Unicef "Es geht hier um die Kinder"


Jürgen Heraeus ist seit April der neue Vorstandsvorsitzende von Unicef Deutschland. Der 71-Jährige will das skandalgebeutelte Kinderhilfswerk aus der Krise führen - zur Not mit dem "eisernen Rechen". Sollte er Erfolg haben, könnte Unicef sogar das DZI-Spendensiegel zurückbekommen.
Von Christian Parth

Jürgen Heraeus ist froh, dass er dieses Mal nicht auf seine Mutter gehört hat. Als der Familienunternehmer der 96-Jährigen offenbarte, dass er den Posten des neuen Vorstandsvorsitzenden bei Unicef übernehmen möchte, sagte sie nur: "Du ruinierst dir deinen guten Namen." Der Filius, ein smarter Typ, die angegrauten Haare schnittig zurückgekämmt, antwortete unbeeindruckt, die alte Dame solle sich nicht all zu viel Sorgen machen: "Da muss man eben mit dem eisernen Rechen durch."

Mit diesem Vorhaben ist Jürgen Heraeus angetreten. Gemeinsam mit Maria von Welser, der ehemaligen Moderatorin des ZDF-Frauenmagazins "Mona Lisa", und Ann Kathrin Linsenhoff, ehemalige Olympiasiegerin im Dressurreiten, bildet der 71-Jährige seit April 2008 den neuen Vorstand von Unicef Deutschland. Das Triumvirat machte heute bei der Vorstellung des Geschäftsberichts für das Jahr 2007 im Kölner Stadtteil Zollstock klar, dass die Zeit der Krise bald vorbei sein solle. Einfach sei das sicher nicht. "To do good, do it well", habe ein Amerikaner zu Heraeus kürzlich einmal gesagt. "Tue Gutes, aber mach' es gut."

Zu hohe Provisionen an externe Fundraiser

Dazu gehört freilich auch, Fehler aus der Vergangenheit einzuräumen. Der interne Machtkampf zwischen der Heraeus-Vorgängerin Heide Simonis und Ex-Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ordentlich in Verruf gebracht. Zu hohe Provisionen an externe Fundraiser soll Unicef Deutschland gezahlt und diese obendrein nicht ordnungsgemäß angegeben haben. Anschließend wurden Vorwürfe laut, der persönliche Referent von Heide Simonis habe versucht, Garlichs bespitzeln zu lassen. Manchmal müsse man sich schon fragen, "wie dumm muss man eigentlich sein", sagte Heraeus zu den falsch gemachten Angaben, die der Organisation im Februar obendrein das renommierte Spendensiegel des DZI kosteten.

"Wir brauchen wieder das Vertrauen. Das hat sehr gelitten in den vergangenen Monaten", erklärte Heraeus und machte deutlich, dass man auf eine offizielle Geschichtsschreibung des Konflikts, der sich auch internen Quellen zufolge entlang der Grenzen zur Schlammschlacht abspielte, gerne verzichten möchte. "Es geht hier schließlich um die Kinder", sagte Heraeus immer wieder. Und denen sei nur durch mehr Transparenz im eigenen Laden zu helfen.

Einbußen von 20 Prozent

Transparenz sei das Gebot der Stunde, glaubt auch Maria von Welser, die mit auffällig autoritärem Habitus durch das heutige Programm führte. Der neue Geschäftsbericht sei wesentlich präziser als die vergangenen. Der Beweis dafür finde sich auf Seite 47, die Gewinn- und Verlustrechnung. Neue Posten seien eingearbeitet, manche Angaben konkretisiert worden. Die Spendeneinnahmen bis Ende Mai seien im Vergleich zum Vorjahr rückläufig, auf 20 Prozent könne man die Einbußen beziffern. Allein 38.000 Fördermitglieder hätten sich nach der "Verschwendungsaffäre" von Unicef abgewandt. Es gelte nun vor allem, die Kleinspender wieder an Bord zu holen und das Vertrauen der Ehrenamtlichen wieder zu gewinnen, sagte Heraeus.

Allerdings sei die Lage bei den rund 8000 Helfern, die auf Straßen und in Kaufhäusern um Spenden für Kinder in aller Welt werben, gar nicht so dramatisch wie man vielleicht annehmen sollte, sagte Carmen Creutz, Sprecherin des Beirats der Ehrenamtlichen. Allein eine Ortsgruppe habe sich aufgelöst. Zwar seien nach dem Fiasko kurz vor dem vergangenen Weihnachtsgeschäft alle sehr erschüttert und verunsichert gewesen, doch halten die meisten der Organisation weiter die Stange. Wie überzeugt die Spendenbeschaffer sind, zeige eine Aktion in Magdeburg. Dort versteigere man Geschenkkörbe unter dem Motto "Keinen Korb für Unicef".

"Jetzt erst recht"

Auch die meisten Großspender haben sich von der Affäre offenbar nicht schrecken lassen. "Natürlich hatten wir anfangs das Gefühl, dass Unicef mit dem Sturm der Kritik der überfordert war", sagte Niklas Dörr stern.de. Der Vorstand von Fleurop fühlte sich dabei ein wenig allein gelassen. Als der Sturm nachließ, habe man aber gesagt, "jetzt erst recht" und die Blumenstrauß-Aktionen im Internet nun sogar auf die Filialen ausgeweitet.

Experten reagieren auf den Neuanfang bei Unicef hingegen noch recht distanziert. "Der neue Vorstand arbeitet erst seit einigen Wochen zusammen", erklärte Sylvia Starz vom Deutschen Fundraising-Verband. Da sei es noch zu früh, ein Urteil zu fällen. "Aber ich denke sie sind auf einem guten Weg." Sie würde Unicef raten, Fundraiser künftig fest in der Organisation zu installieren. Wie Unicef mit umstrittenen professionellen Spendeneintreibern auf Provisionsbasis umgehen wolle, ließ Heraeus indes heute noch offen. Für das laufende Jahr kämen solche Aufträge jedenfalls nicht in Frage. Danach müsse man weitersehen.

Kein Häme und Spott für die Deutschen

Sollte der einflussreiche Unternehmer Unicef glaubwürdig aus der Krise befreien, könnte er 2010 auch wieder das DZI-Spendensiegel beantragen. "Wir beobachten die Situation bei Unicef und es gibt auch einen Austausch im Rahmen der Möglichkeiten", sagte Burkard Wilke, Geschäftsführer des DZI, stern.de. Mehr möchte er derzeit öffentlich nicht kommentieren.

Inzwischen gab es auch ein Treffen der 36 nationalen Unicef-Komitees in Barcelona. Thema sei auch das unglückliche Krisenmanagement der deutschen Kollegen gewesen, teilte Ann Kathrin Linsenhoff mit, die als stellvertretende Vorsitzende das Meeting besuchte. Mit Häme und Spott seien die Deutschen dabei nicht überschüttet worden. Ganz im Gegenteil: Man hätte die Causa Deutschland vielmehr zum Anlass genommen, auch im eigenen Land nochmals genau nach dem Rechten zu sehen.


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