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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne Griechische Millionäre unterstützen Hartz-IV-Empfänger


In der Eurokrise kennt das Geld nur eine Richtung: von Deutschland in die Schuldenstaaten. Ist das so? Tatsächlich sind die Geldflüsse weit komplexer. Sie landen auch in überraschenden Kanälen.
Von Thomas Straubhaar

Die Eurokrise ist hoch komplex. Was auf den ersten Blick klar und eindeutig scheint, wird bei genauem Hinsehen vielfältig und mehrdimensional. Das gilt besonders bei der Frage, wer eigentlich von der Eurokrise in welcher Form profitiert oder wer belastet wird. Niemand zweifelt daran, dass Griechenland massiv von Deutschland unterstützt wird. Fakt aber ist, dass es auch Kapitalflüsse gibt, die genau umgekehrt laufen. Das kann dann zu ganz überraschenden Folgewirkungen führen.

Wie in einschlägigen Medien gut dokumentiert, schaffen es wohlhabende Griechen bis jetzt ohne große Anstrengung, ihr Vermögen außer Landes zu bringen, um es vor dem Zugriff des Fiskus zu schützen. Beliebtes Ziel ist bekanntlich die Schweiz. Entsprechend seiner Funktion als Fluchthafen kam der Schweizer Franken unter Aufwertungsdruck. So sehr, dass am 6. September 2011 die Schweizerische Nationalbank (SNB) in einer historischen Pressemitteilung verkünden musste, dass sie, eine "deutliche und dauerhafte Abschwächung des Frankens" anstrebe und ab sofort keinen Wechselkurs von weniger als 1,20 Franken für einen Euro zu tolerieren bereit sei. "Die Nationalbank wird den Mindestkurs mit aller Konsequenz durchsetzen und ist bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen."

Drehscheibe des Devisenverkehrs

Mit ihrer Ankündigung eines Mindestkurses wurde die Schweiz mittlerweile einer der weltweit größten Währungsspekulanten. Denn weil viele Anleger dem Euro misstrauen, fühlen sie sich im Schweizer Franken sicherer. Also treiben sie den Preis des Frankens nach oben. Entsprechend muss die SNB für eine Verbilligung sorgen, in dem sie neu gedruckte Franken auf den Markt wirft und diese gegen Euro tauscht. Das führte dazu, dass die SNB Ende August 2012 fremdes Geld im Wert von über 420 Milliarden Franken besaß. Das entspricht mehr als 70 Prozent des schweizerischen Bruttoinlandproduktes (BIP).

Vor allem aber ist die Schweiz zu einer noch einmal wichtigeren Drehscheibe des Devisenverkehrs geworden. Mehr als 60 Prozent der Währungsreserven von 420 Milliarden Franken wurden in Euro gehalten. Ende Juni 2012 bilanzierte die SNB einen Bestand von 182,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: ein Jahr zuvor, Ende Juni 2011, waren es 89,3 Milliarden Euro - also weniger als die Hälfte. Anders formuliert: Die SNB hat zwischen Sommer 2011 und Sommer 2012 mehr als 93 Milliarden Euro zusättzlich im Euroraum angelegt, bis Ende August 2012 dürften es sogar gegen 120 Milliarden Euro geworden sein.

Da der überragende Teil der schweizerischen Währungsreserven in Wertschriften gehalten werden, dürfte der Großteil der Eurozukäufe von rund 120 Milliarden in Form von Staatsanleihen erfolgt sein. Zwar hält sich die SNB bedeckt bei der Frage, aus welchen Euroländern Anleihen besonders stark nachgefragt wurden. Aber es braucht wenig Fantasie, um davon auszugehen, dass die auf Sicherheit bedachten Schweizer eher Deutschland oder die Niederlande und weniger Griechenland oder Portugal gewählt haben dürften.

Erfreulicher Zinssenkungseffekt für Deutschland

Hier nun wird es für den deutschen Finanzminister interessant. Das Bundesfinanzministerium konnte von Januar bis einschließlich Juli 2012 seinen Bruttokreditbedarf von insgesamt 167,6 Milliarden Euro zu äußerst günstigen Zinsen stillen. Als Folge davon ging die Zinslast des Bundes von Januar bis und mit August 2012 um 1,7 Milliarden Euro (oder 5,8 Prozent) von 29,2 Milliarden auf 27,5 Milliarden Euro zurück. Noch nie war es für das wiedervereinigte Deutschland so günstig, sich zu verschulden. Für die Zinszahlungen auf der Staatsschuld müssen die öffentlichen Haushalte in Deutschland heute gerade einmal noch 1,8 Prozent des BIP aufwenden, vor der Finanzmarktkrise 2008 waren es noch 2,4 Prozent und zu D-Mark-Zeiten unmittelbar vor Einführung des Euro im Jahre 1998 waren es noch 3,0 Prozent des BIP gewesen.

Natürlich ist es spekulativ auszurechnen, welchen Beitrag die Nachfrage der SNB nach deutschen Staatsanleihen zum erfreulichen Zinssenkungseffekt für Deutschland leistete. Und es lässt sich nicht belegen, wie stark der Einfluss des Drehscheibeneffektes ausfällt. Aber zumindest darf vermutet werden, dass das Fluchtgeld aus Südeuropa einen wesentlichen Grund für den Aufwertungsdruck des Schweizer Frankens darstellt und somit wenigstens mit zum Kauf deutscher Staatsanleihen führte.

Um es stilisiert und mithin stark vereinfacht, aber ganz konkret darzustellen: Auf welchem Kanal auch immer kommen Euro-Fluchtgelder in die Schweiz, werden dort von der SNB gegen mehr oder weniger frisch gedruckte Schweizer Franken getauscht. Die SNB ihrerseits nimmt dann die neu erworbenen Euro, kauft damit deutsche Staatsanleihen und muss sich mit minimalen Zinssätzen begnügen. Der Bundesfinanzminister nimmt die ihm so billig zufließenden Euro, um damit die Infrastruktur auszubauen oder Sozialhilfegelder auszubezahlen. Mit anderen Worten: Am (vorläufigen) Ende der Reise haben Euro aus den Taschen reicher Griechen ihren Weg in die Geldbörse von Hartz IV-Empfängern gefunden. Noch Fragen, wer vom Euro profitiert?


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