ein Produkt zu verkaufen, das es so noch nicht gab. Das war schwierig. Viele Einzelhändler gaben dem ehrgeizigen Jungunternehmer damals nicht mal einen Termin. "Aber wenn ich einen bekam", erinnert sich Raß, "dann hatte ich in der Regel einen Kunden gewonnen."

Hinter die Schale geschaut

Wahrscheinlich hätte Raß mit seinem Verkaufstalent alles Mögliche an den Mann bringen können. Das wollte er aber nicht. Er verkauft Rapsöl, und zwar ein ganz besonderes: Goldgelb glänzend und klar ist die Flüssigkeit, die in der Abfüllhalle der Teutoburger Ölmühle in die Glasflaschen fließt. "Rapsöl, das klingt so trivial", sagt Raß, greift eine Flasche vom Laufband und betrachtet das Öl liebevoll. "Man muss hinter die Schale schauen, um zum Kern vorzudringen."

Seit Anfang 2002 produziert er in Ibbenbüren, einem kleinen Ort am Rande des Teutoburger Waldes, nach einem patentierten Verfahren Rapsöl. Das Neue am Teutoburger Öl: Der Raps wird vor der Pressung geschält. Nur aus den kleinen, goldgelben Kernen wird durch eine schonende Kaltpressung das Speiseöl gewonnen. Weil durch die vorherige Schälung keine unerwünschten Bitterstoffe ins Öl kommen, entfällt die bei herkömmlichen Verfahren übliche chemische Nachbehandlung des Öls. Außerdem bleiben wertvolle Inhaltsstoffe erhalten.

Umweltfreundliche Produktion

In Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit bezeichnet sich Raß als "Überzeugungstäter". Deswegen sind 30 Prozent seines Raps-Kernöls Bioware. Und auch die Produktion ist umweltfreundlich: Die bei der Schälung abfallenden Schalen werden ebenfalls gepresst. Anders als das Kernöl wandert das Schalenöl aber nicht in die Flasche, sondern wird als Treibstoff für das Blockheizkraftwerk der Ölmühle verwendet. Auf externe Stromzufuhr kann so verzichtet werden. Inmitten ländlicher Idylle steht damit in Ibbenbüren Deutschlands erste energieautarke Ölmühle. Sogar die Masse, die nach der Pressung von Kernen und Schalen übrig bleibt, wird noch als Futtermittel verwertet. "Wenn man etwas macht, dann richtig", sagt Raß. Unternehmer wollte er eigentlich nie werden. Der Grund: viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Freizeit. Schon als Schuljunge lautete sein Berufsziel Forscher. Weil das so abenteuerlich klang. Wenig verwunderlich also, dass die Idee für sein Unternehmen im Labor entstand. Jahrelang erforschte Raß als Doktorand der Verfahrenstechnik an der Universität Essen, wie man Raps umweltfreundlicher verarbeiten könnte. Gemeinsam mit Kollegen kam er darauf, die Samenkörner zu schälen. Dass aus den Kernen durch eine schonende Kaltpressung ein hochwertiges Speiseöl gewonnen werden kann, kam als Nebenprodukt der Forschung heraus.

Vom Forscher zum Unternehmer

Ein großer Lebensmittelhersteller war interessiert an dem neuen Verfahren, erteilte der Forschergruppe dann aber doch eine Absage. Großindustriell sei die Technologie aus dem Labor nicht nutzbar, hieß es. Aus der Traum von der Umsetzung der Forschungsergebnisse. Dass die jahrelange Arbeit für den Papierkorb gewesen sein sollte, fand Raß trotz oder vielleicht sogar gerade wegen seiner Liebe zur Wissenschaft unbefriedigend. Sein Gründergeist war geweckt. "Ich war überzeugt, dass das Produkt eine Chance am Markt hat", erinnert sich Raß. Und so riskierte er die Selbstständigkeit und wurde doch Unternehmer. Gemeinsam mit seinem Forscherkollegen Christian Schein und dem Landhändler Wilhelm Kortlüke plante er den Bau einer eigenen Ölmühle. Im Mai 2001 war erster Spatenstich, Anfang 2002 ging die Anlage in Betrieb.

Über 30 Prozent Marktanteil

Sein Mut hat sich ausgezahlt. Aus dem kleinen Start-up ist ein solider mittelständischer Betrieb geworden. Bereits zwei Jahre nach dem Start war die Kapazität der ersten Anlage ausgeschöpft und das Unternehmen in den schwarzen Zahlen. Neben der anfangs gebauten Ölmühle steht längst eine zweite, größere. Heute werden statt der ursprünglichen 10 Tonnen bis zu 90 Tonnen Raps am Tag verarbeitet. Der Umsatz liegt seit 2005 im zweistelligen Millionenbereich, bei jährlichen Steigerungsraten von im Schnitt 30 Prozent. Die Anzahl der Mitarbeiter ist von 4 auf über 120 angewachsen. Ein Erfolg, von dem Raß in den Anfängen der Firma nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Schlaflose Nächte habe er gehabt, bis endlich die ersten Flaschen in den Supermarktregalen gestanden hätten. Heute kann man das Kernöl aus Ibbenbüren in den Geschäften fast aller großen Einzelhandelsketten und in vielen Bioläden kaufen. Sein Marktanteil beim hochwertigen Speiseöl aus Raps: über 30 Prozent. Für die Qualität ihres Öls ist die Firma vielfach prämiert worden.

Familienfreundlich und erfindungsreich

Zu Kopf gestiegen ist dem Unternehmer Raß, der von seinen Mitarbeitern und Geschäftspartnern häufig mit "Doktor Raps" angesprochen wird, der Erfolg nicht. Eine eigene Sekretärin spart er sich, "weil ich meine Termine gern selber mache", sein Büro ist klein, er teilt es mit seiner Frau Gudrun. "Wir haben trotzdem eine harmonische Ehe", scherzt der zweifache Familienvater. Dass seine Frau wegen der Kinder Maren, 12, und Leon, 10, nur vormittags in der Firma arbeitet, brachte Raß gleich auf die nächste Idee: Damit junge Mütter Beruf und Familie besser vereinbaren können, führte die Firma Vier-Stunden-Schichten ein. Mehr als 80 Teilzeitmitarbeiter hat Raß inzwischen und "kann gar nicht verstehen, warum nicht mehr Firmen auf diese simple Lösung gekommen sind".

Damit auch für ihn die Zeit mit der Familie nicht zu kurz kommt und weil ihm "die Entspannung daheim auf dem Liegestuhl nicht so gut gelingt", fährt die Familie oft für zwei, drei Tage weg. "Zeitfenster einbauen" nennt der Unternehmer das. "Wenn wir verreisen, habe ich keine Chance, doch in die Firma zu fahren und zu arbeiten." Die frische Sonnenbräune im Gesicht zeugt noch vom letzten Surfwochenende in Holland. Ganz lässt ihn die Arbeit aber auch im Urlaub nicht los. "Meistens kommt er mit neuen Ideen zurück", sagt einer seiner Mitarbeiter. "Die Schnellen fressen die Langsamen", erwidert Raß. "Die anderen machen uns noch nach, während wir schon wieder etwas Neues probieren." Mit seinem Raps-Kernöl will Raß nun auch das europäische Ausland erobern. Heute wird es bereits in Österreich und der Schweiz verkauft, dieses Jahr will Raß mit seinem Öl die Heimstatt von fettigen Spezialitäten wie "Fish and chips" und "frittierten Mars-Riegeln" erobern: Großbritannien.

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