Unternehmen Mit Aldi in die Sonne

Möglicherweise liegen bald Reisekataloge an der Aldi-Kasse: Aldi und TUI planen den gemeinsamen Verkauf günstiger Reisen.

Europas führender Touristikkonzern TUI berät nach Angaben aus Konzernkreisen mit der größten deutschen Discountmarkt-Kette Aldi über den gemeinsamen Verkauf preisgünstiger Reisen.

Es gebe seit einigen Wochen konkrete Gespräche zwischen dem von TUI im Januar mehrheitlich übernommenen Reiseveranstalter "Berge und Meer" und Aldi, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag aus den Kreisen. "Berge und Meer" ist deutscher Marktführer beim Direktvertrieb von Reisen außerhalb der Reisebüros und hat trotz Reiseflaute starke Zuwächse.

Nach dem Vorbild von Reiseangeboten in Läden des Kaffeerösters Tchibo oder über den Otto-Versand könnten auch in den Filialen der Discountkette speziell auf Aldi-Kunden zugeschnittene Reisen offeriert werden. Diese könnten dann telefonisch über Call-Center des TUI-Veranstalters oder das Internet gebucht werden, hieß es in den Kreisen. Wann eine Entscheidung falle, sei noch nicht absehbar.

"Aldisierung" von TUI?

Sprecher von TUI und "Berge und Meer" wollten die Angaben am Donnerstag nicht kommentieren. Eine Aldi-Nord-Sprecherin bestritt Pläne für Reiseangebote. Aldi war 2001 in Deutschland mit 3530 Verkaufsstellen und knapp 22 Milliarden Euro Umsatz größter Discounter vor Plus und Lidl. In der Touristik- wie der Lebensmittelbranche wird seit längerem über das Interesse von Aldi und anderen Discountketten am Reisegeschäft spekuliert.

Branchenanalysten bewerteten die TUI-Pläne weitgehend positiv. Christian Obst von der Hypovereinsbank sieht allerdings die Gefahr einer "Aldisierung" des Qualitätsnamens TUI. Dennoch sei es richtig, jeden Vertriebsweg zu nutzen. "Aldi steht nicht einfach für billig, sondern für preiswert und gut", sagte Raimon Kaufeld von der DZ Bank. "Mit dem Einstieg bei Aldi käme TUI bei Billigreisen einen großen Schritt voran." Die seit Wochen wegen Konsumflaute und Irak-Krise kontinuierlich im Wert fallende TUI-Aktie notierte nach zunächst weiteren Verlusten am Donnerstagabend mit plus 1,5 Prozent bei 9,15 Euro.

"Berge und Meer" wächst auch in der Reisekrise

Der Direktvertrieb von Reisen außerhalb von Reisebüros über zeitlich begrenzte Angebote im Lebensmittelhandel, an Tankstellen, Lotto-Annahmestellen oder zuletzt auch verstärkt über spezielle Reise-Fernsehkanäle ist ein stark wachsendes Geschäft. "Berge und Meer" machte 2002 in Deutschland trotz der allgemeinen Reiseflaute ein Umsatzplus von fast 30 Prozent auf 132,5 Millionen Euro. TUI war Ende 2001 bei der "Berge und Meer"-Muttergesellschaft EVS mit einer Minderheitsbeteiligung eingestiegen und hat diese im Januar auf 75 Prozent erhöht.

Auch für die noch laufende Wintersaison und die kommende Sommersaison liege "Berge und Meer" derzeit gut 30 Prozent über dem Vorjahr, sagte Geschäftsführer Klaus Scheyer. Zur Frage einer Kooperation mit Aldi wollte sich Scheyer nicht äußern. "Branchenspekulationen möchte ich nicht kommentieren", sagte er. "Berge und Meer" biete preiswerte Reisen an, aber nicht unbedingt mit einfachstem Standard. Es gebe zahlreiche Vier- und Fünf-Sterne-Hotels allerdings zu vergleichsweise günstigen Preisen. Direktvermarkter profitieren davon, dass sie keinen festen Katalog für eine ganze Saison anbieten, sondern nur befristet bestimmte Reisen preisgünstig offerieren und so das ganze Jahr über mit "Schnäppchen" um Urlauber werben können.

TUI-Konzernchef Michael Frenzel hatte vorige Woche als Reaktion auf die Konsum- und Reiseflaute angekündigt, dass Europas größter Touristikkonzern künftig sein Sortiment an besonders preiswerten Reisen ausbauen werde. Dabei sei auch ein eigener TUI-Low-Cost-Veranstalter denkbar, ähnlich wie im Flugbereich die Billiggesellschaft Hapag-Lloyd Express. Im Bereich von preiswerten Reisen rangiert TUI bisher mit seiner Billigmarke 1-2-Fly noch hinter den Konkurrenz-Marken der Konzerne Thomas Cook<KARG.DE> und Rewe Touristik.

Andreas Möser

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