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Walt Disney: Siege für den König von Hollywood

Michael Eisner, der König von Hollywood, steigt im Herbst von seinem Thron. Zum Abschied wienerte er sein Schloss auf Hochglanz. Wer genau hinschaut, erkennt indes hässliche Risse in der Fassade.

Von Karsten Lemm

Hinter den sieben Bergen, bei Schneewittchen und den sieben Zwergen lebt der Mann, der einmal der König von Hollywood war: Michael D. Eisner, Vorstandschef des Medienriesen Disney. Seit 21 Jahren steht Eisner an der Spitze des wohl berühmtesten Unterhaltungskonzerns der Welt, doch zuletzt war seine Regentschaft getrübt von finanziellen Krisen, Gerichtsprozessen und Streitereien mit Roy Disney, dem Neffen des legendären Firmengründers Walt.

Am 1. Oktober wird Eisner von seinem Thron steigen und das Zepter an Bob Iger übergeben, seinen bisherigen zweiten Mann im Staat - und beinahe wie im Märchen lösen sich plötzlich alle Probleme, die Eisner plagten, in Wohlgefallen auf. Anfang der Woche präsentierte Disney so fabelhafte Quartalszahlen wie schon lange nicht mehr: 7,7 Milliarden Dollar Umsatz allein von April bis Juni, davon 851 Millionen Gewinn, macht eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um satte 41 Prozent. Als sei das noch nicht Grund genug zum Feiern, sprach ein Richter am selben Tag Eisner und den Disney-Aufsichtsrat vom Vorwurf frei, Firmengelder zum Schaden von Anlegern verschwendet zu haben. Selbst Roy Disney gibt inzwischen wieder Frieden, nachdem Bob Iger ihm einen neuen Posten in der Firma versprochen hat.

Kräftige Schelte für Disney-Boss

Wäre dies ein Hollywood-Film, würden nun die Streicher einsetzen, und Eisner hätte sein Happy End. Doch bei näherem Hinsehen zeigen sich Risse in der Fassade: Den hohen Quartalsgewinn verdankt Disney überwiegend seinen Fernsehsendern ABC und ESPN - die Filmsparte dagegen produzierte Flops in Serie und landete tief in den roten Zahlen. Auch der gewonnene Prozess dürfte Eisner nicht rundum glücklich gemacht haben, denn der Richter verteilte in seinem Urteil kräftig Schelte - und überwiegend traf sie den Disney-Boss.

In dem Prozess, der Hollywood neun Monate lang bessere Unterhaltung lieferte als viele Soap-Operas, ging es um die vorzeitige Entlassung des ehemaligen Star-Agenten Michael Ovitz: Eisner hatte Ovitz erst mit Engelszungen überredet, im August 1995 zu Disney zu wechseln - nur um ihn kaum ein Jahr später wieder aus der Firma zu drängen. Weil Ovitz kein Versagen als Manager vorzuwerfen war, versüßte Disney ihm den Abgang mit einer Abfindung im Wert von 140 Millionen Dollar. Aufgebrachte Anleger warfen Eisner vor, zu ihrem Schaden bei Disney nach Gutdünken zu schalten und zu walten, und klagten ihrerseits auf über 260 Millionen Dollar Schadenersatz.

Der Machtmensch Eisner

Die verwehrte ihnen der Richter, weil er in Eisners Handeln keinen Vorsatz bewiesen sah - aber sonst gab er dem Disney-Boss "kräftig eins auf die Finger", wie das Fachblatt "Variety" kommentierte: Nicht nur, dass der Richter in Eisners Führungsstil "ein machiavellistisches Wesen" entdeckte; er warf dem 63-jährigen Topmanager außerdem vor, er habe "viele Fehler" gemacht und sich gebärdet wie ein "allmächtiger und unfehlbarer König in seinem eigenen Magic Kingdom".

Wie das in der Praxis aussah, lässt sich nachlesen im Bestseller "Disney War", der im September auch auf Deutsch erscheint. In süffisanten Details beschreibt der Autor James B. Stewart auf über 500 Seiten, wie Eisner einen Rivalen nach dem anderen ausschaltet und auch sonst nicht gerade ein freundliches Betriebsklima schafft. In einer besonders pikanten Passage schlägt Ovitz vor, den Chef des Fernsehsenders ABC mit einem Geschenk zu belohnen. "Wozu?", fragt Eisner. "Er hat einen Vertrag, er läuft nicht weg." Darauf Ovitz, verblüfft: "Willst du denn nicht, dass er sich wohlfühlt in seinem Job?" - "Muss nicht sein", antwortet Eisner.

Eisner ist und bleibt der größte Einzelaktionär

Weggelaufen ist der Manager tatsächlich nicht; er wird sogar jetzt Eisners Nachfolger: Es war kein anderer als Bob Iger - und der ist jetzt damit beschäftigt, in Mickys Märchenreich wieder Frieden zu stiften. Als Erstes schlichtete der 54-Jährige den Zwist mit Roy Disney, mit dem Eisner sich ebenfalls verkracht hatte; dann nahm er Gespräche mit dem Apple-Chef Steve Jobs wieder auf, der zugleich Vorstandsboss des Trickfilmhauses Pixar ist - einem der wichtigsten Disney-Partner. "Solange Michael Eisner da ist, kann ich mit Disney keinen Deal mehr machen", hatte Jobs laut "Disney War" in einem Telefonat mit Roy Disney geklagt und gedroht, den Pixar-Vertrag nach dem nächsten Film ("Cars") auslaufen zu lassen.

Mit Iger jedoch, einem diplomatischen, zurückhaltenden Mann, kommt Jobs offenbar besser klar: In einem Gespräch mit Analysten gab der Pixar-Chef sich Anfang August "vorsichtig optimistisch", dass die beiden Firmen ihre lukrative Partnerschaft doch noch fortsetzen könnten. Allein an der Kinokasse haben die sechs Pixar-Filme, von "Toy Story" bis zu den "Unglaublichen", bisher weltweit mehr als drei Milliarden Dollar eingespielt. Dazu kommen etliche Millionen DVDs, Spielzeuge und Plüschfiguren. Pixar produziert die Filme, Disney vertreibt sie und hilft bei der Vermarktung der Figuren.

Wie es mit Disney nach seinem Ausstieg weitergeht, kann auch Eisner nicht egal sein. "Ich bin der größter Einzelaktionär der Walt Disney Company und habe auch vor, es zu bleiben", sagte er am Dienstag gegenüber Analysten, die außerdem wissen wollten, wie er sich denn wohl demnächst die Zeit vertreiben wolle. "Keine Ahnung", antwortete Eisner - nur eins sei klar: nicht mit Golfen. "Spätestens nach 13 Löchern wird mir langweilig."