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Windkraft 2.0: Regierung setzt auf verbesserte Modelle

In Deutschland läuft eine Windrad-Austauschoffensive. Alte Anlagen werden durch leistungsstärkere ersetzt. Repowering heißt das Geschäft, das von der Regierung als Zauberformel bei der Energiewende gesehen wird. Doch was passiert mit den ausrangierten Windrädern?

Der Gigant von einst liegt zerstückelt auf einem Rübenacker in Sachsen-Anhalt und sieht aus wie ein gefällter Baum. Zwölf Jahre hielt das 74 Meter hohe Windrad "WW 750/52" in Borne bei Magdeburg seine Flügel in den Wind. Pro Jahr konnte es umgerechnet etwa 385 Haushalte mit Strom versorgen. Jetzt ist es abmontiert und wartet auf den Abtransport. "Es muss Platz machen", sagt der für den Abbau verantwortliche Bauleiter Silvio Matysik. Für eine neue Dimension.

Die steht in 500 Meter Entfernung und dreht bereits eifrig ihre Flügel: eine "E-82". Das Windrad der Firma Enercon zählt zu den neuen Giganten der Windenergie. Mit 138 Metern Höhe und 40 Meter langen Rotorblättern ist es fast doppelt so groß wie das "WW 750/52". Und kann knapp viermal soviel Strom produzieren. In Borne werden daher bald zwölf dieser Riesen-Räder stehen - und 19 alte, kleinere ersetzen.

Repowering heißt es, wenn viele alte Windräder durch wenige leistungsstärkere getauscht werden. Ein aufwendiges Geschäft - das sich für die Betreiber von Windparks aber lohnt. "Mehr Leistung bedeutet mehr Strom. Und das bedeutet mehr Geld von den Stromanbietern", sagt Ian Grimble. Er ist der Geschäftsführer der psm WindService GmbH & Co. Der Firma im nordrhein-westfälischen Erkelenz gehören sieben der zwölf neuen Riesen-Räder in Borne.

Alte Giganten an neuen Standorten

Und auch vom Staat gibt's Geld: Für eine Kilowattstunde Strom von einem Windrad, das eine mehr als zehn Jahre alte Anlagen ersetzt, zahlt er rund 0,5 Cent extra. "Das dient auch der Entspargelung der Landschaft", hatte Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) diese von der Regierung geförderte Austauschoffensive gepriesen.

Aus diesen Gründen entscheiden sich immer mehr Betreiber fürs Repowern - und eröffnen damit einen neuen Markt. "In diesem Geschäft geht es seit zwei Jahren steil bergauf", sagt Jan Büsing von der Deutschen Windtechnik AG in Bremen. Die Firma hat sich auf Repowering spezialisiert. In Borne etwa wickelt Büsing für Grimble den Abbau der Windräder ab - und kümmert sich darum, was danach mit ihnen passiert.

"Die meisten Altanlagen haben ein zweites Leben an einem neuen Standort", sagt Büsing. Gebrauchte Windräder aus Deutschland drehen ihre Flügel vor allem in Osteuropa und in Ländern des Baltikums weiter. Der Verkauf dorthin ist mittlerweile allerdings nicht mehr so einfach. "Gesetze haben sich geändert", erklärt Büsing. "Auch dort kriegt man nicht mehr jede Anlage ans Netz." Der Grund: Alte Anlagen können das Stromnetz nicht stabilisieren. Neue Windräder schon.

Problemfall Rotorblätter

Was also passiert mit alten oder defekten Rädern? Dies fragen nicht nur Umweltschützer angesichts der etwa 22.000 Windräder, die in Deutschland mittlerweile Strom produzieren.

"Ein Großteil der Anlagen kann ohne Probleme wiederverwertet werden", sagt Alexander Sewohl vom Bundesverband Windenergie. "Zum Beispiel der Beton und der Stahl der Türme." Problematisch sind allerdings die Rotorblätter. Sie bestehen vor allem aus Fieberglas - also aus Glassträngen, die mit Harz verklebt sind - und gelten als schwer zu recyceln. Deswegen landeten sie in der Vergangenheit nicht selten auf der Deponie. Das ist seit einigen Jahren aber verboten.

Laut einer Branchenstudie, über die auch "Zeit Online" berichtet hatte, werden im Jahr 2020 allein in Deutschland etwa 20 000 Tonnen Rotorblattmaterial anfallen. Zwei Unternehmen aus dem Norden haben daher ein Verfahren entwickelten, die alten Windradflügel doch noch zu nutzen. "In Versuchen haben wir die chemische Eignung für die Zementproduktion festgestellt", sagt der Geschäftsführer des Entsorgungsunternehmen Zajons, Jörg M. Lempke.

Das 10.000-Euro-Angebot

Dafür werden die Rotorblätter zuerst in einer Anlage im niedersächsischen Melbeck zerkleinert und angereichert. Von dort kommt das Gemisch ins Zementwerk des Baustoffkonzerns Holcim. "Wir nutzen die zerkleinerten Rotorblätter als Ersatz für natürliche Roh- und Brennstoffe, wie zum Beispiel Braunkohle und Sand", sagt Ingenieur Stephan Hinrichs. Die bei der Verbrennung entstehenden Aschen würden dann bei der Produktion von Zement eingesetzt. Die Nachfrage nach dem pro Windrad etwa 10.000 Euro teuren Angebot halte sich bisher allerdings noch in Grenzen, berichtet Lempke.

In Zukunft könnte sich das allerdings ändern. Windpark-Betreiber Grimble etwa denkt bereits darüber nach. "Wir mussten bisher noch nicht recyceln", sagt er. Für zwei seiner alten Windräder aus Borne habe er aber noch immer keinen Abnehmer gefunden. "Das Recyceln wäre eine Option, die Flügel loszuwerden." Denn lange zwischenlagern will er die Blätter auf keinen Fall. "Das ist auf Dauer zu teuer."

Silke Katenkamp, DPA / DPA