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Fleischindustrie Die Corona-Ausbrüche in US-Schlachthöfen wurden in Deutschland monatelang ignoriert

Die Fleischindustrie in den USA besteht aus wenigen gigantischen Betrieben.
Die Fleischindustrie in den USA besteht aus wenigen gigantischen Betrieben.
© Jim Ruymen / Picture Alliance
Schon im März verwandelten sich die Schlachthöfe der USA in Corona-Hot-Spots. Trotz starker Vorsichtsmaßnahmen breitete sich das Virus aus. In Deutschland hätte man alarmiert sein müssen, doch bei Tönnis schlachtete man munter weiter.

Die Covid-19-Ausbrüche in der deutschen Fleischverarbeitung haben Bundesland und Landkreis überrascht, nur mit großen Schwierigkeiten und Verzögerungen gelang es etwa, die Wohnungen der bei Tönnies Beschäftigten ausfindig zu machen. Tatsächlich handelte es sich um eine angekündigte Katastrophe, auf die man sich weit besser hätte vorbereiten können.

In den Schlachthöfen der USA ereignete sich exakt das Gleiche – nur bereits im März. Die Fälle sind gut dokumentiert und über sie wurde breit berichtet. Im April veröffentlichte die New York Times einen umfangreichen Bericht, der die Probleme zusammenfassend analysierte. Lehren hat man in Nordrhein-Westfalen daraus nicht gezogen. Dabei sind sich Strukturen der Fleischindustrie von USA und Deutschland ähnlich.

Konzentrierte Großbetriebe

Mit Bauernhofidylle und tier- beziehungsweise menschengerechter Haltung haben beide Industrien nichts gemeinsam. Die Schlachthöfe sind zentralisierte Riesenbetriebe. Beim Rindfleisch sind in den ganzen USA kaum mehr als 50 Betriebe für bis zu 98 Prozent der Schlachtungen verantwortlich, so die "NYT". Deutschland rühmte sich, dass nirgendwo sonst so viel Fleisch so billig verarbeitet wird.

Die Arbeitsbedingungen in den Zerlegeabteilungen ähneln sich. Viel Menschen arbeiten eng nebeneinander. Es ist eine schweißtreibende, anstrengende Arbeit, bei der niemand verhalten atmen kann. Die Räume sind gekühlt, was die Atemluft verstärkt zu Tröpfchen kondensieren lässt. Und so die Ansteckungsgefahr stark ansteigt.

Bessere Arbeitsbedingungen in den USA

In den USA wurden die Schlachthöfe zu Hotspots der Pandemie, obwohl die Grundbedingungen weit besser sind, als im Billiglohnland Deutschland. Die meisten Arbeiter in den USA sind gewerkschaftlich organisiert. Die Gewerkschaften haben einen festen Stand und viel Einfluss in den Schlachtbetrieben. Anders als bei Amazon oder in den großen Frucht- und Gemüsemärkten in den USA. Die Aufsicht durch die Verwaltung gilt als sehr streng. Ganz anders als in Deutschland, wo ausländische Entsendearbeiter ausgebeutet wurden. Die USA kennen in der Brache auch nicht das Problem, dass die Arbeiter in Sammelunterkünften untergebracht werden.

In den USA mussten mehr als ein Dutzend Betriebe vorübergehend schließen. In South Dakota entpuppte sich eine Fabrik für Schweinefleisch in Sioux Falls als größter "Hotspot" des Bundesstaates, etwa 16 Prozent der 3700 Beschäftigten wurden positiv auf das Virus getestet. Viele der Beschäftigten waren jung und topfit, ähnlich wie im europäischem Hotspot Ischgl hatten sie die Infektion überhaupt nicht bemerkt.

Größe allein ist schon ein Problem

Damals hätte man auch in Deutschland aufhorchen müssen. Denn die Ausbrüche in den USA waren nicht auf sträflichen Leichtsinn zurückzuführen. Die Betriebe ergriffen alle erdenklichen Maßnahmen, um eine Infektion zu verhindern. Sie stellten Trenner aus Plexiglas auf, teilten Schutzkleidung und Masken aus. "Aber es ist nicht leicht, die Arbeiter zwei Meter auseinanderzubringen", kommentierte Dr. William Schaffner, Professor an der Vanderbilt University. Viele Tätigkeiten, etwa das Herausziehen von Därmen und Eingeweiden, sind mit großen Bewegungen des Körpers verbunden. Die fließbandartigen Anlagen sind nicht auf größere Abstände eingerichtet und lassen sich nicht einfach umstellen.

Dazu kommt ein weiterer Risikofaktor: Die schiere Größe der Betriebe und die hohe Zahl der Beschäftigten pro Anlage. "Wenn man eine solche Größe erreicht, erhöht sich das Risiko", sagte Ben Lilliston, Leiter des Instituts für Landwirtschaft und Handelspolitik in den USA, der "NYT. "Wenn in einer wirklich großen Anlage etwas schief geht, hat man ein wirklich großes Problem. Das sind anfällige Systeme."

Quelle: NYT, Economist


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